Polen Skiort Zakopane | dpa

Nach Party in polnischem Skiort Sorge vor der dritten Welle

Stand: 15.02.2021 17:38 Uhr

Die Bilder aus dem polnischen Skiort Zakopane machten sprachlos: Dicht gedrängt zogen Feiernde durch die Einkaufsstraße Krupowki - viele ohne Maske. Die testweise Lockerung im Land könnte nun zurückgenommen werden.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Es sind Aufnahmen wie aus einem Lehrfilm, wie man es nicht macht. Im gerade erst wiedereröffneten Skiort Zakopane drängt sich eine wachsende Besuchergruppe vor einem Einkaufszentrum um einen Gitarristen und schunkelt im Takt, viele haben noch Pistenschnee auf der Mütze. Die Menschen stehen dicht an dicht, oft ohne Schutzmaske, und singen den Text eines bekannten polnischen Schlagers mit.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Gesundheitsminister fehlen die Worte

Die Aufnahmen sendeten Schockwellen durch Polen, alle Nachrichtensendungen brachten sie. Gesundheitsminister Adam Niedzielski, der die jüngsten vorsichtigen Lockerungen auch damit begründet hatte, dass die Polen umsichtig seien und gelernt hätten, mit der Pandemie umzugehen, fehlten die Worte.

"Was wir am Wochenende beobachtet haben, vor allem die Bilder aus Zakopane, ist schwer zu kommentieren." Dann fügte der Minister doch hinzu: "Vor einem Jahr war eines der Schlüsselereignisse für die Ausbreitung der Pandemie ein Spiel im Mailänder San Siro Stadion. Viele Fans, viele Gesänge, und Nähe verbreiteten das Virus. Ich möchte nicht, dass Zakopane unser San Siro wird, und die Krupowki-Straße den Anfang der dritten Welle in Polen bedeutet."

Im Sommer Sorglosigkeit

Schon im Sommer, als Politiker der regierenden PiS-Partei verfrüht behaupteten, Corona sei besiegt, fielen die Menschen in den Urlaubsorten an der Ostsee durch Sorglosigkeit auf. Dies bereitete womöglich den Boden für die zweite, auch in Polen viel heftigere Corona-Welle mit so vielen Toten, dass gegen Jahresende doppelt so viele Menschen ins Sterberegister Eingang fanden wie im Durchschnitt der letzten Jahre.

Nach Schließung von Restaurants, Hotels oder Fitnesszentren im Herbst fielen die Zahlen wieder - auf eine Sieben-Tage-Inzidenz von aktuell gut 100. Erst in den vergangenen Tagen stieg die Zahl der gemeldeten Fälle wieder leicht, aber doch erkennbar an.

Massenhafte Nicht-Einhaltung

Zuvor hatte die Regierung vorsichtige Öffnungsschritte gewagt: Einkaufsparadiese und Museen etwa sind seit Anfang des Monats wieder auf und nun eben auch Kinos, Theater oder Skilifte - unter Auflagen, für deren massenhafte Nicht-Einhaltung nun aber das Geschehen rund um die Zakopaner Ausgehmeile Krupowki zum Symbol wurde. Die Polizei schritt ein, es gab mehrere Festnahmen und Dutzende Bußgeldbescheide.

Michal Sutkowski, Vorsitzender der Warschauer Hausärztekammer, sagte, er sei "angewidert und traurig. Der Karneval von Rio wurde abgesagt, also sollte es auch keinen Karneval von Krupowki geben. Das zeugt von äußerst unverantwortlichem Verhalten. Vielleicht werden die Menschen nicht selbst krank, aber sie schleppen das Virus nach Hause und stecken ihre Eltern und Großeltern an".

Kontakthunger und weißer Winter

Im Sender TOK FM wandte die Sozialpsychologin Krystyna Skarzynska ein, dass man es hätte kommen sehen können. "Ich habe mich nicht besonders gewundert", sagte sie. "Man muss erst die Situation und dann die Menschen beurteilen. Und die war so: Etwas hat sich plötzlich geändert, man konnte auf einmal wieder legal reisen, Skifahren und übernachten. Die Menschen sind hungrig nach Kontakten. Hinzu kam: Die Studenten haben Semesterpause, der Winter ist schön weiß, die Finanzlage ist nicht tragisch, und es war Valentinstag."

Michal Dworczyk, Kanzleichef beim Ministerpräsidenten und eine Art Sonderbeauftragter für den Anti-Corona-Kampf in Polen, erinnerte daran, dass die Lockerungen nur testweise probiert worden seien und bei erneuter Verschärfung der Lage sofort wieder zurückgenommen werden könnten. So wie er klang, ist das nur eine Frage der Zeit.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. Februar 2021 um 16:29 Uhr.