Alla Pugatschowa | picture alliance/dpa/TASS

Alla Pugatschowa Eine Ikone politisiert sich

Stand: 19.09.2022 20:17 Uhr

Die russische Popikone Alla Pugatschowa hat öffentlich den Krieg in der Ukraine kritisiert. Die Resonanz ist enorm: Ein Politologe spricht bereits von einem Trend zu Protest-Mobilisierung.

Von Annette Kammerer, ARD-Studio Moskau, zzt. Berlin

Russland hatte gerade die Krim annektiert, als Wladimir Putin 2014 ein paar Monate später Alla Pugatschowa persönlich den "Verdienstorden für das Vaterland" verlieh. Der Staatschef heftete der russischen Popikone das rot-goldene Abzeichen an ihr schwarzes Jackett. Pugatschowa bedankte sich bei dem Präsidenten, schloss ihre Abschiedsrede dann aber damit, dass sie sich Frieden wünsche: "Frieden, Frieden, Frieden auf der ganzen Welt". Wenn es nur ein Lied gäbe, das das erreichen könnte, dann würde sie es singen.

Annette Kammerer ARD-Studio Moskau

Mittlerweile führt Russland mit der Ukraine einen offenen Krieg - und Pugatschowa ist zusammen mit ihrem Mann, dem Satiriker und Moderator Maxim Galkin, nach Israel ausgewandert. Russische Medien berichteten nun allerdings, dass zumindest Pugatschowa zurück in ihrer Heimat sei - und sogar von hier ihren bislang wohl politischsten Post auf Instagram veröffentlichte.

Wladimir Putin und Alla Pugatschowa (Archivbild von 2014). | AP

Noch 2014 verlieh Putin Pugatschowa einen Orden - ihre damalige Kritik fiel deutlich subtiler aus. Bild: AP

Kein Halm, "ein ganzer Baumstamm"

In dem schriftlichen Statement bittet sie das russische Justizministerium, in die Liste "ausländischer Agenten" aufgenommen zu werden. Am Freitag wurde ihr Mann Galkin nämlich zu einem solchen erklärt. Dabei sei dieser kein "käuflicher Patriot", schrieb Pugatschowa. Galkin wünsche seiner Heimat lediglich "Wohlstand, ein friedliches Leben, Redefreiheit und ein Ende des Sterbens unserer Jungs für illusorische Ziele". Diese Ziele machten Russland zum Paria, also zu einem Außenseiter, kritisierte die Popikone weiter - und erschwerten das Leben seiner Bürger.

Dass jemand wie die Sängerin nun derart deutliche Worte findet, komme für die russische Führung zu einem kritischen Zeitpunkt, meint der unabhängige Politologe Abbas Galjamow. Die Bürger hätten ein "Gefühl enttäuschter Erwartungen": "Der Lebensstandard sinkt, und Siege an der Front gibt es nicht."

In einer solchen Situation könne im Prinzip alles die Rolle von "Stroh auf dem Rücken eines Kamels" spielen, sagt Galjamow in Anspielung auf eine russische Parabel, in der ein geduldiges Kamel so lange mit schwerem Gepäck beladen wird, bis es unter dem Gewicht eines einzigen Strohhalms zusammenbricht. Und Pugatschowa, das sei kein Halm, meint Galjamow, das sei "ein ganzer Baumstamm" - denn sie stehe für einen Trend hin zur Mobilisierung.

Kritisierten zuvor nur politisierte Liberale Wladimir Putin und dessen Politik, stelle sich nun heraus, dass auch unpolitische Menschen, die loyal zur russischen Führung seien, diese kritisieren könnten. Denn die Staatsgewalt sei gerade dabei, den Gesellschaftsvertrag mit seinen Bürgern zu brechen. Sie seien unzufrieden und bereit, sich zu politisieren - und dieser Trend, so der Politologe, sei für den Kreml gefährlich.

Galkin wehrt sich gegen Anfeindung

Dabei genießt nicht nur Pugatschowa in Russland den Status einer Madonna. Auch ihr Mann Maxim Galkin ist landesweit bekannt. Dem einstigen Moderator der russischen Version von "Wer wird Millionär?" folgen auf Instagram 9,4 Millionen Menschen. Putin-Parodien, aber auch andere Staats- und Regierungschefs, machten ihn zu einem relevanten Kritiker in der breiten russischen Bevölkerung.

Einige Medien sähen sich nun Ausschnitte von seinen Auftritten an, kritisierte Galkin vor einigen Wochen auf seinem Instagram-Account, und behaupteten, er würde seine "Heimat mit Schmutz beschmieren". Dabei habe er das in den 28 Jahren seiner Karriere nicht ein Mal, mit keinem einzigen Wort getan.

Er parodiere allerdings Politiker und "verspotte falsche, elende Propagandisten und korrupte Beamte", die das russische Volk ausrauben würden, so Galkin weiter. Dazu habe er als Satiriker das Recht. Und das werde er auch weiterhin so handhaben.

Peskow kommentiert zunächst nicht

Die "Causa Pugatschowa" ist bei der russischen Führung angekommen. Auch wenn Kreml-Sprecher Dimitri Peskow die enorme Resonanz auf ihren Post als Kleinigkeit abtat und kurz und knapp erklärte, dass er dieses Thema "in keiner Weise kommentieren" werde: "Ich glaube nicht, dass dies eine Frage ist, mit der der Kreml irgendetwas zu tun hat."

Pugatschowa wurde in den 1980er-Jahren zum Weltstar. Ihre EPs wurden damals in einer Stückzahl von zehn Millionen gepresst. Vor ihrer Wohnung sollen weibliche Fans Tag und Nacht "Ehrenwache" gestanden haben, berichtete das deutsche Fernsehen.

Damals schrieb Pugatschowa nicht zuletzt durch ihre Konzerte mit Udo Lindenberg Musikgeschichte. Es war die Endphase des Kalten Krieges. Und beide Musikgrößen traten zusammen auf, sangen in der Sowjetunion und in Deutschland auf Russisch und auf Deutsch - auch das Lied "Wozu sind Kriege da?".

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. September 2022 um 17:55 Uhr.