Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin. (Archivbild: 29.09.2021) | picture alliance/dpa/TASS/POOL

Putin und Erdogan Eine pragmatische Beziehung

Stand: 19.07.2022 10:49 Uhr

Das Verhältnis der Präsidenten Russlands und der Türkei ist ambivalent. Oft schon gab es heftigen Streit, manchmal ziehen sie an einem Strang. Die gemeinsame Iran-Reise dürfte vor allem konkrete strategische Gründe haben.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Beim Gipfel im Iran treffen die beiden Präsidenten Russlands und der Türkei, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan, erstmals seit Beginn des Ukraine-Kriegs aufeinander. Viele halten Erdogan für einen guten Freund Putins. Doch das ist er nicht. Die beiden pflegen eher eine pragmatische Beziehung mit Höhe und Tiefen.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Eiszeit nach Jet-Abschuss

2015 beispielsweise gab es eine kleine Eiszeit zwischen den beiden, nachdem die Türkei einen russischen Kampfjet an der syrischen Grenze abgeschossen hatte. Putin strafte die Türkei damals ab. Sie durfte beispielsweise bestimmte Waren nicht mehr in sein Land exportieren. Ein halbes Jahr lang waren Urlaubsflüge in die Türkei verboten. 

Außerdem griff er seinen Amtskollegen direkt an: Der soll Öl von der Terrormiliz IS gekauft haben, und er und seine Familie würden davon profitieren. Erdogan zeigte sich empört: "Russland muss für seine Behauptung Beweise vorlegen. Andernfalls ist und bleibt das eine Unterstellung. Sollte das bewiesen werden, trete ich zurück. Aber die eigentliche Frage lautet: Ist Herr Putin bereit zurückzutreten, wenn Russland keine Beweise liefern kann?"

 

Entschuldigung von Erdogan

Keiner der beiden trat zurück. Aber Erdogan entschuldigte sich im Sommer 2016 bei Putin für den Abschuss. Kurz darauf honorierte der Russe das. Er verurteilt den Putschversuch in der Türkei sehr klar - im Gegensatz zu westlichen Staatschefs, die zurückhaltend reagieren.

Wieder ein halbes Jahr später drohte die Stimmung noch mal zu kippen. Ein türkischer Polizist erschoss den russischen Botschafter in Ankara vor laufenden Kameras. Erdogan ging diesmal nicht auf Angriff, im Gegenteil, er zeigte sich solidarisch, sprach von einem Angriff auf die Türkei: "Im Gespräch mit Herrn Putin nach dem Vorfall waren wir uns einig, dass das eine Provokation ist und es hier keinen Konflikt gibt."

Die Beziehungen zwischen beiden bleiben fragil. Wenn es um Syrien geht, wo beide auf unterschiedlichen Seiten aktiv sind, fallen Sätze wie: "Ich habe Herrn Putin gefragt, was Russland in Syrien zu suchen hat. Wenn ihr dort Militärbasen gründen wollt, dann macht das! Aber stellt Euch nicht uns in den Weg!"

Gemeinsame Projekte

Die beiden arrangieren sich schließlich, wie auch in Libyen und auch im Konflikt um die Region Berg-Karabach. Mittlerweile sind die Beziehungen gut, so baut man beispielsweise gemeinsam das erste türkische Atomkraftwerk.

Erdogan kauft von Russland sogar ein Raketenabwehrsystem - für die anderen NATO-Partner ein Affront. Experten unterstellen Putin schon länger, er wolle die Türkei aus der NATO herauslösen. Der Russland-Experte Hakan Aksay glaubt nicht an diese Theorie: "Putin will einerseits die Türkei ausnützen und andererseits die NATO und das westliche Lager von innen heraus schwächen und polarisieren. Das soll die Position Russlands insgesamt und Putins Rolle innenpolitisch stärken. Aber ich bezweifle, dass Russland die Türkei darüber hinaus näher an sich binden will."

Gemeinsamkeiten sind "mal größer, mal kleiner"

Möglicherweise kann er sie auch gar nicht an sich binden. Immerhin gab Erdogan - wenn auch nach langem Tauziehen - Ende Juni sein grundsätzliches Okay für die NATO-Beitritte Schwedens und Finnlands, was nicht im Sinne Russlands sein kann. Dazu kommen Ankaras Drohnen-Lieferungen für die Ukraine.

Der frühere türkische General Ahmet Yavuz beschreibt das Verhältnis der beiden Länder so: "Die Interessen der Türkei und Russlands decken sich nie komplett. Man muss sich das wie zwei Kreise vorstellen, die sich teilweise überschneiden. Die gemeinsamen Interessen sind mal größer, mal kleiner."

Erdogan will Vermittler sein

Die Schnittmengen sind im Moment dabei eher kleiner. Das wurde auch bei Erdogans Statement zu Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar deutlich. "Lassen Sie mich sagen, dass die militärische Intervention Russlands heute ab den frühen Morgenstunden auf ukrainischem Boden inakzeptabel ist und wir das verurteilen."

Diese klare Haltung überraschte viele im Westen positiv. Die Tür nach Russland schlägt Erdogan damit trotzdem nicht zu. Er ist Pragmatiker. Diese Qualität könnte ihm auch in Teheran helfen. Was Nordsyrien angeht, will er von Putin das Okay für eine weitere Offensive. Und beim Ukraine-Krieg versucht er sich weiter als Vermittler zu positionieren - zuletzt durch Gespräche in Istanbul über einen Getreide-Korridor. Ein regierungsnaher türkischer Journalist sieht gar Erdogan als den wichtigsten Mann, der mit Putin Frieden aushandeln kann.