Krystyna Kuschynska | ARD-Studio Warschau
Reportage

Ukraine Zurück, auch wenn Krieg ist

Stand: 05.06.2022 02:32 Uhr

Die Ukraine wird ständig angegriffen, doch Millionen Geflüchtete sollen schon zurückgekehrt sein. Krystyna Kuschynska ist wieder bei ihrem Mann in Lwiw - und fühlt sich trotz Luftalarmen ruhiger.

Von Olaf Bock, ARD-Studio Warschau, und Juri Durkot, Lwiw

Direkt nach Kriegsbeginn floh die 28-jährige Krystyna Kuschynska mit ihrer zweijährigen Tochter zur Mutter nach Warschau. Doch nach fast drei Monaten entschied sie sich, nach Lwiw zurückzukehren. Nach Hause zum Mann, zurück in die Heimat.

Olaf Bock ARD-Studio Warschau

Nun bereitet sie Frühstück für sich und ihre Familie vor - in der eigenen Küche. Es gibt Spiegelei, Brot und frischen Spargel. "Ich fühle eine unglaubliche Ruhe. Trotz der Angst fühle ich mich zu Hause ruhiger", erzählt sie. Trotz der Luftalarme und der bleibenden Gefahr.

Ihr Mann Lew freut sich, dass seine Frau und die Tochter wieder da sind: "Ich glaube, es ist ein großes Glück für jeden, wenn deine Frau und dein Kind wieder nach Hause kommen", sagt er. Klar, er macht sich immer noch Sorgen um die Sicherheit, aber jetzt überwiegt die Freude.

Krystyna Kuschynska | ARD-Studio Warschau

Trotz des Luftalarms fühle sie sich zurück in der Ukraine ruhiger, sagt Krystyna Kuschynska. Bild: ARD-Studio Warschau

Die Zahlen sind wie so oft widersprüchlich: Vor wenigen Tagen meldete der ukrainische Grenzschutz, dass inzwischen über zwei Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer aus dem Ausland zurückgekehrt sind. Am vergangenen Montag nannte ein Vertreter des Innenministeriums in Kiew eine noch höhere Ziffer - bis zu 4,8 Millionen Menschen oder 60 Prozent der Geflüchteten seien bereits wieder in der Ukraine.

Auch wenn diese Angaben womöglich übertrieben erscheinen, ist die Tendenz eindeutig: In den vergangenen Wochen sind viele Flüchtlinge zurückgekehrt.

Bei Luftalarm ins Bad

Auch in Lwiw, der größten Stadt in der Westukraine mit knapp über 700.000 Einwohnern, hat sich die Lage deutlich entspannt. Man könnte sogar sagen, dass der Krieg hier - abgesehen von häufigen Raketenalarmen und vereinzelten Angriffen auf die Infrastruktur wie Umspannwerke oder Ölreservoirs - fast unsichtbar ist.

Zwar sind die Fenster an vielen Kirchen und Häusern mit Sandsäcken und Sperrholz abgesichert und die Skulpturen auf dem Marktplatz eingehüllt, aber uniformierte Soldaten auf den Straßen sieht man selten. Bei gutem Wetter füllen sich die Sommerterrassen der Cafés mit Gästen und die Parks mit Kindergelächter. Doch der Schein trügt.

Im Zentrum von Lwiw sind gelbe Schulbusse aufgestellt - ein Mahnmal für Hunderte getötete Kinder im Krieg Russlands gegen die Ukraine. | REUTERS

Im Zentrum von Lwiw sind gelbe Schulbusse aufgestellt - ein Mahnmal für Hunderte getötete Kinder im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Bild: REUTERS

Den ersten Luftalarm erlebte Krystyna Kuschynska schon in der ersten Nacht nach ihrer Rückkehr. Schnell nahm sie ihre schlafende Tochter und legte sie auf eine Decke im Bad, dem besten Schutz innerhalb der Wohnung vor berstenden Fenstern.

