Aktivisten räumen Unrat aus dem verschmutzten Sarno. | picture alliance / Pacific Press
Weltspiegel

Sarno in Italien Rettung für Europas schmutzigsten Fluss

Stand: 20.11.2021 08:40 Uhr

Er blubbert, schäumt und stinkt: Der Sarno südlich von Neapel gilt als der am stärksten verschmutzte Fluss Europas. Nun tritt die Umweltpolizei für seinen Schutz ein. Ob das reicht?

Von Rüdiger Kronthaler, ARD-Studio Rom

An der Quelle wirkt der Sarno wie ein Fluss aus dem Bilderbuch: Anwohner stehen um einen Brunnen, füllen ihre mitgebrachten Wasserflaschen auf und beugen nacheinander ihre Köpfe unter den kühlen Wasserstrahl, um zu trinken. Das Wasser ist glasklar. Es wird nur wenige hundert Meter in diesem Zustand bleiben.

Rüdiger Kronthaler ARD-Studio Rom

Fast in Sichtweite der Quelle rauscht unter einer Autobrücke warmes, milchiges Wasser in den Fluss. Es stinkt nach Chlor. Umweltaktivisten bestätigen: Das Abwasser kommt von einer angrenzenden Fabrik. Es ist der erste von vielen weiteren solcher illegalen Zuläufe, die auf den kurzen 24 Flusskilometern folgen werden.

Arbeit lange wichtiger als Umweltschutz

Das Sarno-Becken wurde in den 1960er-Jahren industrialisiert. Vor allem Tomatendosen- und Lederfabriken ließen sich dort südlich von Neapel nieder. Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Region freute sich auf die Jobs, bei den Umweltstandards drückte man ein Auge zu. So wurde es zur Gewohnheit, dass ein Großteil der Fabriken ihre Industrie-Abwässer ungeklärt in den Sarno abließ. Die Verwaltung scheute ein konsequentes Vorgehen gegen Umweltsünden, weil sie eine Abwanderung der Industrie befürchtete, erklärt Aldo Padovano von der Gruppe "Acqua Sarnella".

Der stark verschmutzte Sarno. | picture alliance / Pacific Press

Schon wenige Hundert Meter unterhalb der Quelle ist der Sarno eine verschmutzte, stinkende Brühe. Bild: picture alliance / Pacific Press

Die Folge ist, dass das Wasser stark chemisch belastet ist. Es finden sich Arsen, Quecksilber, Chloride. In einer Studie der Universität von Neapel haben Forscher Frösche aus dem Sarno untersucht und bei einigen Tieren schwere Fehlbildungen und auffällige genetische Veränderungen festgestellt. Eine Verbindung zwischen dem belasteten Wasser und Erkrankungen von Menschen wurde noch nicht wissenschaftlich untersucht. Allerdings liegen nach Angaben des Gesundheitsamts die Zahl von Fehlbildungen bei Kindern und die Sterblichkeit in der Region über dem nationalen Durchschnitt.

Umweltaktivisten fordern Notstand

Die Gegend ist extrem dicht besiedelt: Fast eine Million Menschen leben hier in den mehr als 40 gesichtslosen Kleinstädten, die schnell und planlos seit den 1960er-Jahren gewachsen sind und heute konturlos ineinander übergehen. Der Fluss Sarno, der sie alle verbindet, ist in viele kleine Kanäle aufgesplittert und über weite Strecken mit Straßen und Wohnhäusern überbaut. Lediglich der Gestank des Wassers wabert durch die Wohnviertel. Der Sarno bietet keine Identifikation für die Menschen mehr - entsprechend gibt es auch keinen gemeinsamen Kampf für den Fluss.

Im Gegenteil: Die Gemeinden selbst schinden ihren Fluss. Denn viele Gegenden sind an keine Kläranlage angebunden. Nach Schätzungen der Umweltorganisation Legaambiente fließt das Toilettenwasser von circa 500.000 Menschen heute noch ungeklärt in den Sarno. Umweltaktivisten fordern, dass die Gemeinden im Sarno-Becken den ökologischen Notstand ausrufen, damit das Umweltministerium in Rom intervenieren kann. Nach Hochrechnungen sind 1,4 Milliarden Euro seit den 1980er-Jahren in an die Kommunen geflossen, um Kläranlagen zu bauen. Doch gebaut wurde kaum etwas.

"Gesundheit an erster Stelle, Profit an zweiter" fordert ein Demonstrant mit einem Plakat. | picture alliance / Pacific Press

"Gesundheit an erster Stelle, Profit an zweiter" fordert ein Demonstrant mit einem Plakat auf einer Demonstration, die "Acqua Sarnella" organisiert hat. Bild: picture alliance / Pacific Press

Polizei geht gegen Fabriken vor

Die Spezialeinheit der Polizei für Umweltdelikte hat indessen die Gangart verschärft. Die Carabinieri haben sich im Rahmen einer Großrazzia systematisch eine Fabrik nach der anderen vorgenommen und die Ableitungen untersucht. Das Ergebnis ist erschreckend: 60 Prozent der untersuchten Betriebe haben ungeklärtes Wasser in den Sarno eingeleitet. Es kam zu 250 Anzeigen, zwei Verhaftungen und 50 zeitweisen Betriebsschließungen.

Die Camorra habe ihre Finger nicht im Spiel, heißt es bei der Polizei. Die Fabriken wollten hauptsächlich Klärkosten einsparen, sagt Pasquale Starace, der Kommandant der Sondereinheit für Umweltverbrechen. Er kündigt an, die Fabriken weiter unter Beobachtung behalten und auch den verschollenen Geldern für die nie gebauten Kläranlagen nachzugehen.

Umdenken während des Corona-Lockdowns

Umweltschutz hat in der Gegend jahrzehntelang keine Rolle gespielt. Als während des Corona-Lockdowns die Fabriken stillstanden und das Wasser des Sarno plötzlich klarer wurde, regte sich bei der Bevölkerung wieder ein Bewusstsein für ihren Fluss. Die Aktivisten befürchten, dass das nicht reichen wird. Selbst wenn man die chemischen Zuleitungen sofort stoppen würde, werde es Jahrzehnte dauern, bis sich die Flora und Fauna des Sarno wieder erholt hat. Die Sedimente des Sarno brauchen eine ökologische Sanierung. Im Recovery-Plan der italienischen Regierung ist das aber bislang nicht vorgesehen.

An der Mündung des Sarno blickt man auf den grauen Vesuv und die Insel Capri in der Ferne. In der Antike wurde der Sarno verehrt, ein eigener Flussgott ihm zugeschrieben. Heute ist er verbaut, wirtschaftlich maximal ausgebeutet und spült trübes, braunes Wasser in den Golf von Neapel. Das vermischt sich nach wenigen Metern mit dem Meereswasser - aus den Augen, aus dem Sinn.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag, 21.11.2021 um 19.20 Uhr im "Weltspiegel".

Über dieses Thema berichtete das Erste im Weltspiegel am 21. November 2021 um 19:20 Uhr.