Szene aus dem Programm "Senioren-Surfer" | Sveriges Television AB

Schweden Senioren-Nachhilfe im Fernsehen

Stand: 11.05.2021 19:53 Uhr

Bankgeschäfte, Coronatest- und Impftermine: All das wird in Schweden per App erledigt. Wer älter ist und das Internet nicht nutzt, hat es schwer - das wirft alle zurück, die Fürsorge besonders brauchen.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Schon seit Jahren bekommt Schweden viel Lob aus dem Ausland: Ein Land mit Vorbildfunktion, weit voran geschritten und sehr erfolgreich - das schreiben internationale Medien gerne. Aber es gibt auch die andere Seite der Modernität: 600.000 Menschen sind nicht dabei im digitalen Alltag. Denn so viele nutzen selten oder nie das Internet. Und das ist hier gerade ein Problem: Denn die ohne Internet und Smartphone sind die, die zuerst geimpft werden sollen.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Gunilla Matheny von der Senioren-Hotline Äldrelinjen hört regelmäßig die gleichen Geschichten von ihren Anrufern - vor allem zur Buchung von Impfterminen. "Sie sagen, ich soll meine Tochter um Hilfe bitten, aber ich habe keine Tochter, ich habe keine Kinder", schildert sie. "Sie sagen, ich soll die Nachbarn fragen, wie ich einen Termin buchen kann, aber ich treffe meine Nachbarn ja nicht, aus Angst mich anzustecken."

Was wird aus Demenz-Patienten?

Um es konkret zu machen: In Schweden geht nichts ohne die App "Bank-ID". Damit legitimiert man sich bei allen möglichen digitalen Diensten: von der Schul-App bis hin zur Gesundheits-Ärzte-App. Wer sich da nicht einloggen kann, ist so gut wie raus: Zum Beispiel ist es fast unmöglich einen Coronatest zu bekommen. Bei den Über-70-Jährigen hat jeder dritte diese App nicht, bei den Über-80-Jährigen sind es mehr als die Hälfte.

"Es können auch Sprachprobleme oder mentale Beeinträchtigungen ursächlich sein", erzählt Matheny, bei der auch Personen mit beginnender Demenz anrufen. "Es hat also nicht unbedingt mit Alter zu tun, auch wenn wir wissen, dass Alter der Hauptfaktor für digitale Ausgrenzung ist."

Szene aus dem Programm "Senioren-Surfer" | Sveriges Television AB

Mit Spaß gegen digitalen Frust: die Sendung "Senioren-Surfer" will praktische Hilfe beim Umgang mit dem Internet bieten. Bild: Sveriges Television AB

App-Nachilfe im Fernsehen

Inzwischen - nach lautstarken Protesten von Rentervereinen - ist es möglich, auch ganz old school zu buchen: per Telefon. Es gab allerdings wieder ein Problem: Denn die Information, dass Telefonbuchungen nun möglich sind, wurde im Internet veröffentlicht. Und die analoge Variante funktioniere nur so mittelgut, sagen die Freiwilligen der Senioren-Hotline: Erst müssten die Anrufer sehr lange in der Warteschleife ausharren und dann seien die wenigen telefonisch verfügbaren Termine schon ausgebucht. Das Spiel beginne also einige Tage später von vorne.

Eine Sendung, die im schwedischen Fernsehen zur besten Sendezeit läuft, spricht Bände: Das Programm hießt "Senioren-Surfer" und richtet sich an die, die digital nicht klarkommen. Was ist eine App, wo kriege ich sie her? - Solche Fragen werden in der Sendung geklärt. Inzwischen sind bereits zwei Staffeln erschienen - es scheint eine Nachfrage zu geben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Mai 2021 um 08:38 Uhr.