Eine Frau in Mariupol bedeckt sich mit einer Decke in der Nähe eines beschädigten Feuerwehrwagens nach einem Beschuss. | dpa

Krieg gegen die Ukraine Evakuierung von Mariupol erneut gescheitert

Stand: 10.03.2022 19:37 Uhr

Ein weiterer Tag geht in der Hafenstadt Mariupol unter Beschuss zu Ende. Es sei nach ukrainischen Angaben keinem Zivilisten gelungen, die Stadt zu verlassen. Andernorts gab es aber auch erfolgreiche Evakuierungen.

Die Menschen in der eingekesselten südostukrainischen Stadt Mariupol müssen weiter ausharren: Nach ukrainischen Angaben ist auch der jüngste Versuch, Einwohner aus der Stadt zu bringen, gescheitert. "Es ist keinem Zivilisten gelungen, die Stadt zu verlassen", sagte die stellvertretende Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk. Russische Truppen hätten eine vorübergehende Waffenruhe für Evakuierungen nicht respektiert. Auch hätten Hilfslieferungen nicht in die Stadt gelangen können.

Wie der Stadtrat von Mariupol auf Telegram verbreitete, stand die Hafenstadt auch am Donnerstag unter Beschuss, obwohl ein Fluchtkorridor für die Bevölkerung geöffnet werden sollte. Die Geschosse hätten Wohnhäuser getroffen, auch sei ein Universitätsgebäude beschädigt worden. Auch der Stadtrat machte russische Truppen für die Angriffe verantwortlich.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Wereschtschuk wandte sich in einem dramatischen Appell an die internationale Gemeinschaft: "Helft Mariupol! Dort ist eine reale humanitäre Katastrophe", bat sie in einer Videobotschaft. "Weder Wasser, noch Medikamente oder Lebensmittel gelangten zu den Menschen, die sich unter totalem Beschuss mehrere Tage hintereinander befinden." In den vergangenen Tagen waren bereits mehrere Anläufe für Evakuierungen von Zivilisten aus der Stadt gescheitert. Mariupol im Südosten des Landes hat offiziell 400.000 Einwohner.

Gegenseitige Beschuldigungen nach Angriff auf Klinik

Unterdessen reißt nach der Bombardierung einer Geburtsklinik in Mariupol die Kritik an dem Angriff sowie an der russischen Reaktion darauf nicht ab. Dabei waren nach ukrainischen Angaben drei Menschen getötet worden, darunter ein Kind, und 17 weitere verletzt. So wiesen die Vereinten Nationen Vorwürfe aus Moskau zu angeblichen Falschnachrichten über einen Angriff auf ein Gebäude in der ukrainischen Stadt Mariupol zurück.

"Das dortige Menschenrechtsteam hat bestätigt und dokumentiert, was sie als wahllosen Luftangriff auf das Krankenhaus bezeichneten, und dass das Krankenhaus zu dieser Zeit Frauen und Kinder versorgte", sagte UN-Sprecher Stephane Dujarric in New York. Man bleibe bei der Darstellung des Generalsekretärs. Die russische Kritik hat sich an einem Tweet von Guterres entzündet, in dem dieser am Mittwochabend geschrieben hatte: "Der heutige Angriff auf ein Krankenhaus in Mariupol, Ukraine, wo sich Entbindungs- und Kinderstationen befinden, ist entsetzlich".

Sowohl Russlands Außenminister Sergej Lawrow als auch UN-Botschafter Dmitri Poljanski hatten den UN Falschnachrichten vorgeworfen. Lawrow wies die Verantwortung für den Angriff nicht zurück, sagte aber, die Klinik sei zuvor von rechtsradikalen ukrainischen Kämpfern eingenommen worden, die sie als Basis genutzt hätten. Er sprach von einer "Manipulation" der gesamten Welt mit Informationen zu mutmaßlichen Gräueltaten der russischen Armee. "In unserer Erklärung vom 7. März hatten wir bereits davor gewarnt, dass das Krankenhaus von Radikalen in eine militärische Einrichtung umgewandelt worden war", sagte zudem Poljanski klar. Es sei "sehr besorgniserregend", dass die Vereinten Nationen diese Informationen ungeprüft verbreiteten.

Tatsächlich hatte Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja am Montag vor dem UN-Sicherheitsrat mit Blick auf Mariupol gesagt: "Wir stellen fest, dass die ukrainischen Radikalen von Tag zu Tag deutlicher ihr wahres Gesicht zeigen. Die Anwohner sagen, dass sie das Personal einer Entbindungsklinik vertrieben und dann in dieser Klinik einen Ort zum Schießen errichtet hätten."

Dies wies der ukrainische Ministerpräsident Wolodymyr Seleskyj entschieden zurück. "Die Russen wurden (im Fernsehen) damit belogen, dass angeblich in dem Krankenhaus keine Patienten und in dem Geburtshaus keine Frauen und Kinder waren", sagte er in einer Videobotschaft. Das sei alles "Lüge". "Das sind Kinder, Frauen, medizinische Mitarbeiter", sagte der Staatschef.

Frontverläufe in der Ukraine mit Städten für die Fluchtkorridore | ISW/10.03.2022

Die schraffierten Bereiche zeigen die von den Russen kontrollierten Gebiete in der Ukraine. Bild: ISW/10.03.2022

Funktionierende Fluchtkorridore

Laut der Vize-Ministerpräsidentin Wereschtschuk seien trotz der angespannten Lage in einigen Städten erfolgreich Hilfskorridore eingerichtet worden. "Aus den Städten Sumy, Trostjanez, Krasnopillja haben wir in Richtung Poltawa innerhalb der vergangenen zwei Tage mehr als 60.000 Menschen herausgebracht", sagte Wereschtschuk. Das habe Frauen, Kinder, Behinderte und Alte betroffen. "Aus den Städten Butscha, Irpin, Hostomel, Worsel und anderen im Gebiet Kiew wurden allein am gestrigen Tag etwa 20.000 Menschen evakuiert", zählte die Vize-Regierungschefin weiter auf. Die Aktion werde fortgesetzt.

Ihr zufolge ist es zudem im Gebiet Charkiw gelungen, etwa 3000 Menschen aus der Stadt Isjum zu retten. Mehr als 100 Tonnen Hilfsgüter seien in die umkämpfte Kleinstadt gebracht worden. Dabei teilte der Leiter des Gebiets Charkiw, Oleh Synjehubow, auf Facebook mit, Russland habe sich in Isjum nicht an die Abmachung für den "grünen Korridor" gehalten und die Stadt weiter beschossen.

Mehr als 70 Kinder getötet

Nach Angaben der Menschenrechtsbeauftragten des ukrainischen Parlaments, Ljudmyla Denisowa, wurden seit Beginn des Kriegs vor zwei Wochen 71 Kinder im Land getötet. Mehr als 100 seien zudem verletzt worden, teilte Denisowa auf Telegram mit. Die Vereinten Nationen sprechen aktuell von 549 toten Zivilisten, darunter 41 Kinder.

Laut dem Gesundheitsminister Viktor Lyaschko sind bei Angriffen insgesamt 63 Krankenhäuser getroffen worden, dabei seien fünf medizinische Angestellte getötet und mehr als zehn schwer verletzt worden. "Es gibt auch leicht Verwundete, die bereits wieder im Dienst sind", zitiert die Agentur Unian den Minister.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. März 2022 um 14:00 Uhr.