Eine zerstörte Geburtsklinik in Mariupol | AP

Krieg gegen die Ukraine Mariupol weiter unter Beschuss

Stand: 10.03.2022 17:45 Uhr

In Mariupol droht auch der nächste Versuch, Zivilisten in Sicherheit zu bringen, zu scheitern: Die Hafenstadt wird nach ukrainischen Angaben unaufhörlich von russischer Seite beschossen. Auch der russische Vormarsch auf Kiew geht weiter.

Die ukrainische Hafenstadt Mariupol ist nach Angaben der ukrainischen Armee weiterhin unter Beschuss - obwohl dort ein Fluchtkorridor für die Bevölkerung geöffnet werden sollte. Die Geschosse würden Wohnhäuser treffen, auch sei ein Universitätsgebäude in der Stadt beschädigt worden, so die Pressestelle der Armee weiter. Angaben zu Opfern lagen zunächst nicht vor. Auf einem Video waren Einschläge zu sehen. Ein Platz war übersät mit Trümmern. Auf Telegram machte der Stadtrat von Mariupol Russland für den Angriff verantwortlich.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Die stellvertretende Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk sagte, am Donnerstag sei es keinem Zivilisten gelungen, die eingekesselte Stadt zu verlassen. Russische Truppen hätten eine vorübergehende Waffenruhe für Evakuierungen nicht respektiert. Der Beschuss habe zudem erneut einen Hilfstransport daran gehindert, dringend benötigte Güter zu den eingeschlossen Einwohnern zu bringen. "Die Hilfsgüter wurden zurück nach Saporischschja gebracht."

In einem dramatischen Appell wandte Wereschtschuk sich an die internationale Gemeinschaft: "Helft Mariupol! Dort ist eine reale humanitäre Katastrophe", bat sie in einer Videobotschaft. "Weder Wasser, noch Medikamente oder Lebensmittel gelangten zu den Menschen, die sich unter totalem Beschuss mehrere Tage hintereinander befinden." In den vergangenen Tagen waren bereits mehrere Anläufe für Evakuierungen von Zivilisten aus der Stadt gescheitert. Mariupol im Südosten des Landes hat offiziell 400.000 Einwohner.

Gegenseitige Kritik nach Beschuss von Geburtsklinik

Am Mittwoch war in Mariupol eine Geburtsklinik bombardiert worden. Bei dem Angriff wurden laut der Stadtverwaltung drei Zivilisten getötet - darunter ein Kind - und 17 Menschen verletzt. Obwohl die russische Seite stets zurückgewiesen hat, zivile Ziele zu bombardieren, stritt Russlands Außenminister Sergej Lawrow dieses mal die Verantwortung für den Angriff auf die Klinik nicht ab. Bei einem Treffen mit seinem ukrainischen Kollegen Dmytro Kuleba im türkischen Antalya bezeichnete er Kritik an dem russischen Vorgehen als "erbärmliche Schreie" der Feinde. Lawrow sagte, die Klinik sei zuvor von rechtsradikalen ukrainischen Kämpfern eingenommen worden, die sie als Basis genutzt hätten. Er sprach von einer "Manipulation" der gesamten Welt mit Informationen zu mutmaßlichen Gräueltaten der russischen Armee.

Frontverläufe in der Ukraine mit Städten für die Fluchtkorridore | ISW/10.03.2022

Die schraffierten Bereiche zeigen die von den Russen kontrollierten Gebiete in der Ukraine. Bild: ISW/10.03.2022

Dies wies der ukrainische Ministerpräsident Wolodymyr Seleskyj entschieden zurück. "Die Russen wurden (im Fernsehen) damit belogen, dass angeblich in dem Krankenhaus keine Patienten und in dem Geburtshaus keine Frauen und Kinder waren", sagte er in einer Videobotschaft. Das sei alles "Lüge". "Das sind Kinder, Frauen, medizinische Mitarbeiter", sagte der Staatschef. Die "Propagandisten" im russischen Fernsehen würden zur Verantwortung gezogen.

Tatsächlich hatte Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja am Montag vor dem UN-Sicherheitsrat mit Blick auf Mariupol gesagt: "Wir stellen fest, dass die ukrainischen Radikalen von Tag zu Tag deutlicher ihr wahres Gesicht zeigen. Die Anwohner sagen, dass sie das Personal einer Entbindungsklinik vertrieben und dann in dieser Klinik einen Ort zum Schießen errichtet hätten."

Zum Ärger Moskaus twitterte UN-Generalsekretär António Guterres trotzdem am Mittwoch: "Der heutige Angriff auf ein Krankenhaus in Mariupol, Ukraine, wo sich Entbindungs- und Kinderstationen befinden, ist entsetzlich." Bei dieser Darstellung blieben die Vereinten Nationen auch am Donnerstag: Die Informationen für den Tweet von Guterres beruhten auf eigenen Informationen der UN, sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur dpa. "Wir stehen zu dem, was wir gesagt haben." Der Kreml in Moskau kündigte eine Untersuchung an. "Wir werden unser Militär fragen, weil wir keine genauen Informationen darüber haben, was dort passiert ist", sagte Sprecher Dmitri Peskow.

