Im März drängten sich in der Einkaufsstraße Via Manno in Cagliari noch die Menschen - nun herrscht hier gähnende Leere.

Corona-Pandemie auf Sardinien Vom Paradies zur tiefroten Zone

Stand: 14.04.2021 04:23 Uhr

Sardinien schien sich als erste Region Italiens aus der Pandemie zu verabschieden. Doch die Illusion hielt gerade mal einen Monat. Jetzt ist die Insel wieder tiefrote Zone mit rasant steigenden Infektionswerten.

Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Die Via Manno in Cagliari ist eine der wichtigsten Einkaufsstraßen Sardiniens. Noch vor 30 Tagen drängten sich hier die Menschen. Die Insel war wegen niedriger Infektionswerte sogenannte weiße Zone, die Covid-Probleme schienen auf Sardinien überwunden. Jetzt sind alle Geschäfte wieder geschlossen, die Straße fast menschenleer.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Der 39 Jahre alte Francesco, in besseren Zeiten als Tourenführer für Touristen unterwegs, kann es noch immer nicht fassen: "Wir gehörten zu den ganz wenigen in Europa, die schon wieder fast völlige Freiheiten genießen konnten." Die Stadt habe gelebt. "Jetzt sind wir wieder da, wo wir mal waren. Vielleicht war das mit den Öffnungen einfach zu früh", sagt Francesco.

Fast alle Beschränkungen waren gefallen

Sardinien ist die Region in Europa, die in der Covid-Pandemie in den vergangenen Wochen am tiefsten abgestürzt ist. Im März waren fast alle Beschränkungen gefallen, weil die Sieben-Tage-Inzidenz bei unter 30 lag. Geschäfte, Theater, Kinos und Fitnessstudios durften wieder öffnen, in den Bars und Restaurants herrschte Hochbetrieb, Freundesgruppen zogen durch die Straßen. Sardinien, erzählt Francesco, schien wie eine Insel der Glückseligen im Europa der Pandemie.

Für Tourenführer Francesco gibt es momentan wenig zu tun.

Für Tourenführer Francesco gibt es momentan wenig zu tun.

"Viele Menschen fühlten sich nicht mehr in der Pandemie, sondern so, als wenn alles wieder normal wäre", sagt Francesco. "Egal ob unten im Ausgehviertel am Hafen, im Zentrum oder in den Einkaufsstraßen - an einigen Tagen war es genauso wie in der Zeit vor der Pandemie."

"Wir glaubten, das Schlimmste liegt hinter uns"

Nach den Öffnungen habe man zu viel gewollt, räumt selbstkritisch auch die 33 Jahre alte Laura ein, die vor einem Einkaufszentrum in Selargius vor den Toren Cagliaris steht. "Man hat sich vorgegaukelt, dass alles schon überwunden ist. Die weiße Zone ist mit totaler Freiheit gleichgesetzt worden, weil wir glaubten, das Schlimmste liegt hinter uns."

Statt Vor-Covid-Normalität nun die Rolle rückwärts für Sardinien. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist auf 134 geklettert, der RT-Wert zur Ansteckungsgeschwindigkeit ist mit über 1,5 mittlerweile der höchste in Italien.

Wie Laura glaubten viele Menschen in Cagliari, dass das Schlimmste bereits überwunden wäre.

Wie Laura glaubten viele Menschen in Cagliari, dass das Schlimmste bereits überwunden wäre.

Britische Mutante breitete sich rasch aus

Das habe seine Gründe, sagt Ferdinando Coghe in seinem Arbeitszimmer in Cagliaris Universitätsklinik. In den vergangenen Wochen seien zwei fatale Entwicklungen zusammengekommen, meint der Direktor des wichtigsten Analyselabors der Insel. "Zum einen hat die Vorsicht nachgelassen. Und dann hat sich die britische Virusvariante auf Sardinen rasant entwickelt." Innerhalb eines Monats sei der Anteil von einem Prozent auf fast 100 Prozent gestiegen. "Das kombiniert mit dem Gefühl, sich wieder ohne Schutz mit Freunden und Verwandten treffen zu können, hat einen verheerenden Effekt gehabt", sagt Coghe.

Mit dem Ergebnis, dass auf Sardinien, vor 30 Tagen noch pulsierend wie Mallorca, jetzt die höchste Risikostufe in Italien gilt. Es sei ein Fehler gewesen, meint Laura aus Selargius, gleich wieder so leben zu wollen wie vor der Pandemie. "Man sollte sich weiter verantwortungsvoll verhalten, auch wenn es Öffnungen gibt. Es ist halt nicht möglich, sich gleich ohne Abstand und Maske in großen Gruppen zu treffen, wie wir es früher gemacht haben."

Hoffnung auf Impfungen

Francesco, der Touristenführer, hofft, dass Sardinien jetzt bei den Impfungen vorankommt. Und er würde die Uhr gern zurückdrehen. "Im Nachhinein wäre es besser gewesen, mit den Lockerungen schrittweise vorzugehen, um alles besser kontrollieren zu können", sagt er. "Wir waren wohl zu leichtsinnig in der Freude darüber, sich wieder frei treffen können - das Virus zirkuliert halt weiter."

Bei den Impfungen zählt Sardinien landesweit zu den Nachzüglern - auch weil man sich auf einem guten Weg wähnte.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. April 2021 um 06:18 Uhr.