Eine Corona-Impfung in einer Klinik im polnischen Bialystok. | via REUTERS

Corona-Impfung Polens kleine Städte impfen Warschauer

Stand: 27.04.2021 11:01 Uhr

In Warschau sind Impfstoffe knapp, in kleineren Städten wie Bialystok nicht. So hat in Polen ein regelrechter Impftourismus eingesetzt. Kaum jemand will auf seinen Impftermin am Wohnort warten.

Von Martin Adam, ARD-Studio Warschau

In einem privaten Post an seine Freunde bei Facebook fragt Wojciech: "Hey, bei welcher Impfstelle in Bialystok gibt's noch Termine?" Kurz darauf antwortet Julia - mit Mail-Adresse und Telefonnummer einer Klinik im ostpolnischen Bialystok. Weder Wojciech noch Julia leben in der Stadt. Sie kommen aus Warschau. Von dort braucht man mit dem Auto nur gut zwei Stunden nach Bialystok - überschaubar, wenn es dort die begehrte Impfung gibt. In Warschau sind Impfstoffe- und termine knapp, in kleineren Städten, wie eben Bialystok, nicht. Also hat in den letzten Wochen in Polen ein regelrechter Impftourismus eingesetzt.

Martin Adam ARD-Studio Warschau

Auch Agnieszka hat sich so eine Impfung organisiert, auf die sie sonst als 43-Jährige noch eine Weile hätte warten müssen: "Das ging ganz schnell. Ich habe per Mail geschrieben, dass ich gern eine Impfung von Moderna oder BioNTech/Pfizer hätte - und habe letztere auch bekommen. Danach waren wir noch in einem Laden in der Stadt einkaufen, konnten aber nicht länger bleiben, weil das Wetter so schlecht war. Schade eigentlich, Bialystok ist eine schöne Stadt."

Viele Anrufe aus Warschau

Freie Impftermine finden sich auch im kleinen Städtchen Siematycze mit etwa 14.500 Einwohnern in Ostpolen. "Man kann sich auf zwei Wegen anmelden: über ein Onlineportal, aber damit es schneller geht, haben wir eine Hotline eingerichtet, über die man sich anmelden kann", erklärt Bürgermeister Piotr Siniakowicz. "Die ist seit ein paar Tagen fast immer blockiert, denn viele Menschen rufen aus Warschau an."

Und die Menschen kommen. Dabei läuft die polnische Impfkampagne recht erfolgreich, und zwar im ganzen Land: Die Terminvergabe ist unkompliziert, die gut ausgebaute digitale Infrastruktur der Verwaltung hilft dabei. Zudem ist die Impfreihenfolge inzwischen weitgehend gelockert, sodass auch Jüngere sich zumindest anmelden können. Inzwischen haben gut 20 Prozent der polnischen Bevölkerung mindestens eine Impfung erhalten.

Waldemar Kraska, der polnische Vizegesundheitsminister, gibt sich dementsprechend optimistisch: "Wir sehen, dass immer mehr Impfstoffe nach Polen geliefert werden. Uns wurde auch zugesichert, dass es die kommenden Wochen so weitergehen soll". Auch logistisch sei man vorbereitet. "Wir wollen so schnell wie möglich aus dieser Pandemie herauskommen und zur Normalität zurückkehren", betont Kraska.

Kaum jemand will warten

Aber der Leidensdruck ist groß. Mit einer Übersterblichkeit von 23,5 Prozent gegenüber den drei Jahren vor der Pandemie, der höchsten in der ganzen EU, und einem überlasteten Gesundheitssystem, ist in Polen kaum jemand, der sich impfen lassen will, bereit zu warten.

Und offenbar gibt es ausreichend Impfstoff - nur eben außerhalb der großen Städte. Woitek, ein Warschauer, der sich ebenfalls in Bialystok impfen lassen hat, äußert im Interview eine Vermutung, warum das so ist: "Wir haben gehört, die Menschen dort wollen sich nicht impfen lassen. Deshalb gibt es so viele freie Dosen. Die Ärzte dort haben uns sogar gesagt, wenn wir Bekannte mit einer Impfberechtigung haben, sollen wir ihnen Bescheid geben."

Tatsächlich bestätigt eine Sprecherin des Krankenhauses Bialystok, dass Anfang April innerhalb einer Woche nicht einmal die Hälfte der vorhanden Impfdosen vergeben werden konnten. Eine mögliche Begründung dafür ist die Kirche: Die ließ mitteilen, sie stehe Impfungen skeptisch gegenüber. Denn bei der Entwicklung mancher Impfstoffe wird an künstlich erzeugten menschlichen Zellen geforscht, die auf zwei in den 1960er-Jahren abgetriebene Föten zurückgehen.

Ob im ländlichen Polen Impfstoffe verfügbar sind, weil sich tatsächlich Impfskeptiker durch die Kirche abschrecken lassen, oder einfach, weil die Lieferungen ungünstig verteilt wurden, ist unklar.

Fest steht: Wie in Deutschland steigt auch in Polen die Impfbereitschaft der Bevölkerung - inzwischen auf 65 Prozent. Auch in Bialystok könnte es also nochmal eng werden im Impfkalender.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 27. April 2021 um 10:20 Uhr.