In einem schwedischen Park wirbt ein Plakat für die Einhaltung der Abstandsregel | via REUTERS

Corona-Krise in Schweden Zweifel am Sonderweg

Stand: 24.11.2020 14:56 Uhr

Lange hat Schwedens Regierung darauf gesetzt, dass ihr Umgang mit der Corona-Pandemie eine zweite Welle verhindern würde. Ein Fehler. Nun steuert sie um - mit Beschränkungen und Appellen.

Von Christian Blenker, ARD-Studio Stockholm

So oft und ernsthaft wie in den vergangenen Tagen haben die Schweden ihren Ministerpräsidenten schon lange nicht mehr gesehen. Stefan Löfven ging in die Offensive. Gleich mehrmals trat der Sozialdemokrat vor die Presse und verkündete Stück für Stück härtere Corona-Maßnahmen für das Land.

Christian Blenker ARD-Studio Stockholm

Zu Beginn der Pandemie waren die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Schweden zunächst nur schwer auszumachen. Neben Schulen bis einschließlich Klasse 9 und Kitas blieben auch Bars, Restaurants und Geschäfte geöffnet.

Jedoch: Die Hinweise auf Abstands- und Hygieneregeln waren bei einigen schnell vergessen. In Stockholm zum Beispiel machten Bilder von vollen Clubs die Runde, in denen die Menge auf Tischen und Bänken tanzten. Mitte November sah sich die schwedische Regierung deshalb gezwungen zu handeln und verhängte ein Alkoholverbot. Nach 22 Uhr dürfen Bier, Wein und Spirituosen seither nicht mehr über den Tresen gehen. Die Bars und Restaurants sind zudem angehalten, kurz danach zu schließen.

Schrittweise Kurskorrektur

Mit dem Alkoholverbot begann die Regierung, den Sonderweg des Landes während der Corona-Krise zu verändern. Lange hatte auch sie darauf vertraut, die Pandemie mit nur wenigen Einschränkungen bewältigen zu können. Kein Lockdown, keine Verbote, sondern Empfehlungen der Gesundheitsbehörde, die auf die Vernunft der Menschen setzt. So ließ sich der schwedische Sonderweg bisher zusammenfassen. Im Zentrum dieser Strategie: Anders Tegnell, Schwedens Staatsepidemiologe. Seine Behörde für öffentliche Gesundheit ist beim schwedischen Gesundheitsministerium angesiedelt und soll die Regierung beraten und unterstützen.

Seit Ausbruch der Pandemie macht es jedoch eher den Eindruck, dass Löfvens Minderheitsregierung seinen Experten gleich ganz das Steuer überlassen hat. In Pressekonferenzen und Interviews erklären Tegnell und sein Behördenleiter Johan Carlson den Sonderweg. Beide machen dabei keinen Hehl daraus, dass sie von vielen Maßnahmen europäischer Nachbarn wie etwa dem Tragen eines Mundnasenschutzes nicht überzeugt sind. Noch im Sommer setzten sie darauf, dass im Herbst viele Menschen durch die hohe Verbreitung des Virus zu Beginn der Pandemie immun sein würden und die zweite Welle in Schweden ausbleibt. Löfven vertraute dieser Einschätzung. Bis jetzt.

Passanten gehen an einer Bar in Stockholm vorbei | dpa

Bars und Restaurants in Schweden dürfen zwar weiter Gäste empfangen - aber sie müssen früher schließen. Bild: dpa

Eine Fehleinschätzung und ihre Folgen

Denn die Prognose bestätigt sich nicht. Seit Ende Oktober steigt die Kurve auch in Schweden wieder deutlich an. Jeden Tag sterben Menschen an den Folgen einer Corona-Infektion. Mehr als 6400 sind es bislang, ein Vielfaches mehr als bei den skandinavischen Nachbarn. Besonders betroffen sind neben Stockholm der Westen und Süden des Landes. In Westschweden werden die Labor-Kapazitäten derart knapp, dass die Behörden dort nun die Corona-Tests in einem Münchner Labor auswerten lassen. 4000 Tests werden täglich nach Deutschland geflogen.

Angesichts dieser Lage macht sich im Stockholmer Reichstag nun offenbar die Nervosität breit. "Geht nicht ins Fitnessstudio, nicht in die Bibliothek, verabredet Euch nicht zum Essen, macht keine Partys", mahnt Löfven. Der schwedische Sonderweg führt auf einmal in eine andere Richtung: Statt Eigenverantwortung kommt die für schwedische Verhältnisse deutliche Versammlungsbeschränkung.

Seit dieser Woche dürfen sich nur noch acht Personen in der Öffentlichkeit treffen. Bei Sport- und Kulturveranstaltungen waren es bislang noch bis zu 300. Neben Schwimmbädern und Museen hat vor wenigen Tagen auch Stockholms bekannter Museumspark Skansen geschlossen, zum ersten Mal in seiner 129-jährigen Geschichte.

Appell an die Disziplin

Ministerpräsident Löfven wandte sich am Wochenende direkt an seine Landsleute und mahnte zur Einhaltung aller Abstands- und Hygieneregeln. Und er wurde deutlich: Jetzt könnten die Schweden noch beeinflussen, wie sie Weihnachten feiern und welche Menschen an Weihnachten noch bei ihnen sind. Das klinge brutal, räumt er ein. Aber die Gesundheit und das Leben aller sei weiterhin in Gefahr.

Besonders die mangelnde Disziplin mancher Schweden bereitet der Regierung zunehmend Sorgen. Viele seien müde geworden und hielten sich nicht mehr an die Empfehlungen, heißt es. Auch deshalb geht die Regierung nun in die Offensive und schwört das Land auf einen harten Winter ein. Gleichzeitig möchte der Ministerpräsident nicht die Fehler aus dem Frühjahr wiederholen, so Beobachter, und sich durch Abwesenheit angreifbar machen - in einer der schwersten Krisen, die das Land seit langem erlebt hat.

                                                                                                                                             

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. November 2020 um 09:10 Uhr.