Frauen und Kinder liegen auf dem Fußboden in einem Sportcenter in Mariupol. (Archivbild) | AP

Krieg gegen die Ukraine Russland verkündet Waffenruhe für Mariupol

Stand: 05.03.2022 11:44 Uhr

Für die Städte Mariupol und Wolnowacha hat die russische Armee eine Feuerpause ausgerufen. Bis zu 200.000 Menschen könnten nach ukrainischen Angaben allein Mariupol verlassen. Doch die Waffenruhe ist offenbar brüchig.

Das russische Verteidigungsministerium hat eine Feuerpause für Mariupol und Wolnowacha im Osten der Ukraine angeordnet, damit Zivilisten aus den von russischen Streitkräften belagerten Städten herausgeholt werden können. Russische Streitkräfte sollten am Vormittag aufhören zu schießen, berichtet die russische Agentur Interfax unter Berufung auf das russische Verteidigungsministerium. Die humanitären Korridore seien bis in den Nachmittag hinein für Zivilisten geöffnet. "Die humanitären Korridore und Wege raus sind mit der ukrainischen Seite abgestimmt", teilte das Ministerium in Moskau mit.

Die Feuerpause soll laut der Nachrichtenagentur Reuters zwischen 10 Uhr und 15 Uhr Mitteleuropäischer Zeit gelten. In dieser Zeit sollen Zivilisten die beiden Städte verlassen können. Schätzungen der Ukraine zufolge könnten etwa 200.000 Einwohnerinnen und Einwohner aus Mariupol die Chance nutzen, sich über den humanitären Korridor in Sicherheit zu bringen.

Allerdings gibt es bereits erste Berichte der Nachrichtenagentur Reuters, denen zufolge der Stadtrat von Mariupol den russischen Streitkräften vorwirft, die Feuerpause nicht vollständig einzuhalten. Es gebe Gespräche mit der russischen Seite, um sicherzustellen, dass entlang der gesamten Evakuierungsroute die Waffen schwiegen.

Korridor soll bis nach Saporischschja führen

Die Route des Korridors sei genau festgelegt, die Bewohner müssten sie strikt einhalten, hieß es vom Stadtrat in Mariupol. Die Menschen würden mit öffentlichen Bussen aus der Stadt gefahren. Wenn sie ein eigenes Auto hätten, dürften sie auch das benutzen. Für diesen Fall rief die Stadt alle dazu auf, keinen Sitzplatz im Pkw leer zu lassen und so viele Zivilisten wie möglich mitzunehmen, berichtete ARD-Korrespondentin Palina Milling.

Der Korridor soll nach vorliegenden Informationen etwas mehr als 220 Kilometer lang sein. Er führt aus Mariupol heraus Richtung Südwesten, nach Saporischschja. Auch von dort wurden schon Angriffe gemeldet, jedoch scheint die Lage bisher weniger dramatisch zu sein als in Mariupol. Wer von dort aus nach Polen flüchten möchte, müsste noch etwas mehr als 1000 Kilometer zurücklegen.

Beide Städte seit Tagen unter Beschuss

Sowohl die Hafenstadt Mariupol als auch die Kleinstadt Wolnowacha stehen seit Tagen unter dem militärischen Druck der vorrückenden russischen Armee. Mariupol meldet seit Tagen Artilleriebeschuss. Stromtrassen wurden zerstört, die Wasserversorgung ist unterbrochen. Die Stadt gab an, die Feuerpause für Reparaturarbeiten nutzen zu wollen. Auch Hilfsgüter sollen Mariupol erreichen.

Auch Wolnowacha in der Ostukraine steht seit mehr als einer Woche unter massivem Beschuss. Die Bewohner berichten, sie harrten in kalten Kellern aus, ohne Wasser, Essen, Strom und Heizung. Augenzeugen berichten, mehrere Straßenzüge seien abgebrannt, Körper toter Soldaten würden einfach auf der Straße liegen. Hilfsorganisationen konnten in die Stadt bisher nicht vordringen. Etwa 15.000 Menschen sollen heute Wolnowacha über den sogenannten grünen Korridor verlassen, berichtete Palina Milling weiter.

