Posten an der Grenze zwischen Polen und Belarus | AP

Plötzlich Transitland Polen kämpft gegen Schleuserkriminalität

Stand: 30.10.2021 11:18 Uhr

Schleuserkriminalität ist ein neues Phänomen für Polen, das lange abseits der großen Fluchtrouten lag. Nun stoppt die Polizei zunehmend Fahrzeuge mit illegal Einreisenden. Die Fahrer sind oft mit deutschen Papieren ausgestattet.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

"Wir haben mehr als 114.000 Fahrzeuge kontrolliert. Allein in den vergangenen 24 Stunden waren es fast 24.000. Mit erschütternden Ergebnissen: In einem Auto mit fünf Sitzen finden wir 13, 14, 15 Menschen, in einem Bus für acht bis zu 50", berichtet der Warschauer Polizeisprecher Mariusz Ciarka in der vergangenen Woche.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Schleuserkriminalität ist ein relativ neues Phänomen in einem Land, das lange jenseits der üblichen Fluchtrouten lag. Nun sieht man sich mittendrin. Und zwar nicht nur, weil der belarusische Machthaber Alexander Lukaschenko sein Land zur "Schleuserautobahn" ausgebaut hat, berichtet Grenzschutzsprecherin Anna Michalska. Nur fünf Prozent der aufgeflogenen Schleusungen würden über diese neue Route laufen.

Aber: "Es gibt noch die polnisch-litauische Grenze. Auch hier sehen wir Menschen, die über Belarus und Litauen weiter nach Polen gekommen sind. Allein an diesem Abschnitt der Grenze haben wir 50 Fälle organisierten illegalen Grenzübertritts festgestellt, Personen, die Migranten über die Grenze fuhren", so Michalska.

Fahrer oft mit deutschen Papieren

Obwohl auch Polen ein Recht auf Asyl kennt, wollen die meisten Menschen wohl nach Deutschland oder in andere westlicher liegende Länder. Und noch etwas fällt den Fahndern in Polen auf: Die Fahrer stammen zwar aus aller Welt, sie hätten aber oft einen festen Wohnsitz in und Dokumente aus Deutschland.

"Diese Personen haben überwiegend syrische, albanische, ukrainische Nationalität und weisen sich mit Pässen und Dokumenten aus Deutschland oder Schweden aus", macht Polizeisprecher Ciarka deutlich. "Und das sind keine Menschen, die das aus humanitären Gründen tun oder aus Güte helfen wollen. Das sind organisierte kriminelle Gruppen, die Gewinn erzielen wollen, in dem diesen armen Menschen in der Regel Summen von mehreren tausend Euro abnehmen und die dabei keine Skrupel kennen - und schon gar nicht auf die örtlichen Straßenregeln achteten."

Unfälle und Verfolgungsjagden

Immer wieder machen spektakuläre Verfolgungsfahrten und gefährliche Situationen Schlagzeilen, wenn irgendwo im Land ein Schleuserfahrzeug entdeckt wird.

"Es kommt vor, dass Menschen, die Leute abholen, die illegal in die EU gekommen sind, gar keinen Führerschein besitzen oder ihn verloren haben. Bei Verfolgungsjagden werden bisweilen 200 km/h überschritten, auch da, wo andere Verkehrsteilnehmer und Fußgänger sind", führt Polizeisprecher Ciarka aus. Am 12. Oktober habe ein Schlepper einen tödlichen Unfall durch überhöhte Geschwindigkeit verursacht - ein Mensch starb, zwei wurden demnach schwer verletzt.

Vor allem im Westen Polens patrouillieren polnische gemeinsam mit deutschen Polizisten - schon vor der aktuellen Krise und mit guten Erfahrungen, heißt es auf beiden Seiten. Unlängst regte Bundesinnenminister Horst Seehofer in einem Brief an seinen polnischen Amtskollegen an, die Zusammenarbeit auch mit Blick auf die steigende Zahl von Migranten auszuweiten, die über Belarus nach Deutschland kommen. Eine Antwort blieb bislang aus.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. Oktober 2021 um 07:30 Uhr.