Menschen mit Gesichtsmasken auf einer Straße in Warschau | AP

Volkszählung in Polen "Nicht automatisch antworten"

Stand: 01.04.2021 13:59 Uhr

Seit heute findet in Polen wieder eine Volkszählung statt. Die Teilnahme ist Pflicht, nicht aber die Beantwortung aller Fragen. Der Abschnitt Religionszugehörigkeit ist schon jetzt umkämpft.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

"Es ist für uns alle von Bedeutung", heißt es im Aufruf des polnischen Statistikamts, an der nationalen Volkszählung teilzunehmen. "Zählen wir uns für Polen", lautet das Motto der Werbeaktion. Heute startete der Zensus, die Teilnahme ist obligatorisch. Vier bis fünf Minuten soll die Befragung im Internet dauern, für Menschen ohne Online-Zugang sind aber auch Telefoninterviews vorgesehen.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Theoretisch müssen diejenigen, die nicht mitmachen, mit Geldstrafen rechnen, aber praktisch "möchten wir uns dazu nicht äußern. Denn wir zählen darauf, dass es uns gelingt, die Volkszählung als etwas zu kommunizieren, das uns allen dient", betont Dominik Rozkrut, Chef der polnischen Statistikamts, im ARD-Interview. "Die Volkszählung kann nicht nur Staat und Verwaltung, sondern auch Nichtregierungsorganisationen und Bürgern nützlich sein", wirbt auch Lukasz Rogowski, Soziologe an der Universität Poznan. "Durch die Ergebnisse werden wir auf bestimmte gesellschaftliche Probleme aufmerksam gemacht und können verschiedene Lebensbereiche verbessern."

Blick von einem Hochhaus auf Warschau | picture alliance / dpa

Wie viele Menschen leben in Polen und wie verteilt sich das auf Stadt und Land? Informationen, die für staatliches Planen wichtig sind. Bild: picture alliance / dpa

Trends mit Zahlen unterfüttern

Im Zensus geht es um Basisdaten wie Nationalität und Religionszugehörigkeit, aber auch um Wohnbedingungen, Mobilität, Beruf sowie um allerlei Details wie die zu Hause vorrangig gesprochene Sprache, etwaige körperliche Einschränkungen, Arbeitszeiten, Anzahl mitwohnender Familienmitglieder. Grundlegende Trends, etwa der Zuzug in Städte und Ballungsräume und die Alterung der Bevölkerung sind bekannt, dürften aber durch die Daten noch genauer in den Blick geraten.

Wegen der hohen Übersterblichkeit infolge der Corona-Pandemie ist die polnische Bevölkerung im letzten Jahr laut Statistikamt um gut 100.000 Menschen geschrumpft; demnach lebten zuletzt 38,27 Millionen Menschen in Polen. Keineswegs nur ethnische Polen, denn das Land erfuhr zuletzt eine Massenzuwanderung aus der Ukraine. An der Zählung müssen alle in Polen lebenden Menschen teilnehmen, also etwa auch Deutsche, die im Land dauerhaft leben.

Datenschutz, in Polen generell kein so eifrig diskutiertes Thema wie in Deutschland, ist formal durch das sogenannte "Volkszählungs-Geheimnis" gewährleistet. Per Gesetz ist es verboten, die gewonnen Daten anders als für statistische Zwecke zu nutzen.

Demonstration in Warschau aus Solidarität mit der Opposition in Belarus | AFP

Polen hat viele Flüchtlinge auch aus Belarus aufgenommen - hier zeigen Bewohner Warschaus ihre Solidarität mit der belarusischen Opposition. Bild: AFP

Wirbel um Frage nach Religionszugehörigkeit

Wirbel gab es im Vorfeld um ein besonders sensibles Feld, nämlich die Frage nach der Religionszugehörigkeit, die nicht beantwortet werden muss. "Wir fragen nicht nach dem Taufschein, sondern ob sich jemand als Angehöriger einer Religionsgemeinschaft sieht", erläutert Chef-Statistiker Rozkrut.

Hier liegt die Tücke im Detail: Denn in Polen ist der Weg zum Kirchenaustritt mühsam; er verlangt etwa ein bisweilen peinliches Gespräch mit dem zuständigen Priester. Größer als die Zahl der Kirchenaustritte dürfte die der Menschen sein, die sich der katholischen Kirche entfremdet haben, die wegen Missbrauchsskandalen, aber auch der empfundenen Nähe zur rechtskonservativen PiS-Regierung bei vielen liberalen Polen in Misskredit geraten ist. 46 Prozent sagten in einer jüngsten Umfrage, sie bewerteten das Wirken der Kirche negativ.

Eine Zahl auf dem Prüfstand

Der Soziologe Oskar Zyndul etwa ruft dazu auf, gerade in dieser Frage Flagge zu zeigen: Denn es sei schwer zu glauben, dass 96 Prozent der Polen tatsächlich im engeren Sinne katholisch sind, wie die letzte Zählung von 2011 zeigte - aber nur 27 Prozent regelmäßig zur Messe gehen.

Zyndul hat einen Online-Führer erstellt, um die "richtigen" Antworten in den Zensus einzuspeisen, denn viele antworteten qua Taufschein - und den hat fast jeder Pole. "Wir wollen die Menschen ermuntern, auf die Frage nach dem Glauben nicht automatisch zu antworten", sagt er. "Gefragt wird nach der Zugehörigkeit, also wie wir uns fühlen."

Das Klischee Pole=Katholik sei überholt; die "Wahrheit" gehöre ans Licht. Aber auch bei Fragen nach der Gesundheit oder "nicht-ehelichen" Beziehungen existiert die Option, die Frage nicht zu beantworten.

Auf drei Monate ist die Zählung ausgelegt; eine Verlängerung auf sechs Monate ist bereits vorbereitet. Ergebnisse dürften dann in ein bis zwei Jahren vorliegen, sagen die Experten.