Polnische Grenzsoldaten stehen am Stacheldrahtzaun, der die polnisch-belarusische Grenze markiert. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Polnische Grenze zu Belarus Thermokameras und Stahlzäune im Sperrgebiet

Stand: 03.02.2022 02:54 Uhr

Die EU-Innenminister beraten heute bei einem Treffen über Grenzschutz. In Polen schreitet die Abschottung voran: Ein hochgerüsteter Zaun soll Migranten abschrecken und "weitere Provokationen" seitens Belarus verhindern.

Von Olaf Bock, ARD-Studio Warschau

Die Lautsprecherdurchsage aus dem polnischen Grenzschutzfahrzeug direkt an der Grenze zu Belarus ist eindeutig: "Die polnische Grenze ist geschlossen. Dies ist das Ende ihrer Reise. Das ist nicht, was ihnen versprochen wurde. Gehen sie zurück nach Minsk. Von dort werden sie nach Hause gebracht. Ihr Albtraum wird ein Ende haben."

Olaf Bock ARD-Studio Warschau

Zu hören bekommen die Ansage auch Journalisten, die zu einer geführten Tour direkt an der polnischen Grenzlinie zu Belarus eingeladen wurden - auf Englisch, Französisch und in drei weiteren Sprachen. Auf der anderen Seite des Zauns ist niemand zu sehen. Nach monatelangem Zutrittsverbot in die drei Kilometer breite und mehr als 400 Kilometer lange Sperrzone ist dies die erste Möglichkeit, sich selbst ein Bild an der Grenze zu machen.

Keine Bewegungsfreiheit für Journalisten

Seit ein paar Wochen organisiert der polnische Grenzschutz Touren für polnische und ausländische Journalisten in das Sperrgebiet. Frei bewegen dürfen sich dort nur die Einwohner der angrenzenden Ortschaften und Pendler. Die begleitende Sprecherin des Grenzschutzes, Katarzyna Zdanowicz, berichtet von anhaltenden Versuchen, über die Grenze nach Polen zu gelangen: "Wir sehen immer noch jeden Tag, dass versucht wird, die Grenze illegal zu überschreiten", sagt sie. "Jeden Tag verzeichnen wir Dutzende Versuche. Heute waren es 50 und wir sehen, dass es zu diesen Vorfällen auf der ganzen Länge der Grenze kommt." Es sind deutlich weniger Grenzübertritte als noch vor Monaten.

Ein Grenzsoldat bewacht die Bauarbeiten am Zaun zwischen Polen und Belarus.  | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Ein Grenzsoldat bewacht die Bauarbeiten am Zaun zwischen Polen und Belarus. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Gezeigt werden auch hochmoderne Thermokameras, die Tag und Nacht einen Blick auf das Geschehen an der Grenze ermöglichen. Auch der Besuch in einem Dorf direkt am Grenzzaun gehört zur geführten Tour: In Minkowo wohnen mehrheitlich ältere Menschen, die offensichtlich froh sind, dass ihre Heimat mit etwa zehntausend Grenzschützern und Soldaten gesichert wird. "Wir sind ihnen dankbar, dass sie hier Wache halten. Denn würden all dieses Flüchtlinge zu uns rüberkommen, wie manche das vorschlagen, dann weiß ich nicht, was passieren würde", meint Barbara, die ihren Nachnamen nicht nennen will.

Fünfeinhalb Meter hoher Stahlzaun

Der Übergang von Belarus nach Polen soll zukünftig noch weiter verbaut werden. Dazu entsteht seit einigen Tagen eine feste Barriere entlang der 420 Kilometer langen Grenze zu Belarus. Sie soll verhindern, dass Flüchtlinge und Migranten nach Polen gelangen. So entstehen gerade tiefe Löcher für lange Pfähle im gefrorenen Boden entlang der belarussisch-polnischen Grenze. Später soll daran ein Stahlzaun befestigt werden.

Arbeiter an der polnisch-belarusischen Grenze errichten einen Zaun. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Löcher im Böden: Hier soll der fünfeinhalb Meter hohe Stahlzaun aufgerichtet werden. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

"Die Barriere wird fünfeinhalb Meter hoch und 186 Kilometer lang sein. Sie wird mit Bewegungssensoren und Wärmebildkameras ausgestattet", erzählt Krystyna Jakimik-Jarosz vom polnischen Grenzschutz. Abschreckung ist das offensichtliche Ziel des Projektes, das mehr als 350 Millionen Euro kosten soll und in großen Teilen im Juni fertiggestellt sein soll. Anna Michalska vom polnischen Grenzschutz betont, dass "die Sperre entsteht, damit die Situation an der Grenze sicher bleibt, damit wir keine weiteren Provokationen seitens Belarus fürchten müssen"

Kritiker sehen Zeichen des Versagens

Die polnische Regierung unterstreicht mit dem Projekt ihre Rolle als Verteidigerin der EU-Außengrenzen. Dort wurde auch vom "hybriden Krieg" gesprochen, den das Regime von Aleksander Lukaschenko ausgelöst habe - eine von belarusischer Seite verursachte Migrationskrise, die entschiedenes Handeln erfordere. Dazu gehört aus polnischer Regierungssicht wohl auch die feste Barriere, an der gerade gebaut wird.

Für Kritiker dagegen ist die neuentstehende Barriere kein Zeichen der Stärke, sondern des Versagens der polnischen und europäischen Flüchtlingspolitik.

"Diese Unsummen, die in diesen Mauerbau gesteckt werden, würden ausreichen, um ein funktionierendes, vernünftiges Aufnahme- und Asylsystem in Polen zu errichten", ärgert sich zum Beispiel Kalina Czwarnog von der Flüchtlingshilfeorganisation "Stiftung Ocalenie". Daran aber fehle es seit Jahren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Februar 2022 um 09:00 Uhr.