Hafen von Mariupol unter "Blockade"

Der Bürgermeister von Mariupol, Wadym Boitschenko, hatte in der Nacht zum Samstag die Hoffnung geäußert, dass bald ein humanitärer Korridor aus der Großstadt mit 440.000 Einwohnern eingerichtet und dafür ein Waffenstillstand erklärt wird. Damit sollten Lebensmittel und Medikamente in die Stadt gebracht werden und wichtige Infrastruktur wieder instand gesetzt werden.

Der Bürgermeister hatte von einer "Blockade" des Hafens gesprochen. Fünf Tage, so Boitschenko weiter, leide die Stadt bereits unter "unerbittlichen Angriffen" von russischer Seite. Während man humanitäre Probleme löse und nach allen Wegen suche, "um Mariupol aus der Blockade herauszuholen", stünden die Sicherheitskräfte als "verlässliches Schild" am Stadtrand, so Boitschenko. Sie hätten die "Eindringlinge" auch am neunten Kriegstag nicht in die Stadt gelassen.

Einkreisung von Kiew und Charkiw

Nach Angaben der ukrainischen Armee haben russische Truppen ihre Offensive mit Luftunterstützung und dem Einsatz von Hochpräzisionswaffen fortgesetzt. Die russische Seite versuche, die Hauptstadt Kiew und die Millionenmetropole Charkiw zu umzingeln, heißt es in einem in der Nacht zu Samstag veröffentlichten Bericht der ukrainischen Armee. Im Osten wolle sie von den Separatistengebieten Luhansk und Donezk einen Landkorridor zur von Russland annektierten Halbinsel Krim schaffen.

Russische Truppen versuchten zudem weiter, die administrativen Grenzen der Regionen Luhansk und Donezk zu erreichen, um so einen Landkorridor von der von Russland annektierten Halbinsel Krim zu den Separatistengebieten zu schaffen.

Frontverläufe in der Ukraine | ISW/ 04.03.2022

Russische Truppen sind in einige Gebiete vorgedrungen. Bild: ISW/ 04.03.2022

Die ukrainischen Streitkräfte betonen weiter, Angriffe würden zurückgeschlagen und den Gegnern Niederlagen beigebracht. Die Darstellung kann nicht unabhängig geprüft werden, ebenso wenig wie russische Angaben. Die russische Agentur Tass berichtete, die ukrainische Armee habe binnen 24 Stunden dreimal zwei Siedlungen in der selbst erklärten Volksrepublik Luhansk beschossen. Details zu möglichen Opfern oder Schäden gebe es noch nicht.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Berichterstattung gestoppt

Verlässliche Informationen zum Krieg dürften nun noch spärlicher werden. Denn in Reaktion auf ein neues Mediengesetz in Russland stellen mehrere internationale Sender und Agenturen ihre Arbeit in Russland mittlerweile ganz oder teilweise ein, darunter CNN, die BBC, der kanadische Sender CBC und Bloomberg. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am Freitagabend mehrere Gesetze unterzeichnet, wonach für "Falschinformationen" über die russischen Streitkräfte Haftstrafen drohen.

Dritte Verhandlungsrunde über Waffenstillstand

Gut eine Woche nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine planen beide Seiten am Wochenende eine erneute Verhandlungsrunde. Die angekündigte dritte Verhandlungsrunde über einen Waffenstillstand soll vermutlich wieder in Belarus stattfinden. Ein genauer Termin wurde zunächst nicht genannt.

Über dieses Thema berichteten am 05. März 2022 das ARD-Morgenmagazin um 08:06 Uhr und die tagesschau um 08:30 Uhr sowie um 09:00 Uhr.