Russlands Präsident Putin sitzt an einem langen weißen Tisch im Kreml während des Gesprächs mit Bundeskanzler Scholz | via REUTERS
Chronologie

Russland-Ukraine-Konflikt Wie die Krise eskalierte

Stand: 22.02.2022 13:35 Uhr

Russlands Präsident Putin hat die Separatistengebiete im Osten der Ukraine als unabhängig anerkannt und die Entsendung von Truppen angeordnet. Wie konnte es so weit kommen? Ein Blick zurück auf Tage zwischen Dialog und Drohungen.

Wochenlang versuchte die internationale Diplomatie die Lage zwischen Russland und der Ukraine zu entschärfen. Nun zeigt sich: Die Bemühungen waren erfolglos. Schon vergangene Woche zeichnete sich eine Zuspitzung des Konflikts ab. Ein Rückblick.

Scholz in Kiew - USA verlegen Botschaft

Bei seinem Besuch in Kiew am Montag vergangener Woche betonte Bundeskanzler Olaf Scholz: Es gehe darum, den Konflikt zu entschärfen. "Deeskalation ist die Aufgabe der Stunde." Er sei zu einem ernsthaften Dialog mit Russland bereit. Die territoriale Integrität der Ukraine sei für Deutschland aber nicht verhandelbar.

Am selben Tag beschlossen die USA, die Geschäfte ihrer Botschaft in der Ukraine von der Hauptstadt Kiew nach Lwiw zu verlegen, nahe der polnischen Grenze. Es handele sich um eine Vorsichtsmaßnahme wegen der angespannten Situation, sagte US-Außenminister Antony Blinken. Die "Vorsichtsmaßnahmen" dienten der Sicherheit der Diplomaten und würden in keiner Weise die Unterstützung der Vereinigten Staaten für die Ukraine untergraben.

Hoffnung auf Entspannung

Tags darauf reiste Scholz nach Moskau. Und schon vor dem Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin schien eine Deeskalation zum Greifen nahe. Russland meldete den Abzug von Truppen im Süden und Westen des Landes. Soldaten sollten nach Manövern in ihre ständigen Stützpunkte zurückkehren.

Weniger versöhnlich wirkte jedoch dieser Schritt: Das russische Parlament sprach sich für eine offizielle Anerkennung der Unabhängigkeit der Separatistengebiete in der Ostukraine aus. Die selbst ernannten Volksrepubliken Donezk und Volksrepublik Luhansk sollten demnach als "souveräne und unabhängige Staaten" anerkannt werden.

Am Abend zeigten sich Putin und Scholz dialogbereit, jedoch ohne jede Einigung bei zentralen Konfliktpunkten. Auch die USA warnten weiter vor einem russischen Einmarsch in der Ukraine.

... und Ernüchterung

Schon am nächsten Tag kehrte vollends Ernüchterung ein. US-Präsident Joe Biden und Bundeskanzler Scholz waren sich einig: Ein signifikanter Abzug russischer Truppen hat nicht stattgefunden. Auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg konnte keine Anzeichen für Entspannung erkennen. Die Allianz gab am Mittwoch bekannt, die Verlegung neuer Gefechtseinheiten nach Osteuropa zu prüfen.

Auch die Meldung des russischen Verteidigungsministeriums, dass weitere Truppen nun von der Krim abgezogen werden, trug nicht zu einer wesentlichen Verbesserung der Lage bei. Biden erneuerte seine Warnung an Putin. Eine russische Invasion in die Ukraine stehe kurz bevor. Russland wies die Vorwürfe hingegen erneut zurück.

