Belarusische Sicherheitskräfte geleiten Migranten an der Grenze zu Polen. | REUTERS

Flüchtlinge im Grenzgebiet Polen wirft Belarus neue Taktik vor

Stand: 20.11.2021 13:39 Uhr

Belarusische Behörden sollen die Migranten dazu anhalten, die Grenze zu Polen vielerorts in kleinen Gruppen zu überqueren. Es sei keine Frage, dass "diese Angriffe" gesteuert würden, so der polnische Verteidigungsminister.

Polens Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak hat Belarus im Konflikt um Migrantinnen und Migranten an der gemeinsamen Grenze einen Strategiewechsel vorgeworfen. "Jetzt haben die Migranten und die belarusischen Behörden eine neue Methode angewandt", sagte er dem Radiosender RMF FM. "Kleinere Gruppen von Menschen versuchen an vielen Orten, die Grenze zu überqueren." Es sei "keine Frage, dass diese Angriffe von belarusischen Behörden gesteuert werden".

Auch polnische Grenzschützer berichteten von Versuchen mehrerer kleiner Gruppen, die Grenze zu überqueren.

200 Menschen versuchen Grenze zu durchbrechen

Nach Angaben des polnischen Grenzschutzes haben mehrere größere Gruppen vergeblich versucht, die Befestigung zu überwinden. Die Vorfälle hätten sich in der Nähe des Ortes Dubicze Cerkiewne ereignet, teilte die Behörde mit. Die größte Gruppe habe aus etwa 200 Menschen bestanden, weitere kleinere Gruppen versuchten ebenfalls die Grenze zu durchbrechen. "Die Ausländer waren aggressiv. Sie warfen mit Steinen und Feuerwerkskörpern, benutzten Tränengas", hieß es. Insgesamt registrierten die polnischen Behörden eigenen Angaben zufolge 195 illegale Grenzübertrittversuche.

Wie die polnische Polizei mitteilte, wurden in der Grenzregion zudem neun mutmaßliche Schleuser festgenommen. Darunter seien vier Polen, zwei Ukrainer und je ein Deutscher, Aserbaidschaner und Georgier. Sie waren mit insgesamt 34 Migranten unterwegs. "82 Ausländer wurden aufgefordert, polnisches Gebiet zu verlassen. Zwei ukrainische Staatsbürger und ein deutscher Staatsbürger wurden wegen Beihilfe festgenommen", erklärte der polnische Grenzschutz bei Twitter. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass dieses Problem noch monatelang andauern wird. Ich habe keine Zweifel daran, dass dies der Fall sein wird", sagte Blaszczak.

"Ich habe sie nicht hierher eingeladen"

Die Europäische Union beschuldigt den belarusischen Machthaber Alexander Lukaschenko, in organisierter Form Migranten aus Krisenregionen an die EU-Außengrenze zu bringen, um Druck auf den Westen auszuüben. Die Menschen aus dem Irak, aus Syrien und Afghanistan sind über Touristenvisa nach Belarus eingereist.

Lukaschenko wies die Vorwürfe wiederholt zurück. Er sagte der britischen BBC, dass es "absolut möglich" sei, dass belarusische Streitkräfte den Migranten bei der Einreise in die EU geholfen hätten. Er bestritt jedoch, die Operation organisiert zu haben. "Wir sind Slawen. Wir haben ein Herz. Unsere Truppen wissen, dass die Migranten nach Deutschland wollen. Vielleicht hat ihnen jemand geholfen", sagte er. "Aber ich habe sie nicht hierher eingeladen."

Menschen beharren auf Öffnung der EU-Grenze

Seit Wochen sitzen im belarusisch-polnischen Grenzgebiet bei zunehmend eisigen Temperaturen Tausende Menschen fest. Polen hat einen Grenzzaun errichtet und mehr als 15.000 Sicherheitskräfte an der Grenze zusammengezogen.

Die Migrantinnen und Migranten beharren auf einer Öffnung der Grenze zur EU. Sie wollten bleiben, bis die EU sie reinlasse, berichtete die Nachrichtenagentur dpa aus einer Notunterkunft in einer Lagerhalle in Brusgi. Der Grenzpunkt dort ist mit Betonbarrieren und Stacheldraht geschlossen.

In der Unterkunft übernachteten nach Schätzungen etwa 2000 Menschen, die eine Rückreise in ihre Heimat ablehnen und nach Deutschland, Belgien und in andere EU-Staaten wollen. Sie werden von bewaffneten Uniformierten bewacht und können das Gelände nicht verlassen. Belarusische Ermittler setzten zudem Befragungen von Migranten fort, die zuvor bei einem Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas von polnischer Seite verletzt worden waren.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. November 2021 um 13:00 Uhr.