Israelische Jugendliche gehen an dem Denkmal für die rund 900.000 europäischen Juden vorbei, die zwischen 1941 und 1944 in dem Todes- und Arbeitslager von den Nazis getötet wurden. | dpa

Gerichtsurteil in Polen Holocaust-Forscher sollen sich entschuldigen

Stand: 10.02.2021 11:08 Uhr

Der Streit um die Rolle polnischer Bürger im Holocaust wird in eine weitere Runde gehen. Ein Warschauer Gericht verurteilte zwei Forscher zu einer Entschuldigung - dagegen wollen sie in Berufung gehen.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Ein Warschauer Gericht hat in erster Instanz zwei Holocaust-Forscher dazu verurteilt, sich für eine Passage in einem wissenschaftlichen Buch öffentlich zu entschuldigen. Allerdings fiel der Entschuldigungstext weitaus weniger umfangreich aus als von der Klägerin verlangt; auch Entschädigung müssen die beiden Wissenschaftler nicht zahlen.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Das Zivilverfahren hatte international für Aufsehen gesorgt und für Solidaritätsadressen von Historikern und Holocaust-Gedenkstätten aus aller Welt. Hinter der Klägerin, die in dem Buch einen Verwandten verunglimpft sah, stand eine der regierenden PiS-Partei nahestehende Stiftung, die das Verfahren auch finanzierte.

Ein Versuch, abzuschrecken?

In dem Buch machen sich die Autoren die Aussage einer Holocaust-Überlebenden zu eigen, der Ortsvorsteher eines Dorfes im deutsch besetzten Polen habe sich der Mitschuld an der Ermordung von Juden schuldig gemacht. In einem Nachkriegsprozess hatte die Zeugin noch zugunsten des Mannes ausgesagt. Die Beklagten werteten das Verfahren als Versuch, abzuschrecken von der Erforschung von Themen, die dem Geschichtsbild der Regierungspartei widersprechen.

Die PiS-Regierung hatte mit einer als "Holocaust-Gesetz" bekannt gewordenen Novelle 2018 versucht, falsche Schuldzuweisungen aus der NS-Zeit gegenüber Polen zur Straftat zu erklären, das Gesetz nach internationalen Protesten aber wieder abgeschwächt.

Die Freiheit der Forschung

Das Gericht unterstrich, das Urteil dürfe nicht die Forschung paralysieren. Auch bestritt es, dass mit dem Ruf des im Buch beschriebenen, verstorbenen Verwandten gleichsam die Familienehre und die der Nichte geschädigt worden sei.

Gleichwohl verlangte es, dass Wissenschaftler besonders präzise vorgehen müssten, denn die Angehörigen hätten ein Recht darauf, dass der Ruf verstorbener Verwandten geschützt ist. Im vorliegenden Fall habe es widersprüchliche Aussagen gegeben, die zudem teilweise auf Gerüchten basiert hätten. Die beiden Forscher wollen den Entscheid nicht akzeptieren und in Berufung gehen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. Februar 2021 um 05:18 Uhr.