Ukrainische Fahrgäste besteigen in St. Petersburg (Russland) den Hochgeschwindigkeitszug Allegro, der vom St. Petersburger Bahnhof Finlandsky nach Helsinki abfährt. | AP
Weltspiegel

Krieg gegen die Ukraine Wenn zur Flucht nur Russland bleibt

Stand: 23.05.2022 04:59 Uhr

Für viele, die aus der Ostukraine entkommen wollen, gibt es nur den offenen Fluchtweg nach Russland. Doch die meisten wollen nicht bleiben. Ein Netzwerk russischer Freiwilliger hilft ihnen bei der Weiterreise in den Westen.

Von Ina Ruck, ARD-Studio Moskau

Aus einem Hostel bei Helsinki kommt die knappe WhatsApp-Message von Alexander: "Wir haben es geschafft". Wieder eine ukrainische Familie, die Russland verlassen hat. Alexander ist seit Mitte März unterwegs, zu sechst sind sie. Sie waren sieben, als sie aus ihrem Dorf bei Charkiw aufbrachen. Seit Tagen wurde es angegriffen, dann traf ein Geschoss auch ihr Haus.

Ina Ruck ARD-Studio Moskau

Sie entschieden sich zur Flucht - und zwar Richtung Russland, die einzig gefahrlose Route. Denn die Fluchtwege ins Landesinnere der Ukraine wurden beschossen. "Ich weiß auch nicht, von wem die Geschosse kamen", sagt Alexander unsicher, als wir uns in Sankt Petersburg kennenlernen. Er will nichts Falsches sagen, denn er ist ja noch in Russland.

Das Auto musste die Familie verkaufen

Man schickte sie in ein Auffanglager nach Woronesch im russischen Süden. Dort erkrankte die 86-jährige Großmutter an Corona. Kam ins Krankenhaus, wurde wieder entlassen, starb Tage später an einem Rückfall. "Den Zweiten Weltkrieg hat sie überlebt, aber das jetzt, das hat sie nicht mehr geschafft", sagt Alexander. Sie haben sie in Woronesch beerdigen müssen, eine Bestattung auf der Flucht. "In fremder Erde."

Mit seiner Mutter, seinem Bruder, dessen Frau und deren zwei Söhnen ist Alexander unterwegs. Wir sollen ihre Namen nicht nennen, auch Alexander heißt eigentlich anders. Elf und zwölf sind seine beiden Neffen. Der Zwölfjährige ist schwerbehindert, Spastiker und Epileptiker, er kann nicht laufen.

Sie wechseln sich ab mit Tragen, denn den Rollstuhl mussten sie zurücklassen auf der Flucht. Das Auto, mit dem sie über die Grenze kamen, haben sie in Russland verkauft, um Insulin und Tabletten für die zuckerkranke Mutter bezahlen zu können - und die Beerdigung der Oma.

Drehkreuz St. Petersburg

In Sankt Petersburg finden sich viele dieser Geschichten, eine herzergreifender als die andere. Die Stadt ist zum Drehkreuz für jene geworden, die aus der Ukraine Richtung Russland geflohen sind - aber auf keinen Fall hierbleiben wollen. Und längst hat sich, halb im Untergrund, ein Netzwerk an Fluchthelfern und -Helferinnen gebildet. Sie bieten Unterkunft, kochen Essen, kaufen Tickets für die Weiterreise ins nahe Estland oder Finnland.

"Russland lässt die Ukrainer raus, niemand wird festgehalten", sagt Vater Grigorij, ein Priester, der schon vielen geholfen hat. "Es ist deshalb falsch, von Deportationen zu sprechen. Aber kaum jemand schafft es auf eigene Faust. Denn viele kommen ohne Geld oder Papiere." Man könne Übergangspapiere beantragen, mit denen man die Grenze zur EU passieren kann.

Das funktioniere gut, aber nur wenige wüssten davon. Russland biete das den Leuten zwar an, meist empfehle man Geflüchteten aber, Asyl zu beantragen, oder gleich die russische Staatsbürgerschaft. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein Startgeld von umgerechnet 150 Euro, ein Ticket in eine Region, in der man Unterkunft und Arbeit verspricht. Oft stehen sogar mehrere Ziele zur Auswahl.

"Ich kann nicht bleiben"

"Wenn das Zuhause in Trümmern liegt und man gerade erst den Bomben entkommen ist, mag das nach einer guten Perspektive klingen - so traumatisiert, wie die Leute sind", vermutet Vater Grigorij. Aber manche der Geflüchteten seien noch nie im Ausland gewesen, höchstens mal in Russland, der Geografieunterricht sei lange vorbei. "Wenn sie dann hören: Wir haben Arbeit für dich in Wladiwostok, das Klima ist dort ganz ähnlich wie in Mariupol - dann stimmen die Leute zu. Sie denken nicht darüber nach, dass es 7000 Kilometer entfernt ist."

Erst wenn sie nach neun Tagen Zugfahrt ankämen, würden sie ihre Situation realisieren. Und dass sie wieder von dort weg müssten. Gerade erst hat Grigorij einer verzweifelten ukrainischen Familie geholfen, aus der Stadt am Pazifik zurückzukommen.

