Arbeiter reißen ein Denkmal, das einem Soldaten der Roten Armee gewidmet ist, ab. Glubczyce, Polen (27.10.2022)  | EPA

Polen reißt Sowjetdenkmäler ab "Die Demontage ist wichtig für unsere Zukunft"

Stand: 24.11.2022 08:09 Uhr

Polens Regierungspartei PiS hat schon früh versprochen, mit den Überbleibseln der kommunistischen Geschichte abzurechnen. Vermehrt rücken nun auch Bagger an: Viele Denkmäler aus der Sowjetära werden abgerissen.

Von Martin Adam, ARD-Studio Warschau

Der Soldat der Roten Armee ist bewaffnet mit einem Maschinengewehr - der Mann auf der Hebebühne neben ihm mit einem Presslufthammer. Langsam löst er den steinernen Rotarmisten von dem Obelisken, von dem aus er seit Jahrzehnten auf das polnische Städtchen Głubczyce blickt. Die Statue stürzt nach vorne, nur das linke Bein bleibt noch stehen.

Martin Adam ARD-Studio Warschau

In sicherem Abstand steht Karol Nawrocki, Leiter des polnischen Instituts für nationales Gedenken, IPN. Es sei richtig, solche Statuen abzureißen, sagt er. "Für solche Denkmäler, für solche Symbole mit dem roten Stern ist kein Platz im öffentlichen Raum des freien, unabhängigen und demokratischen Polens und des freien Europas. Dieses Symbol steht für die Verbrechen des kommunistischen Systems noch in der Zwischenkriegszeit, die Opfer des methodischen Völkermordes durch die Sowjets, die Opfer der russischen Nation, die von den Kommunisten ermordet wurden."

Polen rechnet ab mit seiner Geschichte - zumindest dem sowjetischen Teil. Mit der Nachkriegserzählung von der heldenhaften Befreiung durch die Rote Armee können viele Polinnen und Polen nichts mehr anfangen. Wenn sie es überhaupt je konnten, angesichts der Aufteilung Polens zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, des Massakers an mehr als 22.000 polnischen Militärs, Polizisten und Zivilisten durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD bei Katyn und der Zeit bis 1989, die von vielen Menschen in Polen als Besatzung interpretiert wird.

Allein 25 Denkmäler dieses Jahr gestürzt

2016 verbietet die polnische Regierung unter der PiS-Partei deshalb Denkmäler, die öffentlich Kommunismus propagieren - es sei denn, sie sind Teil privater Sammlungen, dienen wissenschaftlichen oder Bildungszwecken oder stehen auf einem Friedhof.

2022 bekommt das Vorhaben durch den russischen Angriff auf die Ukraine neuen Schwung, erklärt Nawrocki. 25 Denkmäler wurden allein seit März dieses Jahres gestürzt. 35 weitere stehen noch auf der Liste des IPN. "Leider dominieren bis heute sowohl das Symbol des roten Sterns als auch Marx, Engels, Lenin und Stalin in den Köpfen der Herrscher der russischen Föderation, die auf barbarische Weise versuchen, die unabhängige Ukraine zu zerstören", sagt er. "Wir sind nicht nur hier wegen der Vergangenheit, sondern auch um zu sagen, dass die Demontage dieses Denkmals wichtig ist für unsere Zukunft."

Streit: Abriss oder Gedenkstätte?

Dass es so klar und eindeutig nicht ist, zeigt allerdings der Streit um ein Denkmal in Olsztyn in Masuren: zwei Stelen, ein offener Triumphbogen also, mit Rotarmist und Sowjetpanzer mitten im Stadtzentrum - geschaffen vom bis heute angesehenen Bildhauer und Auschwitzüberlebenden Xawery Dunikowski. IPN-Chef Nawrocki will abreißen, der Bürgermeister, Piotr Grzymowicz, lieber die Bevölkerung fragen. "Die Mehrheit ist dafür, dass das Denkmal bleibt und man daraus eine Gedenkstätte und einen Bildungsort für Kinder macht", erklärt Grzymowicz.

Er habe auch mit Veteranen und Senioren gesprochen. "Die Mehrheit war dafür, nicht vor der Geschichte zu fliehen und sie nicht zu vergessen." Gerade weil das Denkmal für eine Zeit steht, unter der viele Polinnen und Polen gelitten haben, dürfe es nicht verschwinden, argumentiert der Bürgermeister.

Das Recht steht jedoch auf Seiten der Aufräumer. Der vorläufige Kompromiss: Noch sind die Stelen da, nur Hammer und Sichel wurden schon mal weggemeißelt.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Beitrags hieß es, im Wald von Katyn seien 4000 polnische Militärs ermordet worden. Tatsächlich kam es zwischen dem 3. April und dem 11. Mai 1940 in der gesamten Region zu zahlreichen Massakern an Militärs, Polizisten und Intellektuellen, bei denen mindestens 22.000 Menschen ermordet wurden. Wir haben den Beitrag entsprechend angepasst.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. November 2022 um 05:45 Uhr.