"Natürlich quälte mich der Gedanke, warum ich nicht einfach noch zwei, drei Tage mit meinem Kind in Warschau geblieben bin - in Sicherheit. Aber dann verstand ich, dass man solche Gefühle bei jedem Alarm haben kann. Dann wäre ich eben noch ein paar Tage geblieben und so geht es dann immer weiter und weiter ohne Ende." Jetzt geht die Familie bei Alarmen runter in die Tiefgarage des Hauses. Gefährdetes Familienglück - es gab bisher noch keine direkten Angriffe auf Lwiwer Wohngebiete.    

Lwiw wurde zur Flucht-Drehscheibe

In den ersten Kriegswochen nahm Lwiw mehr als 200.000 Flüchtlinge auf, somit wuchs die Stadtbevölkerung plötzlich um fast ein Drittel an. Gleichzeitig war Lwiw die größte Drehscheibe für die Flüchtlingsströme: Alle Evakuierungszüge aus dem Osten kamen am hiesigen Bahnhof an, von hier fuhren die Menschen weiter nach Polen.

Oberbürgermeister Andrij Sadowyj schätzt, dass etwa fünf Millionen durch die Stadt gereist sind. Heute sind immer noch etwa 150.000 Flüchtlinge in Lwiw. Der Bürgermeister bemerkt auch die zunehmende Zahl der Rückkehrer in die Ukraine und zeigt Verständnis. "Zu Hause ist eben zu Hause!", sagt er. "Und wir müssen unser Land ja auch wieder aufbauen. Ich glaube, in Lwiw ist es besser als in anderen Städten, aber jetzt gerade ist die Situation überall schwierig. Gott schützt uns!"

Zerstörte Häuser, knappe Güter, Inflation

Viele Flüchtlinge können jedoch gar nicht zurückkehren - ihre Häuser und Wohnungen sind zerbombt, und nicht selten wurden ihre Heimatorte dem Erdboden gleich gemacht. Sie leben in provisorischen Unterkünften, Schulen und Turnhallen. Studentenwohnheime und Wohncontainer sind nun ihr neues Zuhause.

Der Unterricht in den Schulen und an den Unis findet seit Monaten nur online statt. Mehr als 100 Schulen in Lwiw - von insgesamt rund 140 - funktionieren derzeit als Flüchtlingsherbergen. Zahlreiche verletzte Zivilisten und Soldaten werden in städtischen Krankenhäusern behandelt. Die medizinischen Einrichtungen haben kaum noch freie Kapazitäten. Andrij Sadowyj hat bereits den Bau eines großen Rehabilitationszentrums angekündigt.

Ein Zug mit Geflüchteten aus der Region Donezk kommt am Bahnhof in Lwiw an (Bild vom 28.05.2022). | picture alliance / AA

Noch immer kommen Züge mit Geflüchteten aus der ganzen Ukraine in Lwiw an - hier ein Zug aus der Region Donezk (Bild vom 28.05.2022). Bild: picture alliance / AA

Für Menschen und Unternehmen hat der Krieg inzwischen spürbare wirtschaftliche Folgen. Die Inflationsrate ist laut offiziellen Angaben auf über 16 Prozent gestiegen, doch viele wichtige Dinge, vor allem Lebensmittel oder Sprit sind noch teurer geworden. Spritpreise sind um die Hälfte gestiegen; vor allem Diesel, das auch die ukrainische Armee dringend braucht, ist seit Wochen knapp. Jeden Tag kann man an Tankstellen in Lwiw lange Schlangen beobachten.

Die ukrainische Währung Hrywnja ist unter Druck geraten und hat mehr als 20 Prozent gegenüber dem US-Dollar verloren. Viele Firmen kürzen dem Personal Löhne und Gehälter. Für viele Familien bedeutet das deutliche Einschnitte. Es stehen keine leichte Zeiten bevor. Trotzdem nehmen Menschen wie Krystyna Kuschynska all das in Kauf, um wieder zu Hause sein zu können.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Mai 2022 um 12:40 Uhr.