Auch funktionierende Fluchtkorridore

Selenskyj äußerte sich ebenfalls zu Bemühungen, humanitäre Korridore unter anderem nach Mariupol einzurichten. "Die russischen Truppen haben bereits eine humanitäre Katastrophe in der Ukraine geschaffen", sagte er. Das sei Teil des russischen Plans. "Sie wollen unsere Menschen erniedrigen, damit sie auf Knien Brot und Wasser aus den Händen der Besatzer nehmen." Dabei würden Mariupol und Wolnowacha im Donezker Gebiet so blockiert, dass Menschen nur Richtung Russland fliehen können. Nach Angaben der Mariupoler Stadtverwaltung kamen während der neuntägigen Belagerung von Mariupol bisher etwa 1200 Menschen ums Leben.

Laut Wereschtschuk seien trotz der angespannten Lage in einigen Städten erfolgreich Hilfskorridore eingerichtet worden. "Aus den Städten Sumy, Trostjanez, Krasnopillja haben wir in Richtung Poltawa innerhalb der vergangenen zwei Tage mehr als 60.000 Menschen herausgebracht", sagte Wereschtschuk. Das habe Frauen, Kinder, Behinderte und Alte betroffen. Ihr zufolge ist es zudem im Gebiet Charkiw gelungen, etwa 3000 Menschen aus der Stadt Isjum zu retten. Mehr als 100 Tonnen Hilfsgüter seien zudem in die umkämpfte Kleinstadt gebracht worden.

Dabei teilte der Leiter des Gebiets Charkiw, Oleh Synjehubow, auf Facebook mit, Russland habe sich in Isjum nicht an die Abmachung für den "grünen Korridor" gehalten und die Stadt weiter beschossen.

Satellitenaufnahme von Mariupol vor Kriegsbeginn | Satellite image ©2022 Maxar Technologies

Satellitenbilder zeigen die Hafenstadt Mariupol vor Kriegsbeginn... Bild: Satellite image ©2022 Maxar Technologies

Satellitenaufnahme von Mariupol zeigt Schäden nach Angriffen | Satellite image ©2022 Maxar Technologies

...und knapp zwei Wochen danach. Bild: Satellite image ©2022 Maxar Technologies

"Jeder zweite Einwohner hat Kiew verlassen"

Eine massive Fluchtbewegung gibt es seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine offenbar aus der Hauptstadt Kiew. Nach Angaben von Kiews Bürgermeister Witali Klitschko hat mittlerweile fast jeder zweite Einwohner die Stadt verlassen. Es seien nur noch etwa zwei Millionen Menschen in der Metropolregion. Kiew selbst hat nach offiziellen Angaben knapp drei Millionen Einwohner. Die Stadt gleicht laut Klitschko einer Festung. "Jede Straße, jedes Haus (...) ist befestigt. Die Territorialverteidigung schließt sich an", sagte er im ukrainischen Fernsehen. Auch Menschen, die dies nie im Leben für möglich gehalten hätten, trügen jetzt Uniform und Maschinenpistole.

Unterdessen meldete der ukrainische Generalstab, dass die russischen Streitkräfte in der Nacht zum Donnerstag ihre "offensive Operation" zur Einkesselung der Hauptstadt Kiew fortgesetzt haben. Binnen weniger Tage hat sich die Frontlinie rund um die ukrainische Hauptstadt deutlich verschoben: Stand die russische Armee vor fünf Tagen noch rund hundert Kilometer nordöstlich von Kiew entfernt, näherte sie sich am Mittwoch der an Kiew grenzenden Stadt Browary, wie AFP-Reporter berichteten.

Mehr als 70 Kinder getötet

Nach Angaben der Menschenrechtsbeauftragten des ukrainischen Parlaments, Ljudmyla Denisowa, wurden seit Beginn des Kriegs vor zwei Wochen 71 Kinder im Land getötet. Mehr als 100 seien zudem verletzt worden, teilte Denisowa auf Telegram mit. Die Vereinten Nationen sprechen aktuell von 549 Toten, darunter 41 Kinder.

Laut dem Gesundheitsminister Viktor Lyaschko sind bei Angriffen insgesamt 63 Krankenhäuser getroffen worden, dabei seien fünf medizinische Angestellte getötet und mehr als zehn schwer verletzt worden. "Es gibt auch leicht Verwundete, die bereits wieder im Dienst sind", zitiert die Agentur Unian den Minister.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. März 2022 um 14:00 Uhr.