Ein Manometer zeigt 2009 im Gasspeicher Reitbrook des Netzbetreibers e-on Hanse bei Hamburg keinen Gasdruck an | picture-alliance/ dpa

Russland stoppt Gaslieferung Und wieder ruht Nord Stream 1

Stand: 31.08.2022 05:29 Uhr

Um 3 Uhr nachts hat Russland die Pipeline Nord Stream 1 außer Betrieb genommen - laut Ankündigung für drei Tage. Wieder lautet die Begründung: Wartungsarbeiten. Der Transport einer funktionsfähigen Turbine wird unterdessen verzögert.

Von Annette Kammerer, ARD-Studio Moskau, zurzeit Berlin

Es ist der Oktober 2012, als in der Nähe von St. Petersburg die Fertigstellung der Ostseepipeline Nord Stream 1 gefeiert wird. Ein Mann in gestreiftem Anzug drückt "Otkrijt" - zu deutsch "aufmachen" -, und alle Anwesenden schütteln sich begeistert die Hände. Darunter ist auch Gerhard Schröder.

Annette Kammerer ARD-Studio Moskau

Sechs große Turbinen treiben von da an die Ostseepipeline an. Bis zu 167 Millionen Kubikmeter Gas strömt nun täglich nach Deutschland.

Gerhard Schröder, Alexej Miller und Sergej Iwanow beim Start von North Stream 1 (Archivbild: Oktober 2012) | picture alliance / dpa

Ein heiterer Moment für Gerhard Schröder, Gazprom-Chef Alexej Miller und den damaligen Chef der russischen Präsidialverwaltung, Sergej Iwanow: der Start von Nord Stream 1 im Oktober 2012. Bild: picture alliance / dpa

Die Begeisterung ist längst Vergangenheit

Heute aber, knapp zehn Jahre später, ist davon nicht mehr viel übrig. Von den sechs Turbinen arbeitet angeblich nur noch eine.

Und durch die Pipeline strömen statt der 167 nur noch 33 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag - ein Fünftel der ursprünglichen Menge. Und nun bleibt der Gashahn drei Tage lang - bis zum 2. September - ganz zugedreht. Wieder einmal.

Im russischen Staatsfernsehen wird diese Nachricht wie jede andere verlesen. Die nach russischer Darstellung letzte verbleibende Turbine müsse vorsorglich repariert werden.

Nur ein Routinevorgang?

Es ist die zweite Wartung innerhalb von zwei Monaten. Erst Mitte Juli wurde die Pipeline zehn Tage lang - routinemäßig - außer Betrieb genommen. Auch dieses Mal sei alles wieder Routine, versicherte der Gazprom-Konzern.

Gleichzeitig kommen aus Moskau die immer gleichen Töne. Erst gestern bekräftigte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, wieder einmal, dass Russland an dem ganzen Hin und Her um die Wartung der Turbinen nicht schuld sei.

Es gibt eine Garantie: Nichts stört unsere Lieferungen, außer technische Probleme, die durch die Sanktionen verursacht werden. Russland war und ist auch weiterhin bereit, alle seine Verpflichtungen zu erfüllen. Europäische Länder, Kanada, die Vereinigten Staaten und Großbritannien haben Sanktionen verhängt, die normale Wartungs- und Reparaturarbeiten nicht zulassen. Außer den Sanktionen gibt es allerdings keine weiteren Hindernisse für Russland, seinen Verpflichtungen nachzukommen.

Immer wieder erklärt Moskau, dass es selbst, im Gegensatz zu Europa, hier nicht politisch motiviert handele. Die Wartungen und immer kleiner werdende Gaslieferungen seien schlicht notwendig.

Demonstrativer Besuch bei Siemens

Genau das Gegenteil allerdings schien Bundeskanzler Olaf Scholz erst Anfang dieses Monats beweisen zu wollen. Damals ging es noch um eine andere der sechs Turbinen.

Eine in Kanada gewartete Turbine konnte wegen der Sanktionen nicht zurück nach Russland geliefert werden. Deutschland bat um eine Ausnahme, Kanada half. Danach besuchte Scholz höchstpersönlich die inzwischen berüchtigte Turbine im deutschen Mülheim an der Ruhr und erklärte demonstrativ: "Die Turbine ist da, sie kann geliefert werden. Es muss nur jemand sagen, 'ich möchte sie haben'."

Die Turbine ist immer noch da

Doch aus der geplanten Durchreise ist ein Halt auf unbestimmte Zeit geworden. Gazprom fehlten Dokumente, hieß es aus Russland. Die Turbine hat sich seitdem nicht vom Fleck bewegt.

Dabei war schon seit Wochen klar, dass eine Turbine das Problem mit der Pipeline nicht lösen wird. Schon im Juli rechnete Wladimir Putin vor, welche weiteren Turbinen mit welchen Probleme in der Verdichterstation Portowaja verbaut sein sollen:

Dort arbeiten fünf Siemens-Gaspumpstationen, eine ist in Reserve. Eine sollte zur Reparatur geschickt werden. Ende Juli sollte eine weitere Turbine zu Wartungsarbeiten und Reparaturen geschickt werden. Und eine andere Turbine ist bereits außer Betrieb, weil eine Art Innenverkleidung abgefallen ist. Siemens kann das bestätigten.

Putins Botschaft

Es ist eine komplizierte Rechnung, die niemand außerhalb Russlands überprüfen kann. Klar war Putins Aussage aber in einem Punkt: Es gebe mindestens so viele Probleme wie Turbinen.

Nord Stream 1 ist damit in nur zehn Jahren vom Vorzeigeprojekt zum politischen Dauerthema geworden - das auch nach dieser Wartung sicher nicht beendet sein wird.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 30. August 2022 um 19:13 Uhr.