Zwei Frauen und ein Kind mit Schlafsäcken im Wald an der polnisch-belarusischen Grenze | picture alliance / NurPhoto

Polnisch-belarusische Grenze "Wir haben beide Seiten angefleht"

Stand: 18.10.2021 11:33 Uhr

Polen will entlang der Grenze nach Belarus einen Zaun errichten. Im Grenzgebiet hängen 31 Migranten fest - seit zwei Monaten. Sie fürchten, nicht mehr lebend aus dieser Zone herauszukommen.

Von Isabel Schayani, Bamdad Esmaili und Olaf Bock

Seit sieben Wochen hängen 26 Männer und fünf Frauen im Grenzgebiet zwischen Belarus und Polen fest. Weder haben Hilfsorganisationen Zugang zu ihnen, noch dürfen Journalisten von dort berichten, denn Polen hat den gesamten Grenzstreifen zum Ausnahmegebiet erklärt. "Wir haben beide Seiten angefleht, uns zu helfen, sonst sterben wir", sagt einer der Männer, ein Afghane, in einem Telefonat.

Die Zahl der unerlaubten Grenzübertritte an dieser EU-Außengrenze ist in den vergangenen Wochen gestiegen. Am Wochenende waren es zuletzt 700 Menschen binnen 24 Stunden. So hat das polnische Parlament dem Plan der Regierung nun zugestimmt, entlang der gesamten Grenze zu Belarus einen Grenzzaun zu bauen.

"Das können sie machen, das ist ja ihr Land", sagt einer der festgesetzten Menschen aus Afghanistan. "Aber dass sie uns hier hinter diesem Zaun festhalten, das ist gegen das Gesetz und gegen die Menschlichkeit. Seit zwei Monaten geben sie uns nichts zu essen und nichts zu trinken." Die belarusische Grenzwache lässt die Menschen nicht zurück und die polnische lässt sie nicht ins Land, obwohl sie dort nach eigener Aussage bereits Asylanträge abgeben durften.

"Drei sitzen draußen, zwei schlafen"

Der Gesundheitszustand sei bei allen schlecht, berichtet der Mann namens Masoud am Telefon: "Wenn wir um Hilfe rufen, hört uns keiner. Das Wetter ist sehr kalt. Wir wissen nicht, was wir tun sollen." Er ist hörbar erkältet und angeschlagen.

Um sie herum sei ein zwei bis drei Meter hoher Zaun gebaut worden, berichtet er. Die eingeschlossenen Menschen hätten insgesamt sieben Zelte, die jeweils für zwei Personen Platz hätten. "Aber die sind ja nicht für den Winter geeignet und nicht für Flüchtlinge. Wir teilen uns dann eines zu fünft. Drei sitzen draußen, zwei schlafen und dann wechseln wir uns ab." Die Temperaturen sinken und die Kälte wird für die Menschen zunehmend bedrohlich.

Ein einziges Mal durften Afghanen aus Belarus ihnen etwas warme Kleidung bringen, berichtet Masoud. Einem Mann sei es gelungen, aus dem Grenzgebiet zurück nach Belarus zu flüchten. Er fürchtet nun, nach Afghanistan abgeschoben zu werden.

Keine Hilfsgüter, sondern ein Zaun

Schon vor Wochen war die Situation für die eingeschlossenen Menschen angespannt - seitdem hat sich nichts verbessert: "Die Soldaten aus Belarus, die uns bewachen, geben uns aus Mitleid etwas von ihren eigenen Broten ab: Drei Leibe Brot am Tag. Die teilen wir", erzählt Masoud. "Sie können sich ausrechnen, wie wenig das ist." Aus einer Packung mit 500 Gramm Weizen, die sie zu einunddreißigst bekämen, kochten sie eine Suppe.

Wegen der angespannten Situation an der Grenze zu Belarus will die polnische Regierung nun eine "solide Barriere" aufstellen. Die erste Kammer des Parlaments billigte bereits den Plan, für den 366 Millionen Euro veranschlagt sind. Schon jetzt haben Soldaten auf etwa 90 Kilometern Länge einen 2,50 Meter hohen Zaun gebaut, der erweitert und später durch eine Befestigungsanlage mit einem Überwachungssystem ersetzt werden soll - die polnische Opposition spricht von einer "Mauer". 

Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak schrieb am Wochenende auf Twitter: "Wenn es den Zaun und die gute Zusammenarbeit zwischen Soldaten und Grenzschützern nicht gäbe, dann hätten wir eine Migrationskrise wie im Jahr 2015."

"Bringen Sie uns egal wohin"

Den Bau des Zauns werde die EU nicht mitfinanzieren, erklärte ein Kommissionssprecher. Offenbar ist aber auch in Brüssel die sich ständig verschlechternde Lage bekannt geworden. Der afghanische Mann, die Stimme aus dem umzäunten Stück im Grenzgebiet, bleibt höflich. Den Streit zwischen den beiden Ländern, Polen und Belarus, würden sie nicht verstehen, meint er. "Wir bitten sie, ihre Probleme politisch lösen. Wir sind vor dem Krieg geflohen. Wir sind ja daran nicht schuld."

Auf die Frage, was ihm wichtig ist zu sagen, antwortet er zögerlich: "Vielleicht hört irgendjemand unsere Stimme. Eine Hilfsorganisation. Ganz egal. Wir werden vielleicht vor Kälte sterben, nicht aus Hunger. Bringen Sie uns egal wohin. Hauptsache, wir bleiben am Leben."

Über dieses Thema berichtete BR24 am 18. Oktober 2021 um 12:05 Uhr.