Migranten bewacht von Polizisten an der Grenze Polen - Belarus | dpa

Anwohner an der Grenze Polen - Belarus "So etwas habe ich noch nie erlebt"

Stand: 20.10.2021 20:46 Uhr

Anwohner an der polnischen Grenze zu Belarus sind völlig entsetzt über die Lage der geflüchteten Menschen, die sich in den Wäldern verstecken. Manche helfen so gut sie können - und so weit es legal ist.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Entlang der über 400 Kilometer langen Grenze, innerhalb des drei Kilometer breiten De-facto-Sperrstreifens, inmitten uralter Wälder und Sümpfe, leben nur relativ wenige Menschen. Aber doch genug, um nach außen zu tragen, was dort geschieht.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Wir erreichen Dorota aus dem Dorf Bialowieza am Telefon. Sie sagt: "Ich kann nur sagen, dass es schrecklich ist. Wenn ich durch unseren Ort gehe, sehe ich viel Armee und Polizei, ansonsten ist es menschenleer. Ich habe keinen Krieg erlebt, aber so stelle ich ihn mir vor."

Menschen verstecken sich in den Wäldern

Dorota lebt wie viele hier vom Tourismus und ist nun arbeitslos. Der polnische Staat hilft Unternehmen, die wegen des Ausnahmezustands schließen mussten, aber Dorota sagt: "Ich will keine Almosen, ich will arbeiten." Zur Angst um die eigene Zukunft aber gesellt sich das Bangen um die Fremden, die sich in den Wäldern ringsum verstecken, auf der Hut vor den Behörden und auf der Suche nach einem Weg in den Westen.

Dorota sagt: "Ich habe meine Strecke gleich am Naturpark und werde zweimal täglich von Polizei und Grenzschutz überprüft, ob ich nicht irgendwelche Flüchtlinge im Koffer habe. Ich lächle dann und sage nein, aber manchmal denke ich: Was wäre wenn? Ich würde am liebsten welche irgendwo hinfahren, ihnen Essen geben und was zum Anziehen", so Dorota.

Viele haben Mitleid und wollen helfen

Anders als 2015, als Migration ein fernes Medienthema war, sind die Menschen diesmal nicht abstrakt. Grenzlandbewohner Miroslaw Miniszewski sagte dem Internet-Sender Radio Nowy Swiat, er benutze das Wort "Flüchtling" nicht mehr. "Die fliehen nicht, die sind einfach hier, es sind Menschen."

Er erzählt weiter: "Wenn ich in den Wald gehe und dort einen Mann mit dünnem Pullover treffe, der dort seit drei Tagen herumläuft und aus Angst schreit, wenn er mich sieht und ich sage, dass er bei mir sicher ist und er mich dann umarmt und 20 Minuten lang weint, dann habe ich so etwas noch nie erlebt."

"Sollten wir uns auch so schrecklich verhalten?"

Den Menschen im Grenzland ist bewusst, dass das Regime im benachbarten Belarus seine Hände im Spiel hat. Aber wer mit dem konkreten Los dieser Menschen konfrontiert ist, belässt es nicht dabei, wie Julita aus dem Örtchen Stare Masiewo: "Das ist ein hybrider Krieg. Was die auf der anderen Seite machen, ist schlimm. Aber es kommt auch die Frage auf, ob wir uns auch so schrecklich verhalten sollten."

Nur ein paar hundert Meter sind es von ihrem Dorf bis zur Grenze; Migranten hätten bereits angeklopft. Sie habe sie versorgt mit warmen Socken, Essen, Wasser und dann als gesetzestreue Bürgerin den Grenzschutz informiert.

Mit klammem Gefühl, denn üblicherweise werden die Menschen dann "zurückgewiesen", wie das Aussetzen ganzer Familien an der Grenzlinie im Wald offiziell heißt. "Ich will dann weinen, nur das. Ich will weinen, denn ich weiß, dass es so ist und genau deswegen weine ich."

Jacek Tacik vom Privatsender TVN lernte in einem jordanischen Flüchtlingslager