Mateusz Morawiecki und Wolodymyr Sezenskyj | via REUTERS
Hintergrund

Polen und die Ukraine Beste Freunde trotz blutiger Geschichte

Stand: 13.06.2022 05:00 Uhr

Der Nachbarstaat Polen gilt als engster Verbündeter der Ukraine. Dabei ist die Geschichte zwischen beiden Ländern blutig und schmerzhaft. Wirklich aufgearbeitet wurde sie bisher nicht.

Von David Zajonz, ARD-Studio Warschau

Der polnische Film "Wołyń" ist äußerst brutal. Zu sehen ist unter anderem, wie Menschen auf grausame Weise massakriert werden. In Polen war er vor sechs Jahren ein Kinohit, in der Ukraine wurde er verboten. Denn der Film zeigt, wie ukrainische Nationalisten während des Zweiten Weltkrieges zehntausende polnische Zivilisten ermordet haben.

David Zajonz

Dieses Massaker sei das schlimmste Trauma zwischen Polen und der Ukraine, sagt die Historikerin Franziska Davies: Auf Polnisch werde es "Massaker von Wolhynien", auf ukrainisch "Tragödie" genannt - aber "eine Tragödie passiert ja irgendwie, ohne dass irgendjemand etwas tun kann", sagt die Historikerin Franziska Davies. "Aber tatsächlich waren diese Massaker 1943 und 1944 die gezielte ethnische Säuberung Wolhyniens und Ostgaliziens von der polnischen Bevölkerung."

Bis heute unverarbeitetes Trauma

Es handelt sich um Gebiete, die damals polnisch waren und heute zur Ukraine gehören. Während der polnischen Herrschaft seien die Ukrainer dort von den Polen diskriminiert worden, sagt die Historikerin. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die blutige Geschichte zwischen den beiden Ländern nicht aufgearbeitet: "Dieses Trauma, diese Verbrechen wurden auch tabuisiert unter den Bedingungen der kommunistischen Herrschaft, weil sie der Erzählung widersprachen, dass alle gemeinsam gegen die deutschen Faschisten gekämpft hätten", sagt Davies.

Auch nach Ende des Kommunismus blieb das Massaker eine offene Wunde. Aus polnischer Sicht ist es schmerzhaft, dass die Nationalisten von damals in der Ukraine teils als Helden verehrt werden.

Jetzt aber, nach dem russischen Angriffskrieg, steht Polen voll an der Seite seines Nachbarlandes - nimmt Flüchtlinge auf, liefert Waffen. Die polnische Staats- und Regierungsführung reist regelmäßig in die Ukraine. Eine historische Gelegenheit für eine bessere Verständigung, findet der polnische Publizist Piotr Kościński. Nicht nur deshalb, weil es mit Russland einen gemeinsamen Feind gibt:

Im Verhältnis zwischen Ländern ist in Wahrheit nicht das Verhältnis zwischen Politikern am wichtigsten. Politiker wechseln. Entscheidend ist, was die Bevölkerung jeweils übereinander denkt.

Gemeinsames Geschichts-Abkommen

Kościński beschreibt, wie ukrainische Kriegsflüchtlinge in polnischen Familien untergekommen sind. Und wie sich Ukrainer und Polen dadurch besser kennenlernen: "Ich glaube, dass das für die kommenden Jahre eine gigantische Bedeutung haben wird, unabhängig davon, wer in dem einen oder anderen Land regieren wird."

Vergangene Woche haben die Regierungen Polens und der Ukraine ein Abkommen unterzeichnet - über eine Zusammenarbeit in Fragen des Nationalen Gedenkens. Ein längerfristiges Ziel könne ein gemeinsames Geschichtslehrbuch über die Historie beider Länder sein, findet Publizist Kościński. Damit sich Ukrainer und Polen noch besser verstehen.