Ein Anlaufpunkt für Geflüchtete aus der Ukraine auf einem Bahnhof in Warschau (Polen) | EPA

Ukrainische Geflüchtete in Polen "Diese Kinder werden einmal Warschauer sein"

Stand: 14.05.2022 06:48 Uhr

In kürzester Zeit ist Warschau um 300.000 neue Bewohner gewachsen - Menschen, die aus der Ukraine flohen und blieben. Das stellt die Stadt nicht nur bei der Unterbringung vor Herausforderungen. Und dann ist da noch die Inflation.

Von Olaf Bock, ARD-Studio Warschau

In der polnischen Hauptstadt Warschau ist es überall zu spüren: Seit Kriegsbeginn kommen dort immer weiter Menschen aus der Ukraine an. Von den mehr als drei Millionen Geflüchteten, die über die ukrainische Grenze nach Polen gekommen sind, bleiben viele in Warschau. Mehr als 300.000 neue Bewohner verzeichnet die Stadt. Kamen anfangs noch viele privat bei polnischen Familien oder bei Verwandten und Freunden unter, so werden inzwischen zunehmend Bürogebäude oder Hallen für die Unterbringung genutzt.

Olaf Bock ARD-Studio Warschau

Noch schaut die Stadtverwaltung Warschaus mit Optimismus auf die Veränderungen in der Hauptstadt. "Obwohl die Bevölkerung Warschaus um etwa 15 Prozent zugenommen hat, was sehr viel ist, habe ich den Eindruck, dass die Warschauer unsere ukrainischen Nachbarn mit Herzlichkeit und Solidarität aufgenommen", sagt die Pressesprecherin Monika Beuth-Lutyk.

Da sich inzwischen viele Geflüchtete auch um Registrierungen und Arbeitserlaubnisse kümmern, sieht sie auch positive Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt: "Es gab und gibt Berufe, in denen wir zu wenig Arbeitskräfte haben. Hier spreche ich vor allem von Lehrern und Lehrerinnen und auch von den medizinischen Arbeitskräften - und der Arbeitsmarkt ist sehr daran interessiert, Menschen aus der Ukraine einzustellen." Natürlich muss dazu erst die polnische Sprache gelernt werden, aber das fällt vielen Ukrainern offensichtlich nicht so schwer, wie schon die Vergangenheit zeigt.

Perspektiven schaffen: Teuer und wichtig

Die Unterstützung kostet einiges: Aufenthaltsbewilligungen für 18 Monate, Zugang zu Sozialleistungen und Bildungsangeboten - das alles entfällt auf den Staat. Gleichzeitig hat der Krieg die Inflation beschleunigt, die für April auf mehr als zwölf Prozent prognostiziert wird, primär wegen höherer Kosten für Energieträger. Mit mehr als zwei Milliarden Euro beziffert Polens Regierung die bisherigen Kosten für die Bewältigung der Fluchtbewegungen.

Bei aller Hilfsbereitschaft ist die Unterbringung und Versorgung von Geflüchteten auch für Warschau teuer. Die Stadtverwaltung bemüht sich deshalb nicht nur um weitere staatliche Förderung, sondern steht auch in Kontakt mit Fonds, Spendern und Hilfsorganisationen, um das benötigte Geld aufzutreiben.

Insbesondere das Schaffen von Perspektiven kostet, etwa bei der Schulbildung: "Im Moment lernen in unseren Schulen schon etwa 17.000 Schüler aus der Ukraine und wir können eigentlich keine weiteren aufnehmen. Wir organisieren Online-Unterricht für die anderen ukrainischen Kinder, damit sie das Schuljahr im ukrainischen System abschließen können", berichtet Monika Beuth-Lutyk.

Unterkünfte in Institutsräumen vollbelegt

In einem ehemaligen Institut in Warschau wurde kurzerhand der ungenutzte Büroraum zur Unterkünften umgewidmet. "Wir haben derzeit eine Belegungsrate von 100 Prozent, generell schwankt sie zwischen 95 und 100 Prozent", berichtet die Koordinatorin Michalina Wieczorek. "Wenn zwölf Personen abreisen, passen wir die Zimmer an und nehmen neue Personen auf, die unsere Hilfe brauchen."

Michalina Wieczorek | ARD-Studio Warschau

Michalina Wieczorek, Koordinatorin einer Unterkunft für Geflüchtete aus der Ukraine in Warschau. Bild: ARD-Studio Warschau

Da müssen dann manchmal auch Leute - zumeist Frauen mit Kindern - zu einer anderen Familie in ein Zimmer ziehen. Das ist zwar eng, könne aber auch helfen, meint Wieczorek. "Wo es einen Erwachsenen und zwei Kinder gibt, ist es praktischer: Wenn es zwei Erwachsene im Zimmer gibt, dann kann die eine Person etwas erledigen, einfach duschen oder so etwas, während die andere auf die Kinder aufpasst."

Hilfe nach der Belastung der Flucht

Aber neben den Grundbedürfnissen sind es vor allem die psychischen Belastungen durch die Flucht, die dringend behandelt werden müssen: "Die Notwendigkeit einer Diagnose, die Notwendigkeit, zum Beispiel Ersatz für ein in der Ukraine verfügbares Medikament zu finden. Das sind Dinge, mit denen unsere Gäste, aber auch unsere Freiwilligen, Koordinatoren und Ärzte am häufigsten zu tun haben", sagt Wieczorek.

Aber sie freut sich auch über die Chancen der Zukunft für die Neuankömmlinge: "Es kommen doch hauptsächlich Familien mit Kindern nach Polen. Diese Kinder werden eines Tages Warschauer, Breslauer oder Posener sein, und ich denke, dass sie, wenn sie in einem zweisprachigen Umfeld aufwachsen, sicherlich eine Bereicherung für die Gesellschaft sein werden."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. März 2022 um 18:00 Uhr.