Sicherheitskräfte eskortieren Patriarch Portfirije und Bischof Joanikije vor dem Kloster in Cetinje, Montenegro. | REUTERS

Kirchenoberhaupt in Montenegro Weihe unter Polizeischutz

Stand: 05.09.2021 19:37 Uhr

Begleitet von Protesten und Straßenkämpfen ist der neue serbisch-orthodoxe Kirchenführer in Montenegro geweiht worden. Die Auseinandersetzungen offenbaren, wie tief die Montenegriner in Fragen ihrer Identität gespalten sind.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Südosteuropa

Mit dem Hubschrauber und unter Polizeischutz erreichten am Morgen das neue Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche in Montenegro, Metropolit Joanikije, sowie der Patriarch der serbisch-orthodoxen Kirche, Porfirije, das Kloster von Cetinje. Die Zufahrtsstraßen zur ehemaligen Hauptstadt Montenegros waren bereits am Vortag von national gesinnten Demonstranten mit provisorischen Barrieren blockiert worden.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Auch die feierliche Amtseinführung Joanikijes wurde überschattet von Protesten einiger Hundert Menschen. In den frühen Morgenstunden gab es im Zentrum Cetinjes Auseinandersetzungen zwischen Nationalisten und der Polizei.

Dabei setzten die Sicherheitskräfte Tränengas ein, nachdem Demonstranten Steine und Flaschen auf die Polizisten geworfen hatten. Nach Behördenangaben wurden bei den Krawallen rund 50 Menschen verletzt, 14 Demonstranten wurden festgenommen. Bereits am Samstag war es bereits zu ähnlichen Ausschreitungen gekommen.

Sorge um die Souveränität

Hintergrund der Proteste: Durch die Amtseinführung des neuen Metropoliten sehen national gesinnte Einwohner die staatliche Unabhängigkeit Montenegros verletzt. Von 2003 bis 2006 waren Serbien und Montenegro in einer Staatsgemeinschaft miteinander verbunden, zuvor bildeten Serbien und Montenegro nach den Kriegen der 1990er-Jahre als letzte verbliebene Ex-Teilrepubliken die Bundesrepublik Jugoslawien. Die serbisch-orthodoxe Kirche erkennt die Souveränität Montenegros nicht an.

Bei den Protesten spielt der Staatspräsident, Milo Djukanovic, eine zweifelhafte Rolle: Er hatte zu den Protesten gegen die Amtseinführung des Metropoliten aufgerufen und war am Samstag nach Cetinje gereist. Sein Berater sowie einige Parlamentsabgeordnete der Partei Djukanovics und weitere Oppositionspolitiker beteiligten sich am Morgen an den Übergriffen auf die Polizei. Djukanovics Berater, ein ehemaliger Polizeichef, wurde vorübergehend festgenommen.

Brennende Autoreifen und Steine auf einer Straße in Montenegro | AP

Brennende Autoreifen und Steine sollten die Zufahrt zur Amtseinführung unmöglich machen. Inzwischen wurden die Barrikaden geräumt. Bild: AP

Die zweifelhafte Rolle des Präsidenten

Montenegros Innenpolitik wurde drei Jahrzehnte von Djukanovic dominiert. Dessen Partei verlor jedoch bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr und ist seitdem in der Opposition. Die neue Regierungskoalition, die erkennbar gegen Korruption und die organisierte Kriminalität vorgeht, umfasst auch die Partei der serbischen Minderheit.

Nun wird dem Staatspräsidenten vorgeworfen, er unterstütze die Proteste gegen die Amtseinführung des Metropoliten, um die Regierungskoalition zu destabilisieren. Dazu sagte Djukanovic am Samstagabend dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Montenegros: "Wir sollten wieder versuchen, als reife und verantwortungsvolle Politiker und gesellschaftliche Faktoren zu einer Lösung des Status der orthodoxen Kirche in Montenegro zu kommen."

Ministerpräsident Zdravko Krivokapic hingegen bezeichnete am Vormittag die Angriffe auf die Polizei als einen "Akt des Terrorismus".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. September 2021 um 13:00 Uhr.