Eine Gruppe Menschen wartet vor dem Eingang einer Ikea-Filiale in Stockholm (Foto vom 18.04.2021). | picture alliance / Alexander Far

Schwedens Corona-Strategie Kein Lockdown, keine Debatte

Stand: 05.05.2021 12:05 Uhr

Ein Jahr nach Pandemiebeginn sind in Schweden 14.000 Menschen gestorben - ein Vielfaches im Vergleich zu den Nachbarstaaten. Viele sind froh, nicht im Lockdown zu leben. Doch die Kliniken kommen an ihre Grenzen.

Von Christian Blenker, ARD-Studio Stockholm

Eine volle Sporthalle in Stockholm, 40 Mädchen spielen hier Fußball, gemeinsam toben und rennen - für schwedische Kinder ist das trotz Corona möglich. Trainer Jonas Konstantinow findet es wichtig, dass neben den Grundschulen auch die Sporthallen für Kinder während der Pandemie offen sind. "Für diese Kinder hat sich kaum etwas verändert", sagt er. "Sie finden es schade, dass es gerade keine Punktspiele gibt. Bei den Freundschaftsspielen ging es hin und her, in einem Monat waren sie erlaubt und im nächsten nicht. Im Großen und Ganzen aber war es wie immer."

Christian Blenker ARD-Studio Stockholm

Auch seine zehnjährige Tochter Agnes ist beim Training dabei und genießt die Zeit mit ihren Freundinnen. "Wir freuen uns, dass wir weiterhin trainieren können. Wir kennen uns alle", sagt sie. "Es fühlt sich gut an, aber wir versuchen, Abstand zu halten."

Staatsepidemiologe Tegnell verteidigt Weg

Abstand halten, Menschenansammlungen vermeiden: Gesundheitsbehörde und Regierung in Schweden erinnern immer wieder an diese Empfehlungen. Die Cafés und Restaurants dürfen mit Auflagen öffnen, einen Lockdown gibt es bis heute nicht. Trotz hoher Coronazahlen verteidigt Staatsepidemiologe Anders Tegnell den eingeschlagenen Weg: "Wir haben uns dafür entschieden, uns auf die Stellen zu fokussieren, bei denen wir aus Erfahrung wissen, dass eine erhöhte Infektionsgefahr besteht".

Das Infektionsgeschehen bekommen sie dennoch nicht in den Griff. Mehrere Wochen lag die Sieben-Tage-Inzidenz über 400. Besonders der Anfang der Pandemie war für das medizinische Personal chaotisch, erinnert sich Intensivkrankenschwester Eveline Jacobson: "Ich habe die Tür geöffnet und da waren nur Schreie und Verzweiflung. Alarmsignale, piepten, Lampen flimmerten und Personal, dass ich noch nie zuvor gesehen hatte."

"Wird noch eine ganze Weile so bleiben"

Mittlerweile, sagt Evelyn, seien die Abläufe auf den Intensivstationen eingespielt. Doch von einer Entwarnung sei man weit entfernt:

Wenn wir jetzt hören, dass die Infektionszahlen wieder steigen, dann wissen wir, dass es noch nicht vorbei ist. Das wird für uns noch eine ganze Weile so bleiben.

Eine breite Debatte über die Corona-Strategie gibt es in Schweden nicht - obwohl mehr als 14.000 Menschen im Land bislang an den Folgen einer Infektion gestorben sind.

Über dieses Thema berichtete die Sendung Weltbilder am 04. Mai 2021 um 23:25 Uhr.