Ein Polizist an einem abgesperrten Tatort in Göteborg, Schweden  | EPA

Kriminalität Schwedens Banden-Problem

Stand: 31.07.2021 08:27 Uhr

Seit Jahren hat Schweden ein massives Problem mit kriminellen Gangs. Politik und Sicherheitskräfte versuchen, die Lage in den Griff zu bekommen. Bisher allerdings mit mäßigem Erfolg.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Das Internetvideo zeigt einen jungen Mann, der vom Beifahrersitz aus mit einer Schnellfeuerwaffe wahllos in die Dunkelheit schießt. Im Hintergrund leuchtet das Schild einer schwedischen Supermarktkette. Mit diesen Videos zeigen die Banden, was sie drauf haben, und dass sie zu allem bereit sind. Besonders aktiv sind die Kriminellen in den Vororten der großen Städte - wie hier in Rinkeby-Kista, nördlich von Stockholm. Eine triste Gegend mit vielen Hochhäusern. 

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Carolina Sinisalo hat hier lange mit ihren Kindern gelebt, bis es vor fünf Jahren direkt vor der Tür des Häuserblocks zu einer Schießerei kam. Zwei ihrer Söhne standen draußen zum Rauchen, als maskierte junge Männer das Feuer eröffneten: "Er hat sich in etwa so vor seinen Bruder gestellt, um ihn zu schützen", erzählt sie und breitet die Arme aus. "Dann haben sie geschossen. Hier sieht man immer noch ein Einschussloch. Und hier ist Robin gestorben."

Robin wird nur 15 Jahre alt. Sein älterer Bruder überlebt schwer verletzt. Die Polizei kann den Fall bis heute nicht aufklären. Das Motiv der Täter: unklar.

Jung und abgehängt

Es ist nur ein Fall von vielen. Laut der Behörde für Kriminalprävention steigt in Schweden seit Mitte der 2000er-Jahre die Zahl der Toten durch Schusswaffengewalt an. In keinem anderen europäischen Land gäbe es eine vergleichbare Entwicklung, fast nirgendwo so viele Tote.

Es seien vor allem junge Männer, die zur Waffe greifen - oft aus der zweiten Migrationsgeneration, erzählt Amir Rostami, ein Soziologe, der sich viel mit Gang-Kriminalität beschäftigt: "Viele meinen, dass schlechte Integration ein Teil des Problems sei. Ja, da stimme ich zu." Alle sozialen Probleme verursachten zusammen neue Herausforderungen. "Aber wenn man nach Deutschland schaut, sieht man, dass Ihr die gleichen Migrationsherausforderungen hattet wie wir in Schweden." Er vertrete dennoch die Meinung, dass man mit effektiver Verbrechensbekämpfung und Prävention viel erreichen könne - was man viele Jahre versäumt habe.

Inzwischen ist die Gang-Kriminalität in Schweden ein Dauerthema. Dass hier etwas versäumt wurde, räumt auch Innenminister Mikael Damberg im ARD-Interview ein: Über Jahre seien arme Wohngebiete entstanden, die man alleine gelassen habe. "Der Staat war nicht da, die Polizei nicht vor Ort - da hat Schweden einen Fehler gemacht." Nun gelte es, der Polizei neue Kompetenzen zu geben, wie etwa zur Überwachung von Handys.

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Mehr Personal bei der Polizei und mehr Prävention - damit will die jetzige Regierung das Problem in den Griff bekommen. Noch berichten die Medien jedoch regelmäßig über Schießereien: Vor einem Monat wurden zwei Kinder auf einem Spielplatz schwer verletzt, als Gangs in der Nähe in Streit gerieten und die Waffen zückten. Vor einem Jahr starb eine Zwölfjährige, die zur falschen Zeit am falschen Ort war, durch die Kugeln zweier Banden.

Polizist Martin Lazar hat in seinem Revier Botkyrka im Süden Stockholms in dem Fall ermittelt. Seit sieben Jahren versucht er, die Gewalt in den Griff zu bekommen. Das sei schwierig, die Täter würden oft nicht ermittelt, denn aus Angst schwiegen die, die was zu sagen hätten. 

Die Kriminellen stammen fast alle aus dem gleichen Milieu, so der Polizist: "Viele dieser Kinder und Jugendlichen hatten es schwer im Leben. Abwesende Eltern, oft keinen Kontakt zum Vater, schlechte Schulnoten. Und nun wollen sie irgendwo dazu gehören." In einer kriminellen Gruppe bekämen sie schnell ein Zugehörigkeitsgefühl.

Ein Mann kniet im März 2015 vor einem abgesperrten Restaurant in Göteburg (Schweden), wo es zuvor zu einer tödlichen Schießerei gekommen war. | picture alliance / dpa

Einer der Fälle, die Schweden aufrüttelte: Im März 2015 starben bei einer Schießerei in einem Restaurant in Göteburg zwei Menschen, mehrere Personen wurden verletzt. Die Tat wurde rivalisierenden Gangs zugeschrieben. Bild: picture alliance / dpa

"Ein Machtgefühl, das ich nie hatte"

Eine ähnliche Vergangenheit hat auch dieser Mann. Er war jahrelang Mitglied einer kriminellen Gang, saß wegen versuchter Tötung im Gefängnis. Waffen nach Schweden zu schmuggeln - etwa aus dem Baltikum - sei ein Kinderspiel, sagt er. Und die Hemmschwelle, zu schießen, sinke mit der Zeit. "Es ist eine Normalisierung der Verbrechen und der Gewalt. Das führt dazu, dass man immer mehr Grenzen überschreitet." Je aggressiver er wurde, desto mehr Angst hätten die Menschen vor ihm gehabt. "Das gab mir ein Machtgefühl, das ich sonst nicht hatte." Nicht selten habe er sich gewünscht, endlich festgenommen zu werden.

Am Ende war die Zeit im Gefängnis für ihn fast wie eine Erholung, erzählt der Mann weiter: "Da gab es einige Konflikte in meinem Umfeld, und ich saß ich in meiner Wohnung mit Waffe und Schutzweste und habe immer Essen bestellt, weil ich Angst hatte, einkaufen zu gehen."

Eine Tat kann schnell zur nächsten führen, Gewalt erzeugt Gegengewalt. Ein Flächenbrand. Die Politik, glaubt Carolina Sinisalo, habe diese Gefahr viel zu lange unterschätzt: "Und jetzt stehen sie da, wobei es viele gab, die jahrelang gewarnt haben, dass das gefährlich wird, wenn man nichts macht."

Sinisalo bringt frische Blumen zum Grab ihres Sohnes. 2001 geboren, 2016 gestorben steht auf dem grauen Stein. Der Schmerz über Robins frühen Tod wird immer bleiben. Dennoch hilft es Sinisalo, seine Geschichte zu erzählen, sagt sie. Damit sich endlich etwas ändert in Schweden. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Juli 2021 um 13:25 Uhr.