Demonstranten nehmen in Lodz (Polen) am Marsch der Gleichberechtigung zur Unterstützung der LGBT-Gemeinschaft teil.  | Agencja Gazeta via REUTERS

LGBT in Polen Die Ausreise als letzter Ausweg

Stand: 18.08.2021 14:18 Uhr

Immer schärfer wird die Rhetorik der polnischen Regierung gegen sexuelle Minderheiten, vor allem im konservativen Süden und Osten hat das Konsequenzen. Die Lage ist so repressiv, dass Betroffene Polen verlassen.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Der 37-jährige Marcin Mernek hat sein ganzes bisherigen Leben in Warschau verbracht, dieser Tage zog er mit seinem Partner nach Leipzig. Eine Entscheidung, die lange reifte und gut vorbereitet war, wie er erzählt. "Anfangs dachten wir an Berlin. Das war die erste Stadt, die wir besucht haben. Wir haben seither wohl 14 Bundesländer besucht, waren mehrmals in Deutschland, denn die Menschen wurden uns lieb."

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Aber ihnen sei auch klar geworden, wie schwer es ist, in Berlin eine Wohnung zu finden. "Und so haben wir Leipzig für uns entdeckt, eine der wenigen Städte im früheren Osten Deutschlands, die noch wächst." Jetzt ist der IT-Spezialisten mit seinem Partner angekommen.

"Sie verstoßen gegen Menschenrechte"

Im polnischsprachigen Blog "Das neue Leben" schreibt Mernek gemeinsam mit einem weiteren Auswanderer über die Erfahrungen beim Emigrieren. Er habe sich immer in Warschau gut gefühlt und nie an Ausreise gedacht. Seit sechs Jahren habe er mit Mariusz zusammen im Stadtteil Zoliborz gelebt. "Wir haben gute Beziehungen zur Vermieterin, und es hätte lange so weiter gehen können." Doch der Moment sei gekommen, als die PiS-Partei an die Macht kam.

Parteichef Jaroslaw Kaczynski und die ganze Partei verkündeten Ansichten, die als homophob zu bezeichnen zu wenig wäre. Sie verstießen gegen Menschenrechte. "Der Präsident des Landes fand, es lohne sich, öffentlich zu sagen, wir seien keine Menschen, sondern eine Ideologie. Er überschaut nicht, wie vielen Menschen er damit Leid antut", schreibt Mernek.

"Gefährliches Gedankengut"

Tatsächlich hatte Andrzej Duda im Kampf um seine letztlich erfolgreiche Wiederwahl 2020 auf einem Marktplatz eine aus früheren Wahlkämpfen bekannte Rhetorik der PiS-Partei aufgegriffen. Demnach handele es sich bei den Ideen der LGBT-Bewegung um gefährliches Gedankengut. Es sei geeignet, den Bestand von Familien und das Kindeswohl in Polen zu zersetzen.

LGBT sei sogar noch destruktiver als seinerzeit der Bolschewismus, behauptete Duda. "Sie versuchen uns einzureden, es handele sich um Menschen, doch es geht um Ideologie."

EU sperrt Fördermittel

Inzwischen kommt die polnische LGBT-Politik dem Land teuer zu stehen. Weil Dutzende Gemeinden und Kreise vor allem im konservativen Süden und Osten des Landes LGBT-feindliche Resolutionen verabschiedet haben, hat die Brüsseler EU-Kommission bestimmte Fördermittel für solche Gemeinden gesperrt und nun auch ein allgemeines Vertragsverletzungsverfahren gegen das Land eingeleitet.

Vor allem die Außenwirkung der nicht enden wollenden Kampagne gegen LGBT ist spürbar: Denn Polen, an sich in der Breite ein relativ tolerantes Land, erscheint in aller Welt als eines, dass sexuelle Minderheiten aussperren will. Vertreter der PiS-Partei klagen denn auch immer wieder, Desinformationen machten die Runde. Niemand habe etwas gegen Schwule oder Lesben, nur gegen "LGBT-Ideologie".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. August 2021 um 09:25 Uhr.

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KOMMENTARE

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teachers voice 18.08.2021 • 20:08 Uhr

re 19:23 yolo: Überstülpung

>>Doch, die brauchen sehr wohl Schutz, weil Ideologien übergestülpt werden, ohne dass die Mehrheiten das wollen. Was ist mit der frühkindl. Sexualisierung? Da muss man Kinder schützen ...<< Zur Sexualität kann man nicht erziehen - man kann sie nur begleiten! Das gilt für kleine Kinder wie für Erwachsene. Ich finde es wirklich bitter, dass Sie das Bemühen um eine annehmende und begleitende Pädagogik und auch Gesellschaftspolitik als einen „Kampfmodus“ gegen Ihren eigenen „gesunden Menschenverstand“ empfinden. Dem ist nämlich nicht so. Wenn Sie sich dagegen gegen wirkliche „Kampfbegriffe“ und eigene empfunden Ausgrenzungen wehren, so haben Sie alles Recht dazu und sollten dies auch tun. Nur widerstejhen Sie dann dem „stockkatholischen“ Narrativ, frühkindlichliche Sexualerziehung hätte etwas mit „Sexualisierung“ zu tun. Das Gegenteil ist nämlich der Fall: Es geht genau darum, Kinder vor ihrer „Sexualierung“ zu schützen. Und dies geht nicht mit Tabus, sondern nur mit Aufklärung!