Flüchtende werden über die grüne EU-Grenze nach Bosnien geprügelt. | ARD-Studio Wien
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Bosnisch-kroatische Grenze Maskierte prügeln Migranten aus der EU

Stand: 06.10.2021 20:00 Uhr

Maskierte Uniformierte an der kroatisch-bosnischen Grenze schlagen bei Pushbacks auf Menschen ein, wie ein ARD-Team erstmals auf Film festhalten konnte. Recherchen legen nahe: Die Schläger gehören zur kroatischen Interventionspolizei.

Von Srdjan Govedarica und Andrea Beer, ARD-Studio Wien

Laute Schmerzensschreie gellen am 15. Juni 2021 durch den grünen dichten Wald an der kroatisch-bosnischen Grenze. Schläge sind zu hören. Fünf junge Männer hasten durch das Dickicht und stolpern in die Korana, den Grenzfluss zwischen Kroatien und Bosnien und Herzegowina nahe Šturlić im Nordwesten des Landes.

Srdjan Govedarica ARD-Studio Wien
Andrea Beer ARD-Studio Moskau

Zuvor müssen sie auf kroatischer Seite offensichtlich durch ein Spalier maskierter Uniformierter. Diese toben sich aus an den Menschen, die sie illegal aus Kroatien abschieben: Einer schwingt routiniert den langen Schlagstock mit dem charakteristischem Quergriff in seiner rechten Hand. Er trägt eine dunkle Sturmhaube und wartet ungeduldig auf die Menschen, die er aus der EU hinausprügeln kann.

Alle paar Sekunden rennen junge schwarzhaarige Männer an ihm vorbei. Jeden schlägt der Maskierte geübt in die Seite, auf Beine, Bauch oder Rücken. "Go to Bosnia", herrscht einer der Vermummten die Flüchtenden an und zeigt mit dem Schlagstock in Richtung Bosnien. Und schon muss der Nächste an ihm vorbei.

So ist es auf Videoaufnahmen des ARD-Studio Wien zu sehen. Das Rechercheteam hat gemeinsam mit Medienpartnern von Lighthouse Reports, dem ARD-Magazin Monitor, SRF Rundschau, dem "Spiegel", der Zeitung "Libération", dem niederländischen Sender Pointer, und Novosti und RTL aus Kroatien knapp neun Monate lang Pushbacks an der kroatisch-bosnischen Grenze untersucht.

Die Reporterinnen und Reporter legten sich auf die Lauer, verkleideten sich als Fischer, ließen Drohnen aufsteigen, werteten Satellitenaufnahmen und Hunderte Social-Media-Accounts aus und sprachen mit zahlreichen Quellen. Wie systematisch passieren die Pushbacks und wer ordnet sie an?

Ein Uniformierter an der kroatisch-bosnischen Grenze schlägt nach jemandem. | ARD-Studio Wien

Ein Uniformierter an der kroatisch-bosnischen Grenze schlägt nach jemandem. Bild: ARD-Studio Wien

Anweisung der kroatischen Regierung?

Die Befehle für die Pushbacks kommen aus Zagreb, das geben drei voneinander unabhängige Quellen aus den Reihen der kroatischen Polizei an, die anonym bleiben möchten. Einer formuliert es so: "Man weiß, dass es illegal ist, aber wer kann schon Nein zu einer Weisung von ganz oben sagen - von der Regierung und von Innenminister Davor Božinović. Sie sind also diejenigen, die am Arsch sind, denn wir arbeiten nur nach den Anweisungen der Regierung."

Die Polizisten, die illegal abschieben, ordnet das Rechercheteam der "Operation Koridor" zu: ein Begriff, unter dem Polizeieinsätze an kroatischen EU-Grenzen zusammengefasst sind. Beamte aus ganz Kroatien sind beteiligt, und im Kern geht es darum, die Arbeit von Interventions- und Spezialpolizei an der Grenze zu koordinieren.

Ein aktives "Koridor"-Mitglied beschreibt die Einsätze so: "Wenn wir Migranten im Wald oder anderswo finden, legen sie sich normalerweise aus Angst auf den Boden. Ein Polizist geht dann an ihnen entlang und schlägt sie mit einem Schlagstock auf die Beine." Die Zentrale in Zagreb entscheide, was mit ihnen zu tun sei, ob sie auf die Polizeiwache gebracht würden, ob sie zurückgedrängt würden oder ob ein Asylverfahren gestartet werde.

Das Eigentum der Menschen werde gestohlen und teilweise auf Mülldeponien verbrannt, berichtet die Quelle. Und tatsächlich: Auf der Müllhalde "Bare" in der kroatischen Kleinstadt Donji Lapac, etwa 20 Kilometer von der Grenze zu Bosnien, findet das Rechercheteam verbrannte Handys, Reste von SIM-Karten aus Griechenland, Creme aus Nepal und einen Asylantrag - ausgestellt in Bosnien und Herzegowina.

Die Müllhalde Bare nahe dem kroatischen Donji Lapac nahe der bosnischen Grenze. | ARD-Studio Wien

Die Müllhalde Bare nahe dem kroatischen Donji Lapac nahe der bosnischen Grenze: Hier finden sich verbrannte Handys und ein Asylantrag. Bild: ARD-Studio Wien

Striemen, Prellungen, blutende Wunden

Die Operation "Koridor" wird teilweise von der Europäischen Union finanziert. Insgesamt flossen zwischen 2014 und heute rund 177 Millionen Euro für "Migrationsmanagement" aus Brüssel nach Zagreb. Die EU-Kommission gibt an, keine Kenntnis von Fällen zu haben, in denen EU-finanzierte Ausrüstung für Rechtsbrüche verwendet wurde. Falls das dennoch geschehe, könne man die Zahlungen beenden und Strafen aussprechen.

