Wladimir Putin studiert eine Broschüre über den Tourismus in Russland | via REUTERS

Putins außenpolitische Doktrin Überall Landsleute, überall Schutzbedarf

Stand: 07.09.2022 11:18 Uhr

Der Westen gescheitert, die Zukunft in Asien: So sieht Russlands Präsident Putin die internationale Lage. Dahinter steht eine neue außenpolitische Doktrin, die auf der Idee der "russischen Welt" fußt. Was hat es damit auf sich?

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Das Konzept der "russkij mir", der "russischen Welt", ist alles andere als neu. Es hat bereits im 19. Jahrhundert eine Rolle gespielt, aber auch nach dem Zerfall der Sowjetunion, als nach einer identitätsstiftenden Idee gesucht wurde.

Rechtsnationale Ideologen wie Alexander Dugin verquickten in der Folgezeit panslawische Ideen mit einem antiwestlichen und neoimperialen russischen Nationalismus. Ihre Forderung: "Wir müssen die russische Welt wieder neu erschaffen. Wir müssen beieinander sein."

Ein weit gefasstes "Wir"

"Wir": Das meint nicht nur ethnische Russinnen und Russen, sondern alle - wie es heißt - "Landsleute". Die Russischsprachigen, vor allem die im nahen Ausland, diejenigen, die der Russisch-Orthodoxen Kirche und der russischen Kultur verbunden sind. Wozu Dugin, wenig überraschend, nicht nur die Menschen im Donbass, sondern auch im Osten und Süden der Ukraine zählt.

Doch auch lange vor dem Krieg in der Ukraine, noch vor dem Krieg mit Georgien, machte sich auch der Kreml die Idee der "russischen Welt" zu eigen.

2007 wurde auf Geheiß von Präsident Wladimir Putin die Stiftung "Russkij Mir" gegründet - ein Gemeinschaftsprojekt des russischen Bildungsministeriums und des russischen Außenministeriums und finanziert auch aus Mitteln des Staatshaushaltes.

Aus Förderung wird Mission

Ging es zunächst darum, die russische Sprache und Kultur überall auf der Welt zu fördern, sieht Präsident Putin die "russische Welt" inzwischen inmitten eines Kulturkampfes. "Unsere Mission besteht darin, sie zu stärken", erklärt er.

Und meint damit auch, sie zu bewahren. Schließlich versuche der Westen, die russische Welt zu zerstören, so Außenminister Sergej Lawrow. Der Westen habe "der gesamten russischen Welt den totalen Krieg erklärt. Und das ganz offen", sagt er.

Es ist aus Sicht des Oberhauptes der Russisch-Orthodoxen Kirche, Kyrill, ein Kampf der Zivilisationen. Der verderbte Westen gegen die Bewahrer der traditionellen Werte. Gut gegen Böse: "Die russische Welt wird wieder zu einem Vorposten der christlichen Zivilisation", glaubt Kyrill.

Wirkung auch im Ausland?

Vor dem Hintergrund der wortgewaltigen Propagandaschlacht, die seit Monaten erbittert geführt wird, ergibt die neue Doktrin, die der russische Präsident etwas überraschend präsentierte, durchaus Sinn.

Sie könnte im Westen weitere Ängste schüren. Sichert sie doch russischen "Landsleuten" überall auf der Welt, vor allem aber in den ehemaligen Sowjetrepubliken, zusätzlich zur Militärdoktrin Schutz und Fürsorge zu.

Und sie legitimiert den Anspruch des Kreml auf Deutungshoheit in Fragen von Moral, Geschichte, kulturellem Erbe und dem richtigen medialen Russland-Bild.

Nur eine Fußnote in Russland

Überbewerten sollte man die Doktrin aber trotzdem nicht, meint der Soziologe Lew Gudkow vom Lewada-Zentrum: "Das sind weitere Worte des Kreml, die hier keiner wirklich ernst nimmt."

Tatsächlich war die neue Doktrin den staatlichen Nachrichten bisher nicht viel mehr als eine Meldung wert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. September 2022 um 09:10 Uhr.