Am Eingang eines Visazentrums in Nowosibirsk werden Visa für europäische Staaten beworben. | picture alliance/dpa/TASS

Schengen-Visa für Russen "Welche Grenzen werden noch geöffnet sein?"

Stand: 18.08.2022 13:34 Uhr

Die Debatte über Visa für den Schengen-Raum lässt manche Russen kalt - nur ein Drittel besitzt überhaupt einen Reisepass. Diejenigen aber, die reisen oder das Land verlassen wollen, reagieren mit Sorge und Unverständnis.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Nein, aufatmen könne sie noch nicht, sagt Aljona. Die 27-Jährige sitzt in einem Café unweit der Visa-Zentrale der spanischen Botschaft in Moskau. Gerade war sie dort, um ihre Fingerabdrücke abzugeben - nun hofft sie, "dass alles gut geht".

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Unterstützt wird sie von einem auf Visa-Angelegenheiten spezialisierten Reisebüro. Eigentlich, erzählt Aljona, habe sie ihr Touristen-Visum für den Schengen-Raum wie früher, auf eigene Faust, bei der italienischen Botschaft beantragen wollen. Dort wäre der nächste freie Termin für die Beantragung des Visums aber erst im Oktober gewesen und sie hätte dabei bereits ihre Tickets vorzeigen und angeben müssen, wo sie unterkomme. Aber wie, fragt sie, solle sie so weit im voraus Tickets buchen - "wenn ich gar nicht weiß, welche Grenzen dann überhaupt noch für uns geöffnet sein werden, wie ich fliegen kann und wer mich weiterlässt?".

Fliegen - mit teuren Umwegen

Direktflüge von Russland in die EU gibt es seit der gegenseitigen Luftraumsperrung kurz nach Kriegsbeginn nicht mehr. Über Umwege via Türkei oder Dubai zu fliegen ist teuer. Viele können sich das nicht leisten und wählen daher den Landweg durch Nachbarländer wie Finnland oder Estland.

Auch für Aljona wäre das eine Option gewesen. Dass die beiden Länder nun die Visa-Vergabe und Einreise-Optionen für russische Staatsbürger deutlich einschränken, macht die IT-Fachfrau sichtlich nervös. Auch, weil sich die Regierungen Finnlands und Estlands für ein europaweites Verbot von Touristen-Visa für Russinnen und Russen stark machen.

Manchen ist es egal

Doch längst nicht alle in Russland verfolgen diese Debatte. "Mir ist das absolut egal!", lacht Irina, die mit ihren Eltern auf einer Bank im berühmten Moskauer Gorki-Park sitzt. Ihre Familie kommt aus der Nähe von Chabarowsk, eine Großstadt acht Flugstunden östlich von Moskau.

Der Militäreinsatz in der Ukraine und Politik im allgemeinen interessiere sie nicht, sagt Mutter Anna und erklärt mit einer abwinkenden Handbewegung: "Alles hat ein Ende. Irgendwann wird alles vorbei sein und dann wird alles wieder gut. Warum sollte ich mich aufregen?" Und sowieso, lacht ihre Tochter Irina erneut auf, nach Europa wolle sie gar nicht. Es sei also noch ein Grund weniger zur Aufregung.

Dmitri Medwedew besucht einen Übergang an der Grenze zwischen Russland und Finnland | AP

Demonstrativer Besuch mit strenger Mine: Ex-Präsident Medwedew an der Grenze zwischen Russland und Finnland Bild: AP

Moskau droht mit Vergeltung

Laut russischer Migrationsbehörde besitzt gerade einmal ein Drittel aller Russinnen und Russen einen Auslands-Reisepass. 2019 wurden rund vier Millionen Schengen-Visa an russische Staatsbürger vergeben, danach sank die Zahl deutlich - wegen der Corona-Pandemie.

Für den Fall, dass es nun aus politischen Gründen zu erneuten Reisebeschränkungen für russische Staatsbürger komme, warnte das russische Außenministerium bereits Ende Juli vor einer "Verschärfung der Konfrontation in den bilateralen Beziehungen" und drohte mit entsprechenden Vergeltungsmaßnahmen.

Die Aussage der estnischen Premierministerin Kaja Kallas, Europa zu besuchen sei ein Privileg und kein Menschenrecht, bezeichnete die russische Außenamtssprecherin als "Unsinn" und forderte eine Gewährleistung der Reise-Freizügigkeit.

Ungerecht und kontraproduktiv?

Marina, die mit ihrem Freund Arkadij gerade romantische Selfies auf der Moskwa-Promenade macht, war schon viel in Europa unterwegs: in Deutschland, Italien, Frankreich, den Niederlanden, Tschechien. Sie kann das von den europäischen Nachbarländern Russlands vorgebrachte Argument für einen europaweiten Visa-Stopp, dass Russinnen und Russen keinen Urlaub in Europa machen sollten, während in der Ukraine Menschen sterben, nicht nachvollziehen.

"Was ist der Ukraine geschieht, ist eher politisch", sagt Marina. Und die Entscheidung, keine Visa auszustellen, betreffe "vor allem den Tourismus und die Kultur". "Es ist eine Bestrafung der einfachen Bürger", fügt Arkadij hinzu. "Ich finde das ungerecht."

Das junge Paar ist zudem der Meinung, dass man die zwischenmenschlichen Beziehungen in Krisenzeiten eher stärken und nicht durch derartige Beschränkungen auseinanderreißen sollte.

Kritikern würde die Flucht erschwert

Nicht nur russische Menschenrechtler kritisieren, dass der aktuell diskutierte Visa-Stopp die Falschen treffe. In der Vergangenheit hätten sich beispielsweise Regierungskritiker als Touristen getarnt in Europa in Sicherheit gebracht.

Die diskutierten Ausnahmen von dem geforderten Visa-Stopp würden ihrer Ansicht nach kaum helfen. Humanitäre Visa dauerten nicht nur zu lange - es bestehe zudem die Gefahr, dass die russischen Behörden dadurch erst auf die betreffenden Personen aufmerksam würden.

Hoffen auf Europa

Auch Aljona will mit ihrem Touristen-Visum keinen Urlaub machen. Für sie wäre es ein Ausweg aus einem Land, in dem sie sich wegen der aktuellen politischen Situation nicht mehr wohl fühlt. Weil sie kurz nach Kriegsbeginn auch ihren Job verloren hat, will sie nun versuchen, in Europa Fuß zu fassen.

Ob sie dafür die Chance erhält, hänge jetzt von der Entscheidung der spanischen Botschaft ab, sagt sie. Am 1. September solle sie ihren Pass zurückerhalten - und dann hoffe sie, dass "irgendeine Art von Visum drin klebt". Aber ob es so kommt? Mal sehen, antwortet Aljona zurückhaltend. "Denn niemand weiß etwas und niemand gibt dir eine Garantie."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. August 2022 um 10:27 Uhr.