Auch Alexanders Familie hatte man angeboten, auf Dauer in Russland zu bleiben. "Sie haben uns nicht schlecht behandelt, gaben uns Kleidung und Essen und halfen mit der Beerdigung", sagt er. Aber hierbleiben? "Unser Wohnheim in Woronesch lag direkt an einem Flugfeld, täglich starteten dort die Kampfflieger, und es war doch klar, wohin. Moralisch schaffe ich das nicht, ich kann nicht bleiben in diesem Land."

Flucht aus der Ukraine

Die Familie von Alexander gelang nur unter großen Mühen die Flucht nach Russland. Doch sie wollen weiter nach Westen.

"Gesellschaft ist vollkommen demoralisiert"

Vater Grigorij läuft mit wehender Soutane zu seinem Auto. Gerade erst hat er eine Messe gehalten - und muss sich beeilen, um den nächsten Termin nicht zu verpassen. Eine Privatklinik hat sich bereiterklärt, Geflüchtete für kleines Geld zu behandeln, der Vertrag muss noch heute unterzeichnet werden.

Grigorij hat sich schon nach der Annexion der Krim abgewandt von der Russischen Orthodoxen Kirche, die längst die Rolle einer Staatskirche übernommen hat. Er ist übergetreten zur unabhängigen apostolisch-orthodoxen Kirche. Als streitbares Mitglied im Sankt Petersburger Rat für Menschenrechte ist er bekannt in der Stadt. Wohl auch deswegen lässt man ihn gewähren.

Vater Grigorij ist einer der wenigen, der offen von Krieg spricht, von Verlusten - und von Schuld. Er sehe sich, sagt er, auch als Vertreter seines Landes, als jemand, der versucht, einen kleinen Teil der Schuld wieder abzutragen. "Unsere Gesellschaft ist vollkommen demoralisiert, wir haben eine Katastrophe zugelassen. Wie kommen wir da je wieder raus?", fragt er. "Wollen wir weiter behaupten, sie seien Faschisten? Sind auch die Kinder Faschisten? Das zwei Monate alte Mädchen in Odessa, war die auch Faschistin? Das ist Unsinn."

Wirtin gewährt Unterschlupf

Dabei gärt es längst in Russlands Gesellschaft. In Umfragen stützt zwar eine überwältigende Mehrheit den Kurs des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Ukraine. Doch welche Aussagekraft haben Umfragen in einer Atmosphäre der Angst?

Zu Grigorijs Freiwilligen-Netzwerk gehören Frauen, deren Männer nicht wissen dürfen, dass sie Suppe kochen für ukrainische Flüchtlinge. Eine Wirtin, die Unterschlupf gewährt, aber nicht öffentlich über die Ursachen der Flucht reden will. Der Chefarzt der Privatklinik, der ebenfalls nicht mit politischen Aussagen zitiert werden will - "Jeder hier versteht doch, was los ist". Es gärt, wenn auch im Verborgenen.

Mutter und Tochter hielten einander für tot

Im Bus verlassen Alexander und seine Familie Sankt Petersburg - die letzte Etappe ihrer Flucht. Es geht über die Grenze nach Estland, dann in die Hauptstadt Tallinn, von dort werden sie später die Fähre nach Helsinki nehmen. Auch Diana und Anna aus Mariupol sitzen im Bus, Mutter und Tochter, der Stadt gerade erst entkommen.

Abwechselnd halten sie den Korb mit Kater Zeus auf den Knien. Zeus hat in den Trümmern ihrer Wohnung wie durch ein Wunder überlebt. Diana und Anna hatten einander bereits für tot gehalten. Seit dem Bombardement des Theaters, in dem Tochter Anna Unterschlupf gefunden hatte, hatten sie nacheinander gesucht.

Diana und Anna aus Mariupol

Diana und Anna aus Mariupol entkamen der Hölle von Mariupol. Sie empfinden es als demütigend, nun ausgerechnet über Russland fliehen zu müssen.

Nach vielen Wochen fanden sie sich zufällig wieder. Beide planten längst die Flucht, suchten am selben Tag im zerstörten Zuhause nach einem Erinnerungsstück zum Mitnehmen. "Es war Annas Geburtstag", sagt Diana. "Sie stand plötzlich da. Wir haben beide vor Schreck aufgeschrien, und dann geweint. Meine Gebete wurden erhört."

Rückkehr ins Dorf bei Charkiw?

Beide empfinden es als demütigend, nun ausgerechnet über Russland fliehen zu müssen, beide wollen nie wieder hierher zurück. Alexander hat weniger Groll. Es gebe viele gute Menschen, sagt er.

Selbst russische Soldaten hätten ihnen geholfen. Aber in Russland leben - das könne er nicht. Auch Finnland solle keine Heimat werden. Er will so bald wie möglich zurück in sein Dorf bei Charkiw. Und dann: alles wieder aufbauen. Sein Haus, sein Land, seine Zukunft.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel im Ersten am 22. Mai 2022 um 18:30 Uhr.