Nach ukrainischen Angaben ist auf diesem Bild einer der Evakuierungsbusse in Sumy zu sehen | VIA REUTERS

Lage in der Ukraine Zumindest in Sumy läuft die Evakuierung

Stand: 08.03.2022 16:37 Uhr

Es sind sehr unterschiedliche Meldungen, die aus der Ukraine kommen: Während aus Sumy im Nordosten offenbar die ersten Zivilisten evakuiert werden konnten, beschreibt das Rote Kreuz die Lage in Mariupol im Südosten als "apokalyptisch".

In der Ukraine gibt es erneut Versuche, Zivilisten aus den von Russland besonders stark beschossenen Städten in Sicherheit zu bringen. Diese sind aber offensichtlich unterschiedlich erfolgreich.

In der Stadt Sumy im Nordosten der Ukraine begannen am Morgen nach Angaben der Behörden tatsächlich erste Evakuierungen. Einwohner bestiegen Busse, die sie nach Poltawa bringen sollen. Die Stadt liegt etwa 170 Kilometer südlicher und ist bisher von direkten Kämpfen verschont geblieben.

Der Gouverneur von Sumy, Dmitro Schiwitskij, sagte, Behinderte, schwangere Frauen und Kinder aus Waisenhäusern hätten Vorrang. In einem vom Präsidentenberater Kyrolo Tymoschenko veröffentlichten Video war ein roter Bus mit einigen Zivilisten an Bord zu sehen. "Dem Konvoi wird die örtliche Bevölkerung in Privatfahrzeugen folgen", kündigte die stellvertretende Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk in einer TV-Ansprache an.

Feuerpause soll bis zum Abend gelten

Sumy, eine Stadt mit etwa 250.000 Einwohnern nahe der Grenze zu Russland, ist seit mehreren Tagen Schauplatz heftiger Kämpfe. In der Nacht hatte es dort einen Luftangriff gegeben, bei dem mindestens 21 Menschen ums Leben gekommen sein sollen.

Nach Angaben Wereschtschuks hatte Russland in einem Schreiben an das Rote Kreuz einen "humanitären Korridor" für die Evakuierung von Zivilisten aus Sumy angekündigt. Dafür sollte am Dienstag zwischen 09.00 und 21.00 Uhr (Ortszeit, 08.00 bis 20.00 Uhr MEZ) eine Feuerpause gelten.

Russland: 723 Menschen aus Sumy evakuiert

Auch für vier weitere Städte sollte die Feuerpause nach russischen Angaben gelten: für deen Großraum Kiew mit dem umkämpften Vorort Irpin sowie die Großstädte Tschernihiw, Charkiw und Mariupol. Berichte, wonach auch hier Evakuierungen im Gange sind, gibt es nicht.

Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, die ukrainischen Behörden hätten nur eine von zehn vorgeschlagenen Evakuierungsrouten für Zivilisten von Sumy über Poltawa bis zur polnischen Grenze bestätigt. 723 Menschen seien durch den Sumy-Poltawa-Korridor evakuiert worden, zitieren russische Agenturen das Ministerium.

Frontverläufe in der Ukraine mit Städten für die Fluchtkorridore | ISW/ 07.03.2022

Bild: ISW/ 07.03.2022

Ukraine: Russland beschießt Fluchtroute

Besonders dramatisch ist offenbar die Lage in Mariupol, der strategisch wichtigen Hafenstadt am Asowschen Meer. Die von Russland zugesagte Feuerpause wurde nach ukrainischen Angaben gebrochen. "Waffenruhe verletzt! Russische Streitkräfte beschießen jetzt den humanitären Korridor von Saporischschja nach Mariupol", schrieb der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Oleh Nikolenko, am Mittag bei Twitter.

Acht Lastwagen und 30 Busse stünden bereit, um humanitäre Hilfe nach Mariupol zu liefern und Zivilisten nach Saporischschja zu bringen. Der Druck auf Russland müsse erhöht werden, damit es seine Verpflichtungen einhalte, schrieb Nikolenko weiter. Von russischer Seite gab es zunächst keine Angaben dazu. Am Morgen hatte der Sprecher der prorussischen Kräfte im Gebiet Donezk, Eduard Bassurin, behauptet, ukrainische "Nationalisten" blockierten die Evakuierung.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

"Die Situation ist apokalyptisch"

Seit vergangenem Samstag sind bereits mehrere Versuche gescheitert, Menschen aus der 440.000-Einwohner-Stadt in Sicherheit zu bringen. Für die Menschen in der Hafenstadt ist die Lage nach Angaben humanitärer Helfer katastrophal.

"Die Situation ist apokalyptisch", sagte der Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf, Ewan Watson. In Mariupol gingen alle Vorräte zur Neige. Das IKRK habe sämtliche Bestände ausgeliefert und versuche, auf allen möglichen Wegen Nachschub ins Land zu bringen.

Russland ein sicherer Ort?

Das IKRK stehe bereit, den Abzug der Zivilisten zu ermöglichen, die aus der Stadt wollen, so der Sprecher weiter. Russland und die Ukraine hätten die Bedingungen dafür aber noch nicht geschaffen. "Wir versuchen verzweifelt, den Dialog zu ermöglichen", sagte Watson. Voraussetzung für eine Evakuierung sei, dass die Menschen die Reise freiwillig antreten und dass sie an einen sicheren Ort gebracht werden. Die Frage, ob Russland als sicherer Ort anzusehen sei, wollte Watson nicht beantworten.

Ukraine lehnt Fluchtkorridore nach Russland ab

Russland hatte zuletzt mehrfach Fluchtkorridore angeboten, die die Menschen nach Russland oder Belarus führen sollten - nicht aber in andere Regionen der Ukraine. Die ukrainische Regierung hatte solche Fluchtkorridore abgelehnt - mit der Begründung, es gehe dem Kreml nur darum, "die gewünschten TV-Bilder" zu schaffen. "Es sind Bürger der Ukraine, sie sollten das Recht haben, in ukrainisches Territorium evakuiert zu werden", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des Sprechers von Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Die russische Führung behauptet, es gebe in der Ukraine viele, die nach Russland evakuiert werden wollten. 2,5 Millionen Menschen hätten sich "über verschiedene Kommunikationskanäle" an Russland gewandt, sagte Generaloberst Michail Misinzew vom Verteidigungsministerium in Moskau. In der Ukraine lebt auch eine große russischsprachige Minderheit - viele von ihnen genau in den Regionen, die Russland nun massiv bombardiert.

Millionen Menschen auf der Flucht

Der Kreml hatte über Wochen Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen, zugleich aber bestritten, einen Angriff auf das Nachbarland zu planen. Am 24. Februar griff Russland die Ukraine dann an. Präsident Wladimir Putin begründete dies unter anderem damit, dass Russen vor einem "Genozid" geschützt werden müssten. Belege für diese Behauptung gibt es nicht.

UN-Angaben zufolge wurden durch Russlands Angriffskrieg bislang mehr als 400 Zivilisten getötet. Die Zahl der Menschen, die auf der Flucht sind, liegt im Millonenbereich. Die UN geben allein die Zahl derer, die die Ukraine Richtung Westen verlassen haben, inzwischen mit mehr als zwei Millionen an. Wieviele Ukrainerinnen und Ukrainer innerhalb des eigenen Landes auf der Flucht sind, ist unklar.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. März 2022 um 14:30 Uhr in den Nachrichten.