Leonid Wolkow (links im Bild) und Alexej Nawalny | picture alliance / ASSOCIATED PR
Interview

Wolkow zu Sacharow-Preis "Das Einzige, was Nawalny Schutz bietet"

Stand: 15.12.2021 13:25 Uhr

Internationale Aufmersamkeit sei die einzige Sicherheit für Nawalny, sagt sein Kampagnen-Manager Wolkow im Interview: Denn er befinde sich "im Gewahrsam der Leute, die bereits versucht haben, ihn zu töten".

ARD: Was wissen Sie über das Wohlergehen von Alexej Nawalny, über seine Situation?

Leonid Wolkow: Er ist in einer Strafkolonie inhaftiert, die für ihre harten Bedingungen berüchtigt ist. Alle anderen Häftlinge wurden offenbar darauf trainiert oder gezwungen, nicht mit Alexej in Kontakt zu treten, nicht zu sprechen und ihn nicht zu beobachten. Sie wurden angewiesen, dass sie ihm jeden psychologischen Schaden zufügen dürfen, ihn aber nicht verprügeln dürfen. Als er sich zum Beispiel im Hungerstreik befand, brachten sie eine Bratpfanne, um neben ihm ein Hühnchen zu braten und so weiter. Sie haben sich also wirklich etwas einfallen lassen, um psychologischen Druck auf ihn auszuüben. Soweit wir wissen, sind seine Moral und sein Kampfgeist trotzdem hoch. Wir sind in der Lage, mit ihm indirekt über seine Anwälte zu kommunizieren, die ihn besuchen dürfen. Und soweit ich das sagen kann, schafft er es, weiterzumachen.

Leonid Volkov | AP
Zur Person

Leonid Wolkow ist der Direktor der Regionalbüros für Alexej Nawalny und Stabschef während dessen Präsidentschafts-Wahlkampf 2018. Seit 2019 lebt er in Litauen.

ARD: Wie wichtig ist ihm die Auszeichnung mit dem Sacharow-Preis des EU-Parlaments in seiner Situation?

Wolkow: Er empfindet den Preis nicht nur als große Ehre, sondern auch als große Verantwortung, weil dieser Preis ja quasi von Vertretern aller europäischen Völker verliehen wird. Und es geht auch darum, dass er in der Haft nicht in Vergessenheit gerät. Denn er ist ja gerade im Gewahrsam der Leute, die bereits versucht haben, ihn zu töten. Wenn die internationale Aufmerksamkeit nachlässt, wer kann dann sagen, ob sie nicht wieder versuchen werden, ihn zu beseitigen?

Es ist also ein Kampf um sein Leben, um seine Sicherheit, denn die internationale Aufmerksamkeit ist wahrscheinlich das Einzige, was ihm relativen Schutz, relative Sicherheit bieten könnte - auch, weil er wegen vorgeschobener Gründe wieder vor Gericht steht.

"Uhr tickt zu unseren Gunsten"

ARD: Ihm war aber doch klar, dass sein Leben erneut in Gefahr ist, wenn er nach Russland zurückkehrt. Warum ist er dieses Risiko trotzdem eingegangen?

Wolkow: Er hat natürlich damit gerechnet, dass er inhaftiert wird. Aber er wollte zurück, weil er ein russischer Politiker ist, der schon zehn Jahre seiner politischen Karriere geopfert hat und enorme Risiken eingegangen ist. Er stand ein Jahr lang unter Hausarrest. Er wurde körperlich schikaniert. Er wurde verhaftet. Im Jahr 2017 verlor er nach einem chemischen Säureangriff fast sein Auge und so weiter. Nun im Ausland zu bleiben, stand nie zur Debatte. Das hätte all die Opfer, die er bereits gebracht hatte, gewissermaßen zunichte gemacht.

ARD: Sie und fast alle Oppositionellen und Mitstreiter Ihrer Organisationen sind im Exil - wie wirksam können Sie da wirklich noch agieren?

Wolkow: In den sozialen Medien sind wir in der Überzahl. Und wir werden immer mehr, unsere Reichweite wächst. Im Grunde genommen tickt die Uhr zu unseren Gunsten. Die Menschen in Russland sind einfach sehr müde: 22 Jahre und nichts hat sich geändert. Die Korruption ist schlimm und wird immer schlimmer, und die Wirtschaft befindet sich im Niedergang, das durchschnittliche Haushaltseinkommen sinkt seit acht Jahren in Folge. Putin kann sich von keinem dieser drei Faktoren befreien, und sie alle üben Druck auf ihn aus. Das ist eine neue politische Realität.

"Putins Versuch, sich wieder wichtig zu machen"

ARD: Wie bewerten Sie da das geopolitische Agieren von Präsident Wladimir Putin im Moment, wie zum Beispiel die Aufstockung der Truppen an der ukrainischen Grenze?

Wolkow: Es ist Putins Versuch, sich wieder wichtig zu machen, wieder in den Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit zu rücken, wieder ein Teil der internationalen Verhandlungen zu werden. So hat Putin es immerhin geschafft, US-Präsident Joe Biden dazu zu bringen, ihn anzurufen. Er will damit versuchen, die Aufmerksamkeit auf die Außenpolitik zu lenken, weg von der Situation im Inneren des Landes - von der Folter in Gefängnissen, der Schließung von prominenten Menschenrechtsorganisationen, der Einstufung von Journalisten als ausländische Agenten.

ARD: Welche Art von Druck könnte man Ihrer Ansicht nach auf Putin ausüben?

Wolkow: Putin und vor allem seine Freunde, die Oligarchen und kleptokratischen russischen Regierungsbeamten, halten enorme Mengen an Geld, das den russischen Steuerzahlern gestohlen wurde, hier in Europa: Schlösser an der Cote d'Azur oder anderswo in Frankreich, Hotels in Österreich, Yachten, die sie in Bremen bauen und warten lassen. Wir sprechen da über enorme Vermögen, die eindeutig aus Korruption gespeist werden.

Es hätte eine enorme Hebelwirkung, wenn diese Vermögen eingefroren würden. Das wäre unangenehm für Putin. Außerdem: Wenn man ihn vor eine Wahl stellen würde - Nord Stream 2 stoppen oder Nawalny freilassen? - sehr wahrscheinlich würde er sich dann tatsächlich dafür entscheiden, ihn freizulassen. Das ist ein Beispiel dafür, wie man wirklich Druck ausüben könnte.

Das Gespräch führte Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel, zzt. Straßburg.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Dezember 2021 um 04:30 Uhr.