Sergej Lawrow | REUTERS

Russischer Außenminister Lawrow gibt Kiew Schuld an Getreideblockade

Stand: 08.06.2022 16:21 Uhr

Über die von Russland blockierten Schwarzmeer-Häfen kann die Ukraine derzeit kein Getreide exportieren. Russlands Außenminister Lawrow sagt, Exporte seien möglich, wenn die Ukraine Seeminen entferne - diese lehnt das ab.

Im Streit um die Blockade von ukrainischem Getreide in Häfen am Schwarzen Meer hat Russland die Schuld von sich gewiesen und sich zu Sicherheitsgarantien für Getreide exportierende Schiffe aus ukrainischen Häfen bereit erklärt.

Außenminister Sergej Lawrow machte bei einem Besuch in der Türkei die Ukraine selbst für die Blockade verantwortlich. Die Ukraine weigere sich, ihre Häfen zu entminen oder anderweitig Durchfahrten von Frachtschiffen zu gewährleisten, sagte er nach einem Treffen mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu in Ankara.

"Wenn die ukrainische Seite bereit ist, eine Durchfahrt an den Minen vorbei zu sichern, dann kann diese Frage gelöst werden", sagte Lawrow.

Er erklärte zudem, Russland sei bereit, seinerseits zu "garantieren", dass es eine Entfernung von Minen nicht für einen Angriff auf die Ukraine nutzen würde und "die Sicherheit von Schiffen zu gewährleisten, die die ukrainischen Häfen verlassen." Dies könne "in Zusammenarbeit mit unseren türkischen Kollegen" geschehen, so Lawrow.

Cavusoglu hatte Lawrow nach Ankara eingeladen, um über Exportmöglichkeiten für Getreide zu verhandeln. In Russland und der Ukraine werden rund 30 Prozent der globalen Getreidemenge angebaut.

Ukraine befürchtet Angriffe nach Entminung

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte ukrainischen Getreideschiffen zuletzt freie Fahrt durchs Schwarze Meer zugesagt. Dafür müssten aber vor Städten wie Odessa Seeminen entfernt werden.

Die Ukraine hatte im Vorfeld des türkisch-russischen Treffens erklärt, man sei aus Angst vor russischen Angriffen nicht dazu bereit, den besonders wichtigen Hafen von Odessa von Minen zu befreien.

Aus Angst vor russischen Angriffen wies auch die Regionalverwaltung von Odessa kurz vor dem Treffen Lawrows und Cavusoglus Forderungen nach einer Minen-Räumung zurück. "Sobald die Zufahrt zum Hafen von Odessa von Minen geräumt wird, wird die russische Flotte dort sein", sagte Sprecher Serhij Bratschuk in einer Videobotschaft im Online-Dienst Telegram.

Russland werde nach einer Entfernung der Minen Odessa "angreifen wollen", es "träume davon", Soldaten dort per Fallschirm landen zu lassen.

Russland könnte profitieren

Konkrete Ergebnisse wie etwa die Einrichtung eines Sicherheitskorridors gab es bei dem russisch-türkischen Treffen nicht, Lawrow und Cavusoglu sprachen sich aber dafür aus. Dem müssten aber die Regierungen in Moskau und Kiew zustimmen.

Über denselben Korridor könnte auch Russland Lebensmittel und Düngemittel exportieren. Die Türkei würde den Transport des Getreides über das Schwarze Meer begleiten und schützen, wie aus türkischen Behördenkreisen verlautete.

Russland fordert Lockerung der Sanktionen

Das Präsidialamt in Moskau erklärte unterdessen, Russland werde den Weltmarkt erst wieder mit Getreide beliefern, wenn die westlichen Sanktionen aufgehoben würden. Die Sanktionen beeinträchtigten Schiffsversicherungen, Zahlungen und den Zugang zu europäischen Häfen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow.

Der türkische Minister bezeichnete die Forderung nach Lockerung der internationalen Sanktionen als "legitim".

Lawrow spielte die weltweite Sorge vor Hungerkrisen herunter. Das Problem beim Export von ukrainischem Getreide werde vom Westen als "universelle Katastrophe" eingestuft, obwohl der ukrainische Anteil an der weltweiten Produktion von Weizen und anderen Getreidearten weniger als ein Prozent ausmache.

Peskow sagte in dem Zusammenhang, es gebe "viel weniger Getreide als die Ukrainer behaupten."

Laut Kiew 25 Millionen Tonnen Getreide blockiert

Faktisch blockiert die russische Marine seit Kriegsbeginn die ukrainischen Schwarzmeer-Häfen. Damit können die ukrainischen Exporte von Weizen, Sonnenblumenöl, Dünger und anderen Gütern nicht wie gewohnt abgewickelt werden.

Dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zufolge liegen derzeit bis zu 25 Millionen Tonnen Getreide auf Halde. Im Herbst könnte die Zahl ihm zufolge auf 75 Millionen Tonnen steigen.

Über die blockierten Exporte sprach laut Bundeskanzleramt auch Kanzler Olaf Scholz in einem Telefonat mit Selenskyj. Beide hätten übereingestimmt, "dass alles getan werden müsse, um den Getreideexport aus der Ukraine, insbesondere auf dem Seeweg, zu ermöglichen".