Blick auf die Tatra bei Zakopane | picture alliance / Zoonar

Corona-Pandemie in Polen Renitente Impfgegner in den Bergen

Stand: 26.07.2021 05:42 Uhr

Nach einem schwungvollen Start ebbt das Tempo der Impfkampagne in Polen ab. Besonders in den Bergregionen ist der Widerstand groß. Nun versucht die Kirche, die Menschen dort von der Notwendigkeit zu überzeugen.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Es war wohl nicht einfach für die Reporter des Privatsenders TVN, oben in den polnischen Bergen jemanden zu finden, der gegen Corona geimpft ist. Kellner Stanislaw Gut ist es, aber er scheint ein bisschen verlegen. "Wir reden darüber nicht, es ist ein Tabuthema, ob du geimpft bist. Einige schämen sich auch, das zu sagen vor den Impfgegnern, damit sie dich nicht Dummkopf nennen", sagt er.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Polens Impfkampagne hat ein Problem. Stars und Sternchen werben fürs Impfen, aber die Impfgegner, die ohne Beleg etwa vor möglicher Unfruchtbarkeit durchs Impfen warnen, dringen oft mehr durch, und ausgerechnet in den Touristenregionen der Karpaten sind die Skeptiker die Wortführer.

"Risiko der Impfung viel größer"

Besonders präsent ist Sebastian Piton, er trägt Bart, lange Haare, weite dunkle Hemden und den schwarzen Hut der Bergbewohner, und er hat die überzeugungsstarke Aura eines Menschen, der alles durchschaut haben will.

"Wir sind der Meinung, dass der Impfstoff schädlich ist. Ich bin stolz, dass hier bei uns die meisten skeptisch gegenüber diesen Quasi-Pflichtimpfungen sind", sagt er. "Wir schätzen das Risiko der Impfung viel größer ein, wir haben schon eine Grundimmunität - und wenn es eine gefährliche Krankheit wäre, würden wir alle ums Leben kommen."

Zehntausend Polen starben zwar, aber nicht auf der Straße, sondern im Krankenhaus oder daheim. 75.000 Corona-Tote gibt es offiziell in Polen, noch mehr Tote ergeben sich aus der Übersterblichkeit, die zu den höchsten in Europa zählt über den gesamten Epidemieverlauf.

Protest-Hochburgen in den Bergen

Doch in den Bergen gab es schon eine der größten Protest- und Verweigerungsbewegungen gegen den Lockdown, und nun Protest in Form von kollektiver Impfverweigerung. Hartes Brot für Jerzy Toczek, Impfkoordinator im Karpaten-Hauptort Zakopane.

"Die Impfstoffgegner sind sehr aktiv in ganz Polen, aber im Kreis Podhale treffen sie auf besonders fruchtbaren Boden." Die Menschen in den Bergen denken, dass sie stark seien, erzählt er. Ganz nach dem Motto. "Ich bin hier oben aufgewachsen, wie kann ich da an Covid erkranken". Und drittens wird wahrheitswidrig verbreitet, die Impfstoffe seien unsicher und nicht ausreichend untersucht.

Sogar die Kirche wurde eingeschaltet, mancherorts rufen Geistliche per Megafon auf, sich gleich an Ort und Stelle impfen zu lassen - viele Menschen in den Bergen sind gläubig.

Bitte an die Bischöfe

"Für viele Menschen kann der Geistliche eine Autorität sein, der über die gute Wirkung der Impfstoffe reden kann. Wenn wir wollen, dass möglichst viele in die Kirchen zurückkehren, müssen wir alles tun, möglichst viele impfen zu lassen", sagt Lukasz Kmita, ein Wojewode von Kleinpolen. Er habe daher die Bischöfe gebeten, dass sie in den Kirchen einen Appell verlesen, und die meisten waren wohlwollend eingestellt, leider nicht alle.

Nach schwungvollem Start nimmt jetzt die Zahl der Impfungen in Polen immer langsamer zu. Zuletzt waren laut Statistik nur 44 Prozent der Polen vollständig geimpft, in Deutschland fast jeder zweite. Weil in Umfragen bis zu 20 Prozent das Impfen ausschließen, ließ die Regierung in ihrer Not schon vor Wochen das Impfen auch für Kinder ab 12 zu.

Kommen lokale Lockdowns?

Und während in großen Städten Maskendisziplin weitgehend geübt wird, ist das in den Urlaubsorten anders: In den Masuren erkennt man Neuankömmlinge daran, dass sie am ersten Tag noch Maske tragen, hört man von dort. In der TVN-Reportage riefen die Reporter testweise Berg-Hotels an. Ist Ihr Personal geimpft? Nicht durchgängig, hörten sie immer wieder. Es gebe unterschiedliche Meinungen zum Thema impfen, heißt es.

Angesichts dessen warnte die Regierung unlängst von einer durch Delta ausgelösten vierten Welle vielleicht schon im August. Lockdowns, hieß es weiter, könnten diesmal lokal verhängt werden, in Abhängigkeit von der Impfquote.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Juli 2021 um 14:08 Uhr.