Rauch steigt auf nach dem Beschuss durch russische Streitkräfte in Mariupol, Ukraine. (Foto vom 04.03.2022) | dpa

Krieg in der Ukraine Gescheiterte Feuerpause und neue Angriffe

Stand: 05.03.2022 18:06 Uhr

Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig Verletzungen der Waffenruhe vor, die die Evakuierung von Zivilisten ermöglichen sollte. Das russische Militär setzte nach eigenen Angaben seine Angriffe auf Mariupol und Wolnowacha fort.

Die Ukraine und Russland haben sich gegenseitig Verletzungen der ersten begrenzten Feuerpause im Ukraine-Krieg zur Evakuierung von Zivilisten aus dem Kampfgebiet vorgeworfen. Die "russische Seite" halte sich nicht an die Waffenruhe in der Hafenstadt Mariupol, teilte die Stadt am Mittag im Nachrichtenkanal Telegram mit. "Aus Sicherheitsgründen wird deshalb die Evakuierung verschoben."

Russland hingegen warf der Ukraine vor, sich nicht an die Feuerpause gehalten zu haben. Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, der verabredete humanitäre Korridor sei beschossen worden. Schüsse seien zudem von Mariupol aus im Gebiet Donenzk in der Südostukraine auf Stellungen russischer Truppen abgefeuert worden, hieß es in der Mitteilung des Ministeriums in Moskau. Zudem sei am Vormittag ein Wohnhaus gesprengt worden, in dem sich bis zu 200 Menschen aufgehalten haben könnten.

Das russische Militär setzte nach eigenen Angaben seine Angriffe auf Mariupol und Wolnowacha fort. Die Kampfhandlungen seien um 16.00 Uhr (MEZ) nach einer mehrstündigen Feuerpause fortgesetzt worden, so das Verteidigungsministerium in Moskau laut Agentur Interfax. Die Angaben ließen sich nicht überprüfen.

Rotes Kreuz spricht von "herzzerreißenden Szenen"

Die Waffenruhe um Mariupol und die 65 Kilometer entfernte Stadt Wolnowacha in der Region Donezk war eigentlich für sieben Stunden angesetzt gewesen. Beide Seiten hatten am Donnerstag bei Verhandlungen in Belarus solche humanitären Korridore vereinbart.

"Die Szenen aus Mariupol und anderen Städten heute sind herzzerreißend", teilte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz mit. Die Evakuierungen über die Korridore würden nicht mehr heute beginnen. Man bleibe mit den Konfliktparteien in Kontakt, damit Zivilisten in Sicherheit gebracht werden könnten. "Unabhängig davon, ob humanitäre Korridore in den kommenden Tagen umgesetzt werden, müssen die Parteien weiterhin unter internationalem humanitärem Recht Zivilisten und zivile Infrastruktur schützen."

Das am Asowschen Meer gelegene Mariupol mit knapp einer halben Million Einwohnern steht seit Tagen unter dem militärischen Druck der vorrückenden russischen Armee. Die angekündigte Evakuierung galt als Vorbote der Einnahme der Hafenstadt. Dies würde einen Zusammenschluss der russischen Truppen mit Einheiten aus der Krim und dem östlichen Donbass ermöglichen.

Erbitterte Gefechte dauern an

Der russische Militärsprecher Igor Konaschenkow sagte, "Truppen der Volksrepublik Donezk" schlössen den Ring um Mariupol. Zudem setzten die russischen Streitkräfte die "Entmilitarisierung" der Ukraine fort. Mit Panzerabwehrraketen seien Munitionsdepots in der westukrainischen Stadt Schytomyr zerstört worden. Insgesamt habe man bisher mehr als 2000 Objekte militärischer Infrastruktur und mehr als 700 Panzer der Ukraine vernichtet.

Auch das ukrainische Militär sprach von schweren Gefechten mit russischen Truppen. Es werde "erbittert gekämpft, um ukrainische Städte von den russischen Besatzern zu befreien". Regionen und Städte wurden nicht genannt. In der Hauptstadt Kiew selbst war die Nacht nach Angaben der Behörden ruhig. Nach ukrainischer Darstellung versucht die russische Seite, Kiew und Charkiw zu umzingeln. Die ukrainische Armee betont immer wieder, Angriffe würden zurückgeschlagen und den Gegnern Niederlagen zugefügt.

Selenskyj kündigt Gegenangriff in Charkiw an

So treffen die russischen Truppen beim Vormarsch auf Kiew zum Beispiel in westlichen Vororten und der nördlichen Stadt Tschernihiw auf heftigen Widerstand. In Tschernihiw wurden dutzende Zivilisten durch Artillerie- und Raketenbeschuss getötet. "Überall auf dem Boden lagen Leichen", sagte ein Anwohner zu einem Reporter der Nachrichtenagentur AFP vor Ort. Die Stadt bot ein Bild der Zerstörung.

Russland hat trotz des sich seit Tagen intensivierenden Beschusses bei seiner mittlerweile zehntägigen Invasion bisher nur zwei wichtige Städte erobert: Berdjansk und Cherson an der südlichen Schwarzmeerküste. Nach russischen Angaben brachten die Streitkräfte der pro-russischen Separatisten zuletzt in der Ostukraine sechs Ortschaften in der Region Donezk unter ihre Kontrolle. Im Süden vorrückende russische Truppen nahmen demnach zehn Dörfer und Ortschaften ein. Die Eroberung von Mariupol wäre ein bedeutender Erfolg.

Der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow räumte Gebietsverluste ein. Es sei aber weiterhin nur ein "kleiner Teil" des Landes unter russischer Kontrolle und ukrainische Kämpfer drängten "den Feind" zurück. Präsident Wolodymir Selenskyj kündigte einen Gegenangriff der ukrainischen Streitkräfte um Charkiw an. Die zweitgrößte Stadt des Landes war in den vergangenen Tagen Ziel heftiger Angriffe und Bombardierungen gewesen.

Frontverläufe in der Ukraine | ISW/ 04.03.2022

Russische Truppen sind in einige Gebiete vorgedrungen. Bild: ISW/ 04.03.2022

Unterschiedliche Angaben zu Verlusten

Angaben zu Opfern des Krieges sind bislang kaum zu überprüfen. Kiew spricht von mindestens 350 getöteten Zivilisten und mehr als 9000 getöteten russischen Soldaten, macht jedoch keine Angaben zu eigenen militärischen Verlusten. Moskau hat nach eigenen Angaben nur rund 500 Kämpfer verloren und 2870 ukrainische getötet.

Laut dem Menschenrechtsbüro der Vereinten Nationen gibt es mindestens 351 bestätigte Todesfälle unter Zivilisten. Weitere 707 Zivilisten seien verletzt worden. Die UN-Stelle weist aber zugleich darauf hin, dass die tatsächlichen Zahlen wahrscheinlich sehr viel höher seien. Die meisten Opfer seien bei Explosionen von Granaten und Raketen oder bei Luftangriffen gestorben. Laut der UNO haben inzwischen mehr als 1,3 Millionen Menschen die Ukraine verlassen, der Großteil von ihn wird in den westlichen Nachbarländern und vor allem in Polen versorgt.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Dritte Verhandlungsrunde noch am Wochenende?

Laut Mychailo Podoljak, Berater des ukrainischen Präsidenten, könnte es noch am Wochenende eine dritte Verhandlungsrunde für einen umfassenden Waffenstillstand geben. Die Chancen auf Erfolg gelten jedoch als gering. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte die Umsetzung "aller russischen Forderungen" als Bedingung formuliert, darunter ein "neutraler" Status der Ukraine und deren "Entmilitarisierung". Kiew lehnt dies ab.

Putin warnte am Samstag den Westen davor, über der Ukraine eine Flugverbotszone einzurichten, die vom ukrainischen Präsident Wolodymyr Selenskyj gefordert wird. "Jede Bewegung in diese Richtung wird von uns als Beteiligung des jeweiligen Landes an dem bewaffneten Konflikt betrachtet", sagte Putin bei einem Treffen mit Mitarbeitern der russischen Airline Aeroflot. Diese stellt wegen der westlichen Sanktionen alle internationalen Flüge ein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. März 2022 um 12:00 Uhr und um 12:54 Uhr.