Kurz nach der illegalen Abschiebung an der Korana holt das Reporterteam die Männer ein, die durch den Wald geprügelt wurden. Die Pakistaner und Afghanen sind durchnässt, einige sind barfuß, andere haben nur Socken an. Sie zeigen ihre Verletzungen: Lange dicke rote Striemen am Rücken, Prellungen und blutende Wunden an Oberarmen und Ellbogen.

Aufgewühlt berichtet einer: "Sie haben mir alles abgenommen: Schuhe, Jacke, Geld, Mobiltelefon, alles was ich hatte. Das war eine schlimme Situation, sie haben jeden sehr hart geschlagen. Sie sehen ja, unsere Rücken, unsere Arme." Sie hätten die Polizisten nach Asyl gefragt, so der Mann - ohne Erfolg: "Sie haben gesagt: 'Ihr seid Terroristen, Mudschaheddin, al-Qaida, geht in euer Land. Ihr seid hier nicht erwünscht.'" Ein weiterer der vielen Verstöße gegen geltendes Recht.

Ein mobiles Team von Ärzte ohne Grenzen behandelte insgesamt 17 Menschen, die bei dem gefilmten Pushback verletzt wurden. Darunter auch sechs Minderjährige. Die dokumentierten Verletzungen deuten auf Polizeiknüppel hin, sagt Feld-Koordinator Daniel Song: "Wir sehen an den Verletzungen, dass die Menschen zehn Mal oder öfter geschlagen wurden. Das war ein Gewaltakt."

Verletzte afghanische und pakistanische Flüchtlinge. | ARD-Studio Wien

Verletzte afghanische und pakistanische Flüchtlinge zeigen ihre Wunden. Bild: ARD-Studio Wien

Hoheitszeichen der kroatischen Polizei

Die Uniformen der vier maskierten Männer an der Korana haben keine Abzeichen. Doch ARD-Recherchen legen nahe: Hier prügelt die kroatische Polizei. Ihre Schlagstöcke, Waffen, Waffenhalter und Kleidung vergleicht das Reporterteam mit offizieller Ausrüstung der kroatischen Polizei und zeigt das Video zudem sieben aktiven und ehemaligen kroatischen und zwei bosnischen Polizisten.

Ergebnis: Die Maskierten gehören offensichtlich zur kroatischen Interventionspolizei. Einheiten mit insgesamt circa 2000 Mitgliedern, die auch an den Grenzen eingesetzt werden. Alle 20 kroatischen Polizeiverwaltungen haben solche Einheiten, das Kommando auf nationaler Ebene gibt die Polizeidirektion in Zagreb. Dass die Interventionspolizei an illegalen Abschiebungen beteiligt ist, zeigen auch Drohnen-Aufnahmen eines weiteren Pushbacks nahe Šturlić im Mai 2021. Drei der beteiligten Polizisten tragen die Uniform der Interventionspolizei, bei einem steht "Interventna Policija" auf dem Jackenrücken.

Vergleich einer offiziellen kroatischen Polizeijacke mit Bildmaterial. | ARD-Studio Wien

Vergleich einer offiziellen kroatischen Polizeijacke mit Bildmaterial. Bild: ARD-Studio Wien

Innenministerium kündigt Untersuchung an

Der selbstständige Sicherheitsberater Željko Cvrtila war 22 Jahre beim Innenministerium in Zagreb. Er leitete unter anderem die Abteilung für Interne Ermittlungen und war Vize-Polizeichef. Zeigt das Korana-Video kroatische Polizeibeamte?

Crvtila hält das für wahrscheinlich: "Ein Grund ist, dass ich kein Motiv sehe, warum jemand in dieses Gebiet vordringen würde und Migranten abschieben und sich überhaupt mit ihnen beschäftigen würde. Der zweite Grund ist, dass dort alles sehr gut überwacht wird, im technischen wie im physischen Sinn", sagt er. "Es ist schwer zu glauben, dass irgendeine andere Gruppe außer offiziellen Polizeikräften auf diesem Gebiet existieren könnte."

Ein Mann in der offiziellen Ausrüstung der kroatischen Interventionspolizei. | ARD-Studio Wien

Polizeigürtel, HS-Pistole, Jacke, Tonfa-Schlagstock. Handschellenhalter: Auch ein bosnischer Grenzpolizist erkennt daran die offizielle Ausrüstung der kroatischen Interventionspolizei. Bild: ARD-Studio Wien

Das kroatische Innenministerium kündigt an, den Vorfall zu untersuchen. Man werde rasch ein Expertenteam an den entsprechenden Ort an der Grenze entsenden. Sollte sich herausstellen, dass es sich um kroatische Beamte handelt, werde man diese zur Verantwortung ziehen, sagt eine Sprecherin.

Zurück zu den Aufnahmen aus dem dichten Wald am kroatischen Ufer der Korana: Einer der Polizisten wartet auf die nächsten Flüchtenden, die an ihm vorbeimüssen. Ungeduldig wirbelt er den schwarzen Schlagstock durch die Luft und schlägt damit auf das Gebüsch. Die Vögel zwitschern. Die Korana rauscht. Von ihm aus kann es weitergehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Oktober 2021 um 12:10 Uhr.