Ein Mann mit Kippa vor dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos (Foto vom 27. Januar 2021). | AFP

Polen Holocaust-Forscher vor Gericht

Stand: 09.02.2021 02:57 Uhr

Haben zwei Holocaust-Forscher einen Ortsvorsteher diffamiert? Ein Warschauer Gericht will darüber heute urteilen. Beim Verfahren, das eine regierungsnahe Stiftung angestoßen hatte, geht es auch um Polens Geschichtsbild.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Vordergründig geht es um den guten Ruf des Dorfvorstehers Edward Malinowski aus Malinowo und seine Rolle während der deutschen Besatzung Polens. Doch Kritiker sehen einmal mehr die Freiheit der Rede und auch der Wissenschaft in Polen bedroht.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Vordergründig klagt die 81-jährige Nichte Malinowskis, weil sie ihren lange verstorbenen Verwandten verumglimpft sieht - doch möglicherweise wäre es gar nicht zu ihrer Klage gekommen, hätte sich nicht die der regierenden PiS-Partei nahestehende Stiftung "Verteidiger des guten Namens" dahinter gestellt, dessen Leiter Maciej Swirski sagt: "Die Stiftung trägt alle Kosten dieses Verfahrens, und mit vollem Bewusstsein verteidigen wir den guten Namen eines polnischen Helden."

Buch dokumentiert jüdische Erfahrungen in Polen

Stein des Anstoßes ist eine kurze Passage in einem viele Hundert Seiten umfassenden wissenschaftlichen Werk: Der Doppelband "Weiter ist Nacht" beschäftigt sich ausführlich mit etlichen Einzelschicksalen im Krieg den Deutschen entkommender Juden, die sich in polnischen Wäldern und anderswo versteckten - und dabei mal gute, mal weniger gute Erfahrungen mit der örtlichen Bevölkerung machten.

Gemischte waren es im Falle des Ortsvorstehers Malinowski, glaubt man der Aussage einer jüdischen Zeugin gegenüber der Shoah-Foundation: Ihr selbst half er demnach dabei, mit Hilfe einer falschen Identität als polnische Zwangsarbeiterin bei einer deutschen Familie zu überleben. Im Buch heißt es aber auch - unter Verweis auf dieselbe Zeugin -, dass Malinowski Mitschuld trage an der Ermordung vieler Juden. Die Autoren hätten damit aus einem Helden einen Nazihelfer gemacht, urteilte der regierungsnahe Sender TVP bereits vorab.

Co-Autorin Barbara Engelking von der Akademie der Wissenschaften widerspricht: "Ich habe in den drei Sätzen im Buch nicht geschrieben, was ich über Edward Malinowski denke, sondern wiedergegeben, was Esthera dachte. Und sie war tatsächlich überzeugt davon, dass er mit der Auslieferung der Juden etwas zu tun hatte."

Polens Geschichtspolitik: Nationalstolz pflegen

Dass die Schlüssel-Zeugin in einem Nachkriegsprozess im sozialistischen Polen noch zugunsten Malinowskis ausgesagt hatte, erwähnt Engelking in einer ausführlichen Fußnote, stuft dies aber als bewusste Falschaussage aus Dankbarkeit ein. So zeigt der Fall auch, an welche Grenzen die Forschung stößt - in einem Bereich, in dem wichtige Zeugen schlicht deshalb fehlen, weil sie ermordet wurden.

Erschwerend kommt hinzu, die Forscherin Malinowski an anderer Stelle mit einem Namensvetter verwechselte. Dass sie ihre Arbeit nun aber nicht zuerst vor Fachkollegen, sondern vor Gericht verteidigen muss, wertet sie als Versuch, aus Sicht der aktuellen Regierung unliebsame Forscher abzuschrecken. Was allerdings keinen Erfolg habe, wie Engelking betont: Vielmehr helfe die Stiftung, die hinter der Klage steht, wohl ungewollt dabei, die Holocaust-Forschung in Polen zu entwickeln - und mache auch Werbung für das Buch, das in diesem Jahr auf Englisch erscheinen soll.

Barbara Engelking hat an der Polnischen Akademie der Wissenschaften das Zentrum zur Erforschung des Holocaust gegründet. | dpa

Barbara Engelking hat an der Polnischen Akademie der Wissenschaften das Zentrum zur Erforschung des Holocaust gegründet. Bild: dpa

"Gerade junge Menschen zeigen, dass sie keine Angst haben, das zieht sie sogar an: Ich habe Doktoranden und sehr viele interessierte Studenten in den Online-Seminaren", sagt sie. "Der Holocaust-Forschung wird der Nachwuchs nicht fehlen."

Gute Nerven sind dabei allerdings eine nützliche Zusatzqualifikation: Denn Forscher, die dem Geschichtsverständnis der PiS-Partei im Wege stehen, sind immer wieder Angriffen ausgesetzt. Die Geschichtspolitik der Regierung zielt darauf ab, durch Konzentration auf historisches Heldentum den Nationalstolz zu pflegen. Schattenseiten stören da nur und gehörten zu einer verfehlten "Pädagogik der Scham", wie es der polnische Bildungsminister Przemysław Czarnek nannte. Die zuständige Richterin muss ihr Urteil also mitten im Spannungsfeld der Politik fällen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. Februar 2021 um 05:18 Uhr.