Das geräumte Migrantenlager unweit des belarusischen Grenzübergangs Bruzgi | via REUTERS

Belarusische Grenze zu Polen Hunderte Migranten räumen Grenzlager

Stand: 19.11.2021 07:12 Uhr

Hunderte Migranten sollen ein Lager am Grenzübergang Bruzgi in Belarus verlassen haben. Laut Grenzschutz wurden sie in eine Lagerhalle gebracht. Deutschland dementierte indes Gerüchte über eine Aufnahmevereinbarung mit Belarus.

In Belarus haben nach Angaben des Grenzschutzes Hunderte Migranten ein provisorisches Lager an der Grenze zu Polen verlassen. Am Donnerstag seien alle Flüchtlinge aus dem Lager nahe dem Grenzübergang Bruzgi "auf freiwilliger Basis" in ein nahegelegenes Logistikzentrum gebracht worden, erklärte der belarusische Grenzschutz im Messenger-Dienst Telegram.

Die Behörden veröffentlichten auch Fotos des offenbar verlassenen Lagers, in dem in den vergangenen Tagen rund 2000 Menschen ausgeharrt hatten. Am Dienstagabend waren bereits mehr als 1000 Menschen aus dem Lager in eine riesige Lagerhalle gebracht worden. Doch rund 800 weitere hatten nach Angaben der belarusischen Behörden bei Temperaturen unter 0 Grad weiter in Zelten oder an Lagerfeuern im Freien geschlafen. Sie wurden wegen "schlechter werdender Wetterbedingungen" nun ebenfalls in die Lagerhalle gebracht, wie der Grenzschutz mitteilte.

Staatsnahe belarusische Medien veröffentlichten am Morgen Videos aus der Logistikhalle. Darauf ist zu sehen, wie Erwachsene und Kinder dicht gedrängt auf Matratzen am Boden liegen. Vor dem Gebäude wurde demnach Essen ausgeteilt. Weil so viele durchnässte und frierende Menschen dort Zuflucht suchten, war eine zweite Etage bereitgestellt worden. Nachdem in der Notunterkunft am Vortag ein erster Corona-Fall gemeldet worden war, soll dort heute eine Impfstelle den Betrieb aufnehmen. Geplant ist die Verabreichung eines chinesischen Vakzins.

Angeblich noch 7000 Migranten in Belarus

Die staatlichen Medien in Belarus berichteten, die behelfsmäßigen Lager entlang der Grenze zu Polen seien vollständig geräumt worden. Das polnische Verteidigungsministerium veröffentlichte jedoch ein Video, das Hunderte Menschen und deren Zelte in der Nähe eines offiziellen Grenzübergangs zeigen soll. Zunächst war unklar, ob die Länder von zwei verschiedenen Orten mit Notlagern im Grenzgebiet sprachen.

Zuvor hatte ein erster Rückführungsflug 431 Menschen in den Irak zurückgebracht, darunter viele Frauen und Kinder. Die Iraqi-Airways-Maschine startete in Minsk und landete am Donnerstagabend in Erbil, der Hauptstadt der nordirakischen Kurdenregion. Nach belarusischen Behördenangaben befinden sich womöglich noch bis zu 7000 Migranten in Belarus.

Deutschland dementiert Aufnahmevereinbarung

Nach uneindeutigen Aussagen einer Sprecherin des belarusischen Machthabers Alexander Lukaschenko verbreiteten sich Gerüchte, Deutschland verhandele über eine Verlegung Tausender Migranten von der polnischen Grenze in die EU - oder wolle sie gar selbst alle aufnehmen.

Demnach habe Lukaschenko gefordert, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen "humanitären Korridor" für 2000 Migranten in die EU aushandeln solle, sagte die Sprecherin. Im Gegenzug habe Lukaschenko bei einem der beiden Telefonate mit der Kanzlerin angeboten, sich um die Rückkehr von 5000 Migranten in ihre Heimatländer zu bemühen.

Seehofer: "Meldung ist falsch"

Bundesinnenminister Horst Seehofer stellte am Donnerstagabend allerdings klar, dass die Bundesregierung keine entsprechende Vereinbarung mit Belarus getroffen habe. "Diese Meldung ist falsch", sagte Seehofer nach einem Treffen mit Polens Innenminister Mariusz Kaminski.

Aus der EU-Kommission hieß es am Abend auf die Frage, ob auf europäischer Ebene Gespräche über eine Aufteilung von 2000 Migranten geführt würden: "Der EU-Kommission ist nicht bekannt, dass es irgendwelche Diskussionen dieser Art gibt."

200 Migranten festgenommen

An der EU-Außengrenze zu Belarus, besonders an der Grenze zu Polen, sitzen seit Wochen Tausende Flüchtlinge aus dem Nahen Osten fest. Die EU wirft dem belarusischen Machthaber Lukaschenko vor, die Flüchtlinge absichtlich ins Grenzgebiet zur EU geschleust zu haben.

Die Lage an der Grenze war zuletzt äußerst angespannt. Polen hat einen Grenzzaun errichtet und mehr als 15.000 Sicherheitskräfte zusammengezogen. Sie nahmen nach Angaben aus Warschau in der Nacht zum Donnerstag rund 200 Migranten fest, die versucht hatten, die Grenze nach Polen zu überqueren.

Über dieses Thema berichtete BR24 Aktuell am 19. November 2021 um 06:35 Uhr.