Die britische Königin Elizabeth II. eröffnet im Juni 2017 die neue Sitzungsperiode des Parlaments. | dpa

Elizabeth II. und Europa Oft europäischer als ihr Land

Stand: 09.09.2022 15:11 Uhr

Die Versöhnung mit einstigen Feinden ist für Queen Elizabeth II. von zentraler Bedeutung gewesen. Schon früh bekannte sich die britische Königin zum europäischen Gedanken - oft auf subtile Weise.

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Überall in Brüssel wehen die Flaggen auf Halbmast. Bei der NATO - was nicht ungewöhnlich ist, denn die Queen war Staatsoberhaupt eines NATO-Mitglieds. Halbmast aber auch vor dem Europäischen Parlament und bei der EU-Kommission - und das ist ungewöhnlich, denn Großbritannien gehört seit dem Brexit nicht mehr dazu.

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

"Präsidentin von der Leyen hat heute einen Brief geschrieben", berichtete ihr Chefsprecher Eric Mamer, "einen Brief an König Charles den Dritten". Den zentralen Satz zitiert er:

Ihr Mitgefühl und ihre Fähigkeit, Kontakt zu halten zu allen vorüberziehenden Generationen, und gleichzeitig verwurzelt zu bleiben in Traditionen, die wirklich wichtig sind - das war ein Beispiel von echtem Leadership.

Auf subtile Weise pro-europäisch

Elizabeth II. war politischer, als sie es öffentlich zeigen durfte. Darauf spielt Kommissionspräsidentin von der Leyen an. Einmal, als Großbritannien schon im Brexit-Rausch war, wählte die Queen ein europablaues Mantelkleid mit europablauem Hut, auf dem gelbe Stoffkugeln baumelten. Da lag die Anspielung zur EU-Flagge nicht weit.

Schon Jahre vorher, Anfang der 1990er-Jahre, stellte die Queen sich persönlich vor das Europäische Parlament und lobte die Staatengemeinschaft: "Die Gründer der Gemeinschaft wollten keinen bequemen Club mit verschlossenen Türen. Sondern eine herausfordernde Gemeinschaft, in der Mitglieder unterschiedliche Standpunkte austauschen können. Heute haben wir ein dynamisches Europa, das durch Freundschaft und Kooperation mit der Welt zusammengehalten wird."

Und dann sagte die Queen etwas, was damals wohl kaum ein britischer Premierminister so gesagt hätte, direkt zu den Abgeordneten: Die Queen begrüßte den Beitrag der Europaabgeordneten zur Demokratie in Europa.

Erste Reise nach Frankreich

Die Zuneigung war gegenseitig. Die Queen repräsentierte, was viele auf dem Kontinent nicht haben: Institutionen, die seit mehr als 100 Jahren weitgehend unverändert und verlässlich funktionieren - das Parlament, Downing Street No 10, die Gerichte. Und an der Spitze eine Königin oder ein König. Während auf dem Kontinent Revolutionäre auf die Straßen gingen, Regierungssysteme wechselten und allein in Frankreich eine Republik die nächste ablöste, lag die Insel wie ein Fels in der Brandung.

Das Land in Europa, das ihr vielleicht am nächsten lag, dürfte Frankreich gewesen sein. Elizabeth II. sprach sehr gut Französisch und die erste große Auslandsreise nach dem Zweiten Weltkrieg führte sie nach Paris. Damals noch als Prinzessin sprach sie zu den Abgeordneten der Französischen Nationalversammlung.

Gerade mal 22 Jahre alt war Elizabeth da und auch diese Rede schon voller politischer Anspielungen: "Zweimal haben Franzosen und Engländer Seite an Seite gekämpft und einen hohen Blutzoll gezahlt. Jetzt ist der Moment gekommen", so fährt die junge Prinzessin fort, "dass Frankreich und Großbritannien sich an die Spitze der Bewegung stellen, die über den eigenen nationalen Tellerrand hinausblicken könnte".

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"Eine Königin mit freundlichem Herzen"

Kein kritisches Wort über Deutschland, das gerade ihr Land bombardiert hatte, kein Wort über die 330.000 toten britischen Bürger und Soldaten. Stattdessen der Vorschlag, dass Briten und Franzosen sich zusammentun könnten und Europa nach vorne bringen sollten.

Deshalb war es vermutlich kein Zufall, dass der erste Staatschef, der auf den Tod der Queen reagierte, der französische Präsident war. Er werde sich immer an sie als eine Freundin Frankreichs erinnern, schrieb Emmanuel Macron - als eine Königin mit einem freundlichen Herzen, die eine bleibende Erinnerung hinterlassen werde.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. September 2022 um 16:00 Uhr.