Eine Rauchwolke steigt nach einer Explosion in Polen nahe der ukrainischen Grenze auf. | VIA REUTERS

Einschlag in Polen USA gehen wohl von ukrainischer Rakete aus

Stand: 16.11.2022 06:51 Uhr

Die in Polen eingeschlagene Rakete kam nach vorläufigen US-Erkenntnissen aus der Ukraine. Das berichten mehrere Medien. US-Präsident Biden soll dies bei einem Treffen mit anderen Staats- und Regierungschefs von NATO- und G7-Staaten mitgeteilt haben.

Laut Medienberichten verdichten sich die Hinweise, dass die in Polen eingeschlagene Rakete womöglich nicht von Russland abgefeuert wurde. Verschiedene Nachrichtenagenturen melden unter Berufung auf US-Vertreter, dass es sich nach ersten Erkenntnissen um eine Flugabwehrrakete handle, die ukrainische Soldaten offenbar abgefeuert hätten, um eine russische Rakete inmitten massiver russischer Angriffe auf die Energieinfrastruktur abzuwehren.

US-Präsident Joe Biden teilte nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa bei einem Treffen mit anderen Staats- und Regierungschefs von NATO- und G7-Staaten auf Bali mit, dass es sich bei dem Geschoss um eine Flugabwehrrakete aus der Ukraine handele. Er soll demnach von einer Rakete des Systems S-300 gesprochen haben.

Bereits kurz zuvor hatte Biden es als "unwahrscheinlich" bezeichnet, dass die in Polen eingeschlagene Rakete von Russland aus abgefeuert wurde. Er verwies dabei auf deren Flugbahn.

Notfalltreffen am Rande des G20-Gipfels

Bei dem Einschlag in Polen waren nahe der ukrainischen Grenze im Osten des Landes am Dienstag zwei Menschen getötet worden. Biden berief daraufhin ein Notfalltreffen von Staats- und Regierungschefs der G7 und der NATO am Rande des G20-Gipfels auf der indonesischen Insel Bali ein.

Biden sagte, er habe die Verbündeten über seine Gespräche mit dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg im Nachgang des Raketeneinschlags informiert. Es habe "völlige Einigkeit" am Tisch geherrscht, die polnischen Ermittlungen zur Attacke zu unterstützen. "Ich werde sicherstellen, dass wir genau herausfinden, was passiert ist", sagte Biden.

Scholz: Einschlag muss sorgfältig aufgeklärt werden

Bundeskanzler Olaf Scholz mahnte nach dem Raketeneinschlag in Polen eine sorgfältige Aufklärung an. "Das ist ein schrecklicher Vorfall, und es ist jetzt notwendig, dass sorgfältig aufgeklärt wird, wie es dazu gekommen ist, dass diese Zerstörungen dort angerichtet werden konnten", sagte Scholz nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Rande des G20-Gipfels auf Bali. Im Interview mit der ARD sagte Scholz, "da sollen keine Gerüchte in die Welt gesetzt werden, sondern klare Fakten das Ergebnis dieser Untersuchung sichtbar werden lassen".

Erdogan: Russland hat mit Explosion nichts zu tun

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zeigte sich überzeugt, dass keine von Russland abgefeuerte Rakete auf polnischem Territorium eingeschlagen ist. Er glaube einer entsprechenden Stellungnahme Russlands und dass die Regierung in Moskau nicht involviert sei.

Die Äußerung Russlands, dies habe nichts mit ihnen zu tun, und die des US-Präsidenten Biden, dass diese Rakete nicht aus Russland stamme, zeige, dass dies nichts mit Russland zu tun habe, sagt Erdogan auf einer Pressekonferenz beim G20-Gipfel. Der Vorfall müsse untersucht werden, fügt Erdogan hinzu. Er werde mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefonieren, sobald er in die Türkei zurückgekehrt sei.

Moskau spricht von "Provokation"

Zuvor hatte Russland bereits auf die Berichte von Explosionen reagiert. Das Verteidigungsministerium in Moskau bezeichnete die Angaben polnischer Medien über Raketeneinschläge als bewusste Provokationen. Die Berichte hätten das Ziel, die Situation zu eskalieren, zitiert die Nachrichtenagentur Interfax das Ministerium.

Es seien keine Ziele im ukrainisch-polnischen Grenzgebiet beschossen worden. Auch die in polnischen Medien verbreiteten Fotos angeblicher Trümmerteile hätten nichts mit russischen Waffensystemen zu tun, hieß es.

Selenskyj macht Russland erneut verantwortlich

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj machte Russland dagegen erneut für den Raketeneinschlag in Polen verantwortlich. Er sei eine "Botschaft Russlands an den G20-Gipfel" gewesen, sagte Selenskyj in einer Videoansprache kurz vor Ende des Gipfeltreffens. Der ukrainische Staatschef sagte, mit Russland gehöre den G20-Ländern auch ein "terroristischer Staat" an, gegen den sich die Ukraine verteidigen müsse. Das sei die "Realität".

Auch der ukrainische Außenminister Kuleba dementierte, dass die Rakete von der Ukraine abgefeuert worden sei. "Russland verbreitet nun eine Verschwörungstheorie, dass es angeblich eine Rakete der ukrainischen Luftabwehr war, die auf Polen niederging", schrieb Kuleba am Abend auf Twitter. "Das ist nicht wahr."

Polen verstärkt die Überwachung seines Luftraums

Das polnische Außenministerium hatte zuvor den Einschlag einer Rakete aus russischer Fertigung bestätigt. Sowohl die Ukraine als auch Russland verwenden Raketen sowjetischer Konstruktion.

Nach Angaben von Ministerpräsident Mateusz Morawiecki vom Abend verstärkt Polen derweil die Überwachung seines Luftraums. Außerdem teilte Warschau mit, Außenminister Zbigniew Rau habe den russischen Botschafter einbestellt und "unverzügliche, umfassende Erklärungen" eingefordert.

Morawiecki rief seine Landsleute gleichzeitig zur Ruhe auf: "Wir müssen Zurückhaltung und Umsicht walten lassen."

Polens Streitkräfte in erhöhter Bereitschaft

Ein Sprecher des polnischen Außenministeriums betonte, dass am Dienstag ein massiver Beschuss des gesamten ukrainischen Territoriums und seiner kritischen Infrastruktur durch die russische Armee zu beobachten gewesen sei. Das Dorf Przewodow liegt etwa 60 Kilometer Luftlinie entfernt von der westukrainischen Stadt Lwiw, die auch Ziel russischer Angriffe war.

Polen mit Przewodow und Ukraine

Nach dem Vorfall versetzte Polen einen Teil seiner Streitkräfte in erhöhte Bereitschaft. Dies gelte auch für andere uniformierte Dienste, sagte ein Regierungssprecher am Dienstagabend in Warschau. Es gehe dabei um bestimmte militärische Kampfeinheiten sowie die Kampfbereitschaft von Einheiten der uniformierten Dienste, sagte er, ohne weitere Einzelheiten zu nennen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. November 2022 um 09:00 Uhr.