NATO warnt vor Vorwand für Angriff

Die NATO beobachtete unterdessen Berichte über angebliche Angriffe gegen prorussische Separatisten in der Ostukraine. "Wir sind besorgt darüber, dass Russland versucht, einen Vorwand für einen bewaffneten Angriff auf die Ukraine zu inszenieren", sagte Stoltenberg. Man wisse, dass es in der Ukraine viele russische Geheimdienstler gebe, die auch im Donbass aktiv seien. Und man habe Versuche gesehen, mit "Operationen unter falscher Flagge" einen Vorwand für eine Invasion der Ukraine zu schaffen.

Ostukrainische Separatisten warfen ukrainischen Regierungstruppen Verstöße gegen den geltenden Waffenstillstand vor. Die Ukraine hingegen meldete den Beschuss von Dörfern durch prorussische Separatisten.

Sicherheitskonferenz ohne Russland

Unter diesen Vorzeichen startete am Freitag die Münchner Sicherheitskonferenz - zum ersten Mal seit 30 Jahren ohne Beteiligung einer offiziellen russischen Delegation. Außenministerin Annalena Baerbock mahnte zu Beginn erneut ein Ende der Bedrohung der Ukraine durch Russland an. Im Falle einer Eskalation lägen alle Optionen auf dem Tisch, Sanktionen zu verhängen. Baerbock sprach aber mit Blick auf einen angekündigten Truppenabzug auch von einem "Hoffnungsschimmer".

Auch die US-Regierung warnte davor, Moskau könne einen Vorwand inszenieren, um einen Angriff auf die Ukraine öffentlich zu rechtfertigen. 

Eine "Verschlechterung der Lage"

Währenddessen nahmen Gefechte in der Ostukraine weiter zu. Am Freitag riefen Separatisten die Zivilisten in den von ihnen kontrollierten Gebieten auf, nach Russland zu gehen. Allein im Gebiet Donezk sollen 700.000 Menschen in Sicherheit gebracht werden, hieß es. Putin sprach von einer "Verschlechterung der Lage" in der Region.

Auch Biden verschärfte den Ton. Er sei davon überzeugt, dass Russland die Ukraine in den kommenden Tagen angreifen werde. Biden betonte aber erneut, es sei nicht zu spät, eine diplomatische Lösung zu finden. Die deutsche Bundesregierung forderte ein Signal der Deeskalation von Russland.

"Generalmobilmachung" und Raketentests

Auch am Samstag spitzte sich der Konflikt weiter zu. Während die OSZE von einer "dramatischen Zunahme" von Verstößen gegen den Waffenstillstand sprach, riefen die Chefs der "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk am Samstag zur "Generalmobilmachung" auf.

Russland startete ein Manöver mit Einsatz ballistischer Raketen und Bundeskanzler Scholz warnte bei der Sicherheitskonferenz angesichts einer "dramatischen Lage": "In Europa droht wieder ein Krieg." Er verwies zudem erneut auf hohe Kosten für Russland im Falle eines Angriffs - "politisch, ökonomisch und geostrategisch".

Die Bundesregierung rief alle Deutschen "dringend auf, das Land jetzt zu verlassen. Eine militärische Auseinandersetzung ist jederzeit möglich", schrieb das Auswärtige Amt in seinen Sicherheitshinweisen für die Ukraine.

Kaum noch "Raum für Diplomatie"

Die Warnungen der NATO wurden indes deutlicher: "Alle Zeichen deuten darauf hin, dass Russland einen vollständigen Angriff auf die Ukraine plant", sagte der Generalsekretär der Militärallianz, Jens Stoltenberg, am Samstag in den tagesthemen. Es gebe aber weiterhin Raum für Diplomatie.

Dieser Raum wurde am Montag dann sehr klein. Gab es am Morgen noch Hoffnung auf ein vermittelndes Gespräch zwischen Putin und Biden, so änderte sich die Lage am Abend drastisch. Putin erkannte die Unabhängigkeit der von der Ukraine abtrünnigen "Volksrepubliken" an. Der Kremlchef ordnete zudem eine Entsendung russischer Soldaten in die Ostukraine an.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. Februar 2022 um 11:00 Uhr.