Wladimir Putin | AP

Russland und Nord Stream 1 Freude am "Imageverlust" des Westens

Stand: 11.07.2022 16:48 Uhr

Gas sei unpolitisch, heißt es aus Russland stets. Doch im russischen Staatsfernsehen ist das Urteil klar: Deutschland habe klein beigeben müssen. Russlands eigene Abhängigkeiten werden heruntergespielt.

Von Annette Kammerer, ARD-Studio Moskau, zzt. Berlin

Der Westen versuche, eine "Show" zu machen, erklärt eine Nachrichtensprecherin im russischen Fernsehen: Die Wartung der Nord-Stream-1-Pipeline sei ein Routineverfahren. Es werde keine Überraschungen geben. Und auch Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow beteuerte zum wiederholten Male: Niemand habe jetzt irgendwelche "neue Wartungsarbeiten" gefunden. Äußerungen, dass Öl oder Gas von russischer Seite als Instrument politischen Drucks eingesetzt würden, lehne Russland strikt ab.

Annette Kammerer ARD-Studio Moskau

Zeitgleich bezeichnet Wladimir Putin die EU-Sanktionen aber immer wieder auch als "Blitzkrieg" gegen sein Land. Und warnte erst vergangene Woche wieder davor, dass Europa versuche, russische Energieressourcen zu ersetzen, habe schon jetzt vorhersagbare Folgen: Die Preise auf dem Spotmarkt, aber auch die Kosten privater Haushalte stiegen an, warnte Putin. Und fügte hinzu: "Wir müssen uns ausschließlich von unseren nationalen Interessen leiten lassen und alles tun, um unsere Wirtschaft und das Wohlergehen unserer Bürger zu schützen."

Kräftemessen mit Europa

Der Energieexperte Michail Krutichin beobachtet im Gasmarkt gerade allerdings eine Art Kräftemessen, einen Wettbewerb. Auf der einen Seite stehe Europa, das so schnell wie möglich versuche, unabhängig von russischem Gas zu werden - was allerdings zwei bis drei Jahre dauern könnte, meint Krutichin.

Auf der anderen Seite stehe Russland: Die dortigen Behörden können die Gaslieferungen nach Europa möglicherweise früher einstellen, warnt der Experte, "um zu zeigen, dass Europa ohne russisches Gas nicht leben kann". Wer diesen Wettbewerb am Ende gewinnen werde, könne er nicht sagen.

Klar ist für Krutichin allerdings auch, dass Russland viel abhängiger von Europa ist, als es zugeben mag. Im vergangenen Jahr hätte Russland 155 Milliarden Kubikmeter Gas an die Europäische Union geliefert. Einen anderen vergleichbaren Markt gebe es für Russland nicht. Nach China beispielsweise pumpe die "Sila Sibiri", die "Kraft Sibiriens" Gas, allerdings werde deren Vollauslastung von 38 Milliarden Kubikmetern Gas erst im Jahr 2025 erreicht. Und ob China dann überhaupt noch so viel kaufe, sei ebenfalls nicht klar.

"Das ist ein Imageverlust"

Währenddessen scheinen sich Kommentare im russischen Fernsehen einig, dass die nun doch aus Kanada zurückgelieferte, fehlende Turbine für Nord Stream 1 einem Gesichtsverlust Deutschlands gleichkomme.

Hieß es auch erst, dass die in Kanada gewartete von Siemens produzierte Turbine wegen der Sanktionen nicht nach Russland geliefert werden könne, so hätte Deutschland nun letztlich klein beigegeben, so Stanislaw Mitrachowitsch vom "Fonds der nationalen Energiesicherheit": Deutschland musste Kanada öffentlich bitten, in Sachen Sanktionen eine Ausnahme für Russland zu machen. "Der Westen musste zugeben, dass er sich in seine eigenen Sanktionen verstrickt hatte. Dass er mehr essen wollte, als er schlucken konnte", sagt Mitrachowitsch dazu. "Das ist natürlich ein Imageverlust."

Offiziell flossen wegen der fehlenden Turbine zunächst nur 40 Prozent der sonst üblichen Menge Gas durch Nord Stream 1. Doch Igor Juschkow von der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation warnte schon jetzt im russischen Staatsfernsehen, dass das Problem mit der Lieferung dieser einen Turbine nicht gelöst sein könnte: "Wenn sich herausstellt, dass Kanada nur eine Turbine zurückgibt und die anderen nicht warten wird, dann verstehen wir alle, dass dies den Stopp der Nord-Stream-Pipeline lediglich hinausschiebt."

Der Tenor ist gesetzt

Denn auch die Frist zur Wartung anderer Turbinen der betroffenen "Portowaja"-Verdichterstation der Nord-Stream-1-Pipeline sei abgelaufen, warnt die Nachrichtensprecherin im russischen Fernsehen. Juschkow schlägt ihr gegenüber deshalb den Start von Nord Stream 2 vor. Dort sei eine russische Turbine verbaut, erklärt der Experte - und fügt hinzu, das dass für die Europäer eine schmerzhafte, politische Entscheidung sei.

In den vergangenen Jahren dauerte die Wartung der Nord-Stream-1-Pipeline nie länger als die angesetzten zehn Tage. 2019 war die Nord Stream AG eigenen Aussagen nach sogar vier Tage früher als geplant fertig. Ob Gas nach der Wartung in diesem Jahr fließen wird, ist unklar.

In den russischen Medien ist allerdings jetzt schon der Tenor gesetzt: Deutschland wurde durch die eigenen Sanktionen so hart getroffen, dass es in Fragen der Energiesicherheit klein beigeben musste.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. Juli 2022 um 15:46 Uhr.