Weibliche Abgeordnete unterhalten sich im italienischen Parlament. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Präsidentenwahl in Italien "Sexismus als politische Waffe"

Stand: 21.01.2022 12:41 Uhr

Von Montag an wird in Italien über die Nachfolge von Präsident Mattarella abgestimmt. Zu den Anwärtern gehören der ehemalige Premier Berlusconi und Ministerpräsident Draghi. Frauen haben kaum Chancen.

Von Elisabeth Pongratz, ARD-Studio Rom

"Ich war Präsidentin der Abgeordnetenkammer und bin von führenden Politikern heftig angegriffen, sexistisch angegriffen worden. Ich wurde von Matteo Salvini mit einer Aufblaspuppe verglichen, oder es wurde in den sozialen Medien gesagt: Was würdest du mit der Boldrini im Auto machen? Das hat Beppe Grillo gemacht."

Elisabeth Pongratz ARD-Studio Rom

"Sexismus und Frauenfeindlichkeit"

Fünf Jahre lang, bis 2018, stand Laura Boldrini der Abgeordnetenkammer vor und hatte damit das dritthöchste Staatsamt in Italien inne. Vor Attacken unter der Gürtellinie schützte sie das nicht.

"Wenn politische Führer dies tun, ist das sehr ernst, weil sie Sexismus und Frauenfeindlichkeit als politische Waffe einsetzen, um ihre Gegnerin zu schwächen, sie zu untergraben und in die Enge zu treiben. Und das wird heute in Italien toleriert", sagt Boldrini.

Frau an die Spitze des Staates

La Presidente, wie sie noch immer genannt wird, sitzt in ihrem kleinen Büro im historischen Zentrum von Rom. Als Abgeordnete wird die 60-Jährige den künftigen Staatspräsidenten mitwählen - oder die Staatspräsidentin. In einem Appell hatten kürzlich mehrere bekannte Italienerinnen gefordert, nun müsse endlich eine Frau an die Spitze des Staates.

Dacia Maraini, die Grande Dame der Literatur, hat die Petition initiiert. "Wir wollten zunächst noch einmal darauf hinweisen, dass es ein Recht in der Verfassung gibt, dass auch in diesem Fall Frauen das Volk repräsentieren können. Dies ist aber noch nie geschehen. Es hat zwölf Präsidenten gegeben, aber noch nie eine Frau."

Namen von Frauen kursieren

Tatsächlich kursieren momentan die Namen einiger Frauen, wie etwa Marta Cartabia. Die Justizministerin im Kabinett Draghi war die erste Präsidentin des Verfassungsgerichtes, gerade muss die 58-Jährige die Reformen des Justizsystems voranbringen. Oder Letizia Moratti, einst Bildungsministerin und jetzt Vizepräsidentin der Regionalregierung in der Lombardei. Oder Elisabetta Casellati, sie steht dem Senat vor.

Doch eine wirklich wichtige Rolle spielen sie bei der Debatte um die Kandidatenriege nicht, so Tobias Mörschel, der Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Rom. Frauen hätten eine relativ geringe Präsenz in Spitzenpositionen der Politik.

"Wir sind hier in einem strukturell konservativen Land, wo wir nach wie vor einen starken Einfluss der katholischen Kirche haben und Denk- und Verhaltensmuster, die hierdurch geprägt sind. Und ein Land, was nach wie vor durch einen starken Machismo geprägt ist, der durchaus stärker ist als in anderen Ländern. So dass Frauen schon schneller an gewisse gläserne Decken stoßen, und es schwierig ist, wirklich durch die Decke durchzukommen."

Spitzen fast durchgängig Männer

An sich gibt es ja eine Frauenquote von 33 Prozent im Parlament, aber wichtige Posten wie etwa in den Institutionen haben meist Männer inne - wie auch in der Regierung.

Mörschel erklärt: "Die Spitzen an den entscheidenden Positionen sind fast durchgängig mit Männern besetzt. Also hier auf der Ebene, wenn man sich nur das Tableau ansieht, ist leider nicht viel passiert in der Regierung Draghi."

Gleichzeitig hat die Regierung Gesetze verabschiedet, mit denen Frauen vor allem in der Wirtschaft gefördert werden sollen. Nicht einmal die Hälfte aller Italienerinnen ist erwerbstätig. Dabei, so rechnet die italienische Zentralbank vor, werden sie gebraucht, sie könnten die wirtschaftliche Leistung des ganzen Landes nach oben bringen.

Gesetze ja - aber kulturelles Problem

Doch die wirkliche Gleichstellung von Mann und Frau sieht Politikerin Boldrini in weiter Ferne: "In Italien haben wir gute Gesetze, aber das Problem ist ein kulturelles. Wir erlassen ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung, gegen sexuelle Gewalt. Aber wenn sich das Bewusstsein der Menschen nicht ändert, reichen Gesetze und Strafrecht nicht aus."

Von den mehr als 1000 Wahlberechtigten, die den Staatspräsidenten bestimmen, sind 34 Prozent Frauen. In der Gruppe der Vertreter aus den Regionen sind es gerade einmal 10 Prozent.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Januar 2022 um 05:55 Uhr und 09:10 Uhr.