Gläubige am Palmsonntag vor einer Kirche in Warschau | REUTERS

Kirche in Polen Das Ende des Niederkniens

Stand: 04.04.2021 15:28 Uhr

Auch wenn Polens Kirchen immer noch verhältnismäßig voll sind: Die Zahl der Gottesdienstbesucher nimmt ab. Theologen machen eine tiefe Krise des Katholizismus im Land aus. Dazu trägt auch die Politik bei.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Bilder aus diesen Tagen, ausgestrahlt vom Sender Radio Poznan: Die Polizei interveniert in der Privatkapelle eines früheren Ordensmannes, der ohne Masken und andere Vorkehrungen eine Messe abhielt. Polens Kirchen sind nach wie vor relativ voll, manchmal voller als unter Corona-Bedingungen erlaubt, und ab und an schreitet die polnische Polizei auch ein.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Der reine Augenschein aber trügt, denn eigentlich könnten polnische Kirchen noch voller sein. Seit Jahren vollzieht sich ein Prozess, der nicht so schnell ist, dass er sofort auffallen würde, aber doch zu stark und zu kontinuierlich, um ihn abzutun: Jahr für Jahr sinkt die Zahl der aktiven Gläubigen.

"Wir beobachten, dass die Zahl der Priester seit zwei, drei Jahren ständig sinkt, und seit längerer Zeit sinkt auch die Zahl der Nonnen und Ordensbrüder. Seit 2006 sinkt auch stetig die Zahl derer, die regelmäßig an den Gottesdiensten teilnehmen", sagt Wojciech Sadlon, Leiter des innerkirlichen Statistikamts.

Eine Krise, die tief greift

Wer sich näher mit den zugrundliegenden Strömungen beschäftigt und auf Phänomene stößt wie die Entfremdung der Jugend, den Eindruck fehlender Authentizität der Kirche für viele oder den dramatischen Einbruch der Vertrauens in die Institution, der kommt kaum umhin, von einer Krise zu sprechen, die tiefer ist, als die zunehmende Zahl derer es erscheinen lässt, für die der sonntägliche Kirchgang nicht mehr selbstverständlich ist.

Der Theologe Andrzej Kobylinski ist "fest davon überzeugt, dass wir es mit der größten Krise des polnischen Katholizismus wahrscheinlich in seiner ganzen Geschichte zu tun haben. Diese Krise spüren immer mehr Menschen. Es reicht zu schauen, wie sie im Internet über Religion sprechen und schreiben. Aber wir haben auch wissenchaftliche Studien dazu, und besonders dramatisch ist eine weltweite Vergleichsstudie von 2018, die deutlich zeigt, dass Polen den weltweit ersten Platz einnimmt, was die Säkularisierung der Jugend angeht."

Was liberale Polen erzürnt

Das mag neben den Misbrauchsskandalen auch vom Zorn vieler liberal eingestellter junger Menschen getrieben sein über die jünste Verschärfung des Abtreibungsrechts und die Rolle der Kirche dabei. Im Fahrwasser dieser Auseinandersetzung starteten linke Gruppen einen öffentlichen Kirchenaustrittszähler, der bislang freilich nur rund zweieinhalbtausend ausgerissene Schäfchen auflistet.

Von der inneren Abwendung bis zum formalen Austritt ist es ein weiter Weg, zumal es in Polen keine Kirchensteuer gibt und der Weg raus erstmal über die Kirche selbst führt. Wer ihr den Rücken kehren will, muss in der Kirchengemeinde selbst ein bisweilen peinliches Gespräch führen. Berichte machen die Runde, wie Priester hier unangenehm reagieren oder den Austritt behindern.

Das mögen Einzelfälle sein, aber sie fügen sich in ein Bild, das eine Kirche zeigt, die von vielen guten Geister verlassen scheint: In einer Umfrage des regierungsnahen Instituts CBOS äußerten sich zuletzt 46 Prozent der Befragten negativ über die Rolle der Kirche in Polen - und nur 43 Prozent positiv.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSENSPIEGEL am 21. März 2021 um 19:00 Uhr.