Ein ukrainischer Soldat gräbt einen Schützengraben. | AFP
Interview

Fünf Monate Krieg "In der Südukraine wird sich viel entscheiden"

Stand: 24.07.2022 06:34 Uhr

Russlands Armee kommt im Osten der Ukraine langsam voran, während die ukrainische Armee im Süden des Landes eine Offensive vorbereitet. Im Interview erklärt die Expertin Sabine Fischer, warum ein Erfolg dort für die Ukraine existenziell ist.

tagesschau.de: Die ukrainische Armee will im Süden des Landes eine Gegenoffensive starten - ist der Angriff auf die Antoniwka-Brücke bei Cherson schon ein Anzeichen dafür?

Sabine Fischer: Der Angriff auf die Brücke kann als Zeichen dafür gewertet werden, dass diese Offensive bevorsteht. Aus ukrainischer Perspektive ist das taktisch und strategisch nachvollziehbar. Denn im Süden der Ukraine wird sich in den nächsten Wochen und Monaten viel entscheiden. Russland versucht schon seit der Besetzung dieser Gebiete, dort quasi staatliche Strukturen aufzubauen und das wird jetzt immer konkreter.

Am Mittwoch hat Außenminister Sergej Lawrow in einem Interview noch einmal ganz klar gemacht, dass Russland plant, diese Gebiete zu annektieren. Das ist aus ukrainischer Perspektive höchst gefährlich, und deswegen wird die Ukraine in der kommenden Zeit alles daransetzen, um militärischen Druck aufzubauen, Gegenoffensiven zu starten, um diese Annexionen unmöglich zu machen.

"Im Osten stark unter Druck"

tagesschau.de: Was kann die ukrainische Armee der russischen im Osten des Landes noch entgegensetzen?

Fischer: Die ukrainischen Streitkräfte befinden sich seit Beginn der Schlacht um den Donbass Ende April in einer sehr schwierigen Situation. Russland hat nach dem Scheitern des ursprünglichen Kriegsplans, die Ukraine über drei Fronten im Norden, Osten und Süden anzugreifen und innerhalb weniger Tage zu enthaupten, seine komplette Streitmacht gegen den Donbass geworfen. Das setzt die Ukraine im Osten sehr stark unter Druck.

Mit der Einnahme von Lyssytschansk hat Russland die Kontrolle über das gesamte Luhansker Gebiet errungen. Im Donbass sieht es noch anders aus. Da sind noch ungefähr 30 bis 40 Prozent des Territoriums unter ukrainischer Kontrolle. Aber insgesamt kämpft die russische Armee sich im Osten der Ukraine langsam nach vorne.

Sabine Fischer | Stiftung Wissenschaft und Politik Berlin
Zur Person

Sabine Fischer ist Senior Fellow in der Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zu ihren Themenschwerpunkten gehören die russische Außen- und Sicherheitspolitik und ungelöste Konflikte in der östlichen EU-Nachbarschaft.

"Abnutzungskrieg - auch für Russland"

tagesschau.de: Ist dieses langsamere Vorrücken der russischen Armee im Osten für die militärische Führung ein Problem, weil Geländegewinne so viel Zeit kosten und irgendwann ja auch der Winter kommt?

Fischer: Wenn man sich den gesamten Kriegsverlauf anschaut, dann haben die russischen Streitkräfte in keiner Weise erreicht, was ursprünglich geplant war. Das geht auch auf massive Fehleinschätzungen der Situation in der Ukraine auf allen Ebenen zurück - Fehleinschätzungen der Fähigkeiten der ukrainischen Armee, Widerstand zu leisten, Fehleinschätzungen der politischen Führung und Fehleinschätzungen des Widerstandswillens in der Gesellschaft.

Und auch die russische Offensive im Donbass kommt wesentlich langsamer voran, als man am Anfang angenommen hat. Die Asymmetrie in der Größe der Streitkräfte und in der Ausstattung bewirkt zwar, dass die Abnutzung für die ukrainische Seite ernster ist. Aber auch Russland befindet sich hier in einer Abnutzungssituation.

tagesschau.de: Und wie sieht es im Süden aus?

Fischer: Im Süden hat die Ukraine in den letzten Wochen immer wieder kleinere Erfolge erringen können, und das ist aus ukrainischer Perspektive ausgesprochen wichtig. Es gibt ein Ungleichgewicht, was verfügbare Soldaten anbelangt, auch hinsichtlich der Ausstattung mit Panzern, Waffen, Munition und anderen Dingen. Hier hängt weiter sehr viel davon ab, wie schnell und wie umfangreich der Westen der Ukraine militärisches Gerät und Ausrüstung zur Verfügung stellt, um diese Kriegsziele im Süden erreichen zu können.

"Jeder Erfolg ermutigt Russland"

tagesschau.de: In dieses Umfeld fallen die Äußerungen von Lawrow zur Eroberung weiterer Gebiete. Bekräftigt das nur die bekannten Kriegsziele Russlands? Oder hat Russland seine Ziele angepasst?

Fischer: Die Äußerung Lawrows deutet eher eine Refokussierung auf die ursprünglichen Kriegsziele an, denn die gingen weit über den Donbass hinaus. Gerade am Anfang war klar sichtbar, dass es Russland in jedem Fall um eine militärisch hergestellte Kontrolle der gesamten Ukraine ging, inklusive der Absetzung der Regierung in Kiew und Installierung einer Marionettenregierung.

Ich denke nicht, dass dieses Ziel in Moskau zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich aufgegeben worden ist. Man hat sich taktisch anpassen müssen, nachdem die erste Phase in einem Scheitern endete und man sich vor allen Dingen von der Nordfront und damit von Kiew zurückziehen musste. Aber jeder Erfolg im Osten und im Süden ist in den Augen Moskaus eine Ermutigung, von den Kriegszielen in der Ukraine nicht abzulassen.

"Existenzgefährdend für die Ukraine"

tagesschau.de: Wenn Russland weiter Gebiete erobern will, richtet sich der Blick weltweit auf die ukrainischen Häfen - auch wegen des Exports von Getreide.

Fischer: Wenn Gebiete im Süden annektiert werden, werden die russischen Streitkräfte weiter in Richtung Odessa ausgreifen. Dann wäre die Überlebensfähigkeit der Ukraine immens beeinträchtigt. Das würde bedeuten, dass die Ukraine komplett von ihren Zugängen sowohl zum Asowschen Meer als auch zum Schwarzen Meer abgeschnitten wäre. Das wäre für die Ukraine existenzgefährdend.

Man muss sich immer wieder vergegenwärtigen, dass letztlich das übergeordnete Kriegsziel Russlands die Zerstörung des unabhängigen ukrainischen Staates ist. Und je weiter Russland sich Richtung Odessa vorarbeitet, desto größer wird diese Gefahr. Und sollte es tatsächlich dazu kommen, dann könnte auch die benachbarte Republik Moldau mit hoher Wahrscheinlichkeit Ziel einer russischen Aggression werden.

Auch dort gibt es ein abtrünniges Gebiet, Transnistrien, das Russland bereits seit Anfang der 1990er-Jahre unterstützt. Die Sicherheitslage in Moldau hat sich seit Beginn der neuerlichen russischen Invasion in die Ukraine deutlich verschlechtert.

"Getreidekrise propagandistisch genutzt"

tagesschau.de: Und diese Befürchtung hat die Verhandlungen über die Freigabe für der ukrainischen Häfen so heikel gemacht. Hat Russland die weltweite Getreidekrise auch in diesem Kontext für sich nutzen können?

Fischer: Russland hat es auf geschickte Weise verstanden, diese Situation propagandistisch für sich zu nutzen, indem man das Narrativ über diesen Krieg und die Blockade der Getreideexporte im eigenen Sinne umformuliert hat. Russland hat diese Blockade, die tatsächlich die Welternährungskrise weiter verschärfen kann, wenn sie nicht aufgehoben wird, in einen direkten Zusammenhang mit den westlichen Sanktionen gesetzt - und nicht etwa mit dem russischen Angriff auf die Ukraine.

Wir haben in den vergangenen Wochen mehrmals gesehen, wie das im globalen Süden verfängt und auch auf internationaler Ebene die Perspektiven und Sichtweisen auf diesen Krieg verändert. Russland konnte die eigene Blockade der ukrainischen Häfen nutzen, um seine Beziehungen zum Nicht-Westen an den Sanktionen der westlichen Staaten vorbei zu verbessern.

Russland forderte seit April zum einen, dass zur Freigabe der Häfen westliche Sanktionen aufgehoben werden sollten. Zum anderen, dass die Ukrainer die Gewässer vor ihren Häfen, vor allem vor dem Hafen von Odessa, entminen solle. Die ukrainische Seite verweigerte das mit dem Verweis, dass es eine Einladung für einen weiteren russischen Angriff auf Odessa wäre.

"Kaum Hoffnung auf baldige Friedensverhandlungen"

tagesschau.de: Aber nun gibt es ein Abkommen.

Fischer: Die Türkei und die UN haben nach Wochen hochkomplexer Verhandlungen einen Kompromiss herbeiführen können, der die Ausfuhr des in der Ukraine lagernden Getreides ermöglichen soll. Das ist eine große Erleichterung vor allem im Hinblick auf die Welternährungslage.

Der Abschluss der "Getreideabkommen" in Istanbul am 22. Juli gibt jedoch kaum Anlass zu Hoffnung auf baldige produktive Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland. Das Vertrauen der Ukraine in Russland ist so zerrüttet, dass die gemeinsame Unterzeichnung eines Dokuments nicht möglich war. Es ging hier außerdem um die Bewältigung von möglicherweise katastrophalen Folgewirkungen des Krieges - nicht um den Krieg selbst. In den kommenden Wochen wird sich in der Umsetzung der Getreideabkommen zeigen, ob dies gelingt.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Juli 2022 um 16:00 Uhr.