Menschen sitzen und liegen auf dem Boden in einer provisorischen Einrichtung in einem Sportzentrum in Mariupol. (Archivbild) | dpa

Ukrainische Hafenstadt Mariupol Evakuierung vorerst ausgesetzt

Stand: 05.03.2022 12:38 Uhr

Die Bevölkerung von Mariupol und Wolnowacha sollte während einer mehrstündigen Feuerpause die Städte verlassen können. Doch rund um Mariupol scheinen die Gefechte weiterzugehen. Die Evakuierung stockt - und beide Seiten geben einander die Schuld dafür.

Die Hoffnung für die Bevölkerung in Mariupol, sich aus der seit Tagen immer stärker umkämpften ukrainischen Hafenstadt in Sicherheit bringen zu können, scheint sich vorerst zerschlagen zu haben. Die Stadtverwaltung warf den russischen Streitkräften vor, die für ein paar Stunden vereinbarte Waffenruhe nicht einzuhalten.

Das russische Verteidigungsministerium hatte am Morgen eine Feuerpause für Mariupol und die Kleinstadt Wolnowacha im Osten des Landes angekündigt. In dieser Zeit sollte aus beiden Städten Menschen die Flucht über humanitäre Korridore ermöglicht werden.

Doch laut der Stadtverwaltung in Mariupol hält das Bombardement der Stadt und in deren Umgebung durch russische Truppen nach wie vor an. Die geplante Evakuierung müsse daher "aus Sicherheitsgründen" verschoben werden. Die russische Nachrichtenagentur RIA meldete unter Berufung auf das Außenministerium in Moskau, dass weder in Mariupol noch in Wolnowacha Menschen die Städte über humanitäre Korridore verlassen hätten.

Lawrow sieht Schuld bei ukrainischen Behörden

Auch Olexii Arestowytsch, Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, warf Russland im Fernsehen vor, die für die Evakuierung notwendige und vereinbarte Feuerpause nicht einzuhalten. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sieht die Verantwortung hingegen bei den ukrainischen Behörden. Diese würden die Zivilisten nicht ausreisen lassen. Russland sei seit Beginn des Militäreinsatzes in der Ukraine bereit gewesen, humanitäre Korridore einzurichten. Zudem betonte Lawrow erneut, dass russische Streitkräfte nur die militärische Infrastruktur in der Ukraine angreifen würden.

Ursprünglich sollten die Gefechte laut der Nachrichtenagentur Reuters zwischen 10 Uhr und 15 Uhr Mitteleuropäischer Zeit eingestellt werden. Schätzungen der Ukraine zufolge hätten in dieser Zeit etwa 200.000 Einwohnerinnen und Einwohner aus Mariupol die Chance nutzen können, sich über den humanitären Korridor in Sicherheit zu bringen.

Korridor sollte bis nach Saporischschja führen

Die Route des für die Evakuierung angedachten humanitären Korridors sei genau festgelegt worden, hieß es am Morgen vom Stadtrat in Mariupol. Die Menschen hätten mit öffentlichen Bussen aus der Stadt gefahren werden sollen oder Mariupol mit einem eigenen Auto verlassen können, berichtete ARD-Korrespondentin Palina Milling.

Der geplante Korridor soll nach vorliegenden Informationen etwas mehr als 220 Kilometer lang sein. Er führt aus Mariupol heraus Richtung Südwesten, nach Saporischschja. Auch von dort wurden schon Angriffe gemeldet, jedoch scheint die Lage bisher weniger dramatisch zu sein als in Mariupol. Wer weiter nach Polen flüchten möchte, müsste noch etwas mehr als 1000 Kilometer zurücklegen.

Beide Städte seit Tagen unter Beschuss

Sowohl die Hafenstadt Mariupol als auch die Kleinstadt Wolnowacha stehen seit Tagen unter dem militärischen Druck der vorrückenden russischen Armee. Mariupol meldet seit Tagen Artilleriebeschuss. Stromtrassen wurden zerstört, die Wasserversorgung ist unterbrochen. Während der Feuerpause hätten nach Angaben der Stadt Reparaturarbeiten vorgenommen und Hilfsgüter in die Stadt gebracht werden sollen.

Auch Wolnowacha in der Ostukraine steht seit mehr als einer Woche unter massivem Beschuss. Die Bewohner berichten, sie harrten in kalten Kellern aus, ohne Wasser, Essen, Strom und Heizung. Augenzeugen berichten, mehrere Straßenzüge seien abgebrannt, Körper toter Soldaten würden einfach auf der Straße liegen. Hilfsorganisationen konnten in die Stadt bisher nicht vordringen. Etwa 15.000 Menschen könnten Wolnowacha über einen sogenannten grünen Korridor verlassen, berichtete Palina Milling weiter.

Hafen von Mariupol unter "Blockade"

Der Bürgermeister von Mariupol, Wadym Boitschenko, hatte noch in der Nacht zum Samstag die Hoffnung bekräftigt, dass bald ein humanitärer Korridor aus der Großstadt mit 440.000 Einwohnern eingerichtet und dafür ein Waffenstillstand erklärt wird. Er hatte von einer "Blockade" des Hafens von Mariupol gesprochen. Fünf Tage, so Boitschenko weiter, leide die Stadt bereits unter "unerbittlichen Angriffen" von russischer Seite. Während man humanitäre Probleme löse und nach allen Wegen suche, "um Mariupol aus der Blockade herauszuholen", stünden die Sicherheitskräfte als "verlässliches Schild" am Stadtrand, so Boitschenko. Sie hätten die "Eindringlinge" auch am neunten Kriegstag nicht in die Stadt gelassen.

Einkreisung von Kiew und Charkiw

Nach Angaben der ukrainischen Armee haben russische Truppen ihre Offensive mit Luftunterstützung und dem Einsatz von Hochpräzisionswaffen fortgesetzt. Die russische Seite versuche, die Hauptstadt Kiew und die Millionenmetropole Charkiw zu umzingeln, heißt es in einem in der Nacht zu Samstag veröffentlichten Bericht der ukrainischen Armee. Im Osten wolle sie von den Separatistengebieten Luhansk und Donezk einen Landkorridor zur von Russland annektierten Halbinsel Krim schaffen.

Russische Truppen versuchten zudem weiter, die administrativen Grenzen der Regionen Luhansk und Donezk zu erreichen, um so einen Landkorridor von der von Russland annektierten Halbinsel Krim zu den Separatistengebieten zu schaffen.

Frontverläufe in der Ukraine | ISW/ 04.03.2022

Russische Truppen sind in einige Gebiete vorgedrungen. Bild: ISW/ 04.03.2022

Die ukrainischen Streitkräfte betonen weiter, Angriffe würden zurückgeschlagen und den Gegnern Niederlagen beigebracht. Die Darstellung kann nicht unabhängig geprüft werden, ebenso wenig wie russische Angaben. Die russische Agentur Tass berichtete, die ukrainische Armee habe binnen 24 Stunden dreimal zwei Siedlungen in der selbst erklärten Volksrepublik Luhansk beschossen. Details zu möglichen Opfern oder Schäden gebe es noch nicht.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. März 2022 um 12:00 Uhr und um 12:54 Uhr.