Roman Dobrochotow | ARD-Studio Moskau

Journalisten in Russland "Für uns gibt es keinerlei Garantie"

Stand: 24.03.2021 18:30 Uhr

Russlands Investigativjournalisten enttarnten Günstlinge Putins, auf Nawalny angesetzte Agenten - und werden dafür als "Staatsfeinde" diffamiert. Auch ihre Informanten nehmen ein hohes Risiko in Kauf.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

"Das Schwierigste ist es, seelisch ausgeglichen zu bleiben", sagt der 44-jährige Investigativjournalist Roman Badanin. "Weiter zu arbeiten und dabei ein normaler, ausgeglichener Mensch zu bleiben. Denn das, was wir machen, ist Arbeit im ständigen Stresszustand." Badanin hat das Rechercheportal "Proekt Media" gegründet, spezialisiert auf aufwändige investigative Recherchen, die auch vor dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht haltmachen. "Wir sind von niemandem abhängig und haben vor niemandem Angst", sagt Badanin selbstbewusst.

Demian von Osten ARD-Studio Moskau

Und Selbstbewusstsein brauchen sie, denn Badanin und sein Team haben etwas gewagt, das für viele im russischen Journalismus in den vergangenen Jahren eine rote Linie war: Recherchen im persönlichen Umfeld Putins. Badanin und sein Team haben den erstaunlichen Reichtum einer Anteilseignerin der Bank Rossija unter die Lupe genommen.

Die Frau aus Putins Heimatstadt St. Petersburg war laut den Recherchen zunächst Putzfrau und Studentin und kaufte wenig später mehrere Luxuswohnungen in russischen Städten. Das war für die Rechercheure verdächtig. Sie sei eine "enge Bekannte des Präsidenten", formulieren sie vorsichtig - und ihre Tochter sehe Putin äußerst ähnlich. Die Rechercheure gehen davon aus, dass die Frau eine Beziehung zu Putin hatte und er der Vater ihrer Tochter ist. Darüber hatte bis dato niemand berichtet.

RT nennt Badanins Team "Staatsfeinde"

Badanins Recherche haben seit Ende November Millionen Menschen auf Youtube gesehen. "Die Recherchen durchzuführen, ist in etwa so leicht wie jede andere Recherche auch", sagt Badanin. Aber es könne schwierig werden, danach die Folgen zu überstehen. "Wir wurden Feind Nummer eins. Es vergeht kein Tag, an dem nicht einer der staatlichen mit dem Kreml verbundenen Fernsehkanäle wie RT zeigt, dass wir ein Agent der CIA seien oder ein Feind Russlands."

Roman Badanin | ARD-Studio Moskau

Roman Badanin, Gründer der Investigativplattform "Projekt Media". Bild: ARD-Studio Moskau

RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan nannte Badanin und sein Team im staatlichen Fernsehen "Landesverräter" und "Spione". Russlands staatlicher PR-Sender fürs Ausland will Beweise dafür haben, dass Badanin Geld von europäischen und US-amerikanischen Institutionen erhalte - in Russland reicht das schon aus, um jemanden als "ausländischen Agenten" zu bezeichnen und öffentlich zu diskreditieren.

Badanin selbst macht keine genauen Angaben über die Einkünfte von "Proekt Media". Doch Simonjan wettert gegen "Proekt Media" - und stellt den recherchierenden Journalisten ihre Sicht auf Journalismus entgegen: "Uns nennt man Propagandisten, dabei verteidigen wir unsere Heimat - wie es die Armee etwa tut. Mir ist es nicht peinlich, für mein Vaterland zu arbeiten. Das ist eine Ehre!"

Datenbanken - oder bezahlte Informationen

Für die Recherche nutzten die Journalisten von "Proekt Media" offizielle russische Datenbanken, die Auskünfte über das Eigentum von Immobilien ermöglichen. "In Deutschland kriegt man die nicht als Journalist oder nur mit einem komplizierten Verfahren, das ich nicht kenne", erklärt Badanin. "In Russland kann man diese Informationen aber nutzen."

Der hohe Digitalisierungsgrad Russlands verschafft Journalisten auch auf nicht ganz legalem Weg Zugang zu Daten: Einzelverbindungsnachweise von Mobiltelefonen, Passagierlisten von Flügen. Viele dieser Daten landen auf dem Schwarzmarkt, erzählt der Datenschutzexperte Aschot Oganesjan. "Vor allem in weit entfernten Regionen werden Polizeimitarbeiter korrumpiert", weiß Oganesjan, der einen Telegram-Kanal betreibt, in dem er vor Datenlecks warnt.

Nicht alle Daten wahllos öffentlich machen

Hauptkäufer seien dabei Privatdetektive, die im Auftrag von Verheirateten Informationen über mögliche Seitensprünge der Ehepartner recherchierten. Aber auch in der Geschäftswelt werde die Methode genutzt, um Druck auf Geschäftspartner auszuüben. Journalisten seien erst in den vergangenen Jahren als gelegentliche Käufer hinzugekommen - wie etwa das Rechercheteam von Bellingcat.

Die Rechercheure haben mit Hilfe von Schwarzmarkt-Daten ermittelt, welche FSB-Agenten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny beschatteten, seine Vergiftung geplant und durchgeführt haben sollen. Sie ließen schließlich Nawalny vor seiner Rückkehr nach Russland einen von ihnen anrufen - der nannte in dem Gespräch Details der Geheim-Operation.

Roman Dobrochotow | ARD-Studio Moskau

Roman Dobrochotow, Chefredakteur der russischen Investigativplattform "The Insider". Bild: ARD-Studio Moskau

Roman Dobrochotow, Chefredakteur der russischen Investigativplattform "The Insider", arbeitet mit Bellingcat zusammen, auch wenn er aus Russland selber keine Daten auf dem Schwarzmarkt kaufe, wie er sagt. Und sie seien vorsichtig damit, solche illegal erworbenen Daten zu veröffentlichen: "Nur wenn es um echte Verbrechen geht wie Morde, also Dinge, die eine besondere gesellschaftliche Bedeutung nicht nur für Russland, sondern für die ganze Welt haben - nur in diesen Fällen kann man persönliche Daten nutzen und veröffentlichen", meint Dobrochotow. Aber selbst dann würden die Rechercheure nicht sämtliche Daten publik machen.

"Warum sollte Putin nicht auch Journalisten töten?"

Im Moment liegt der Daten-Schwarzmarkt weitgehend still. Nach der Nawalny-Recherche ist Russlands Inlandsgeheimdienst FSB aktiv geworden, mehrere Mitarbeiter der Polizei, die Daten geleakt haben sollen, wurden identifiziert. Sie müssen jetzt wohl mit Haftstrafen rechnen. "Für Staatsangestellte gibt es harte Strafen", erläutert Datenschutzexperte Oganesjan. "Da verliert jemand nicht nur seine Arbeit, er macht sich sein Leben kaputt. Aber sie machen trotzdem weiter. Warum, das weiß ich auch nicht genau."

Und die recherchierenden Journalisten? Sie lassen sich von steigendem Druck und Einschüchterungsversuchen nicht abhalten. Auch wenn sich Investigativjournalisten wie Dobrochotow der Gefahr durchaus bewusst sind. "Die Vergiftung Nawalnys zeigt, dass es für Putin keine roten Linien gibt", sagt er. "Wenn Putin Nawalny vergiftet hat, warum sollte er dann nicht auch Journalisten töten? Da gibt es für uns keinerlei Garantie."

Über dieses Thema berichtete die NDR-Sendung "Zapp" am 24. März 2021 um 17:00 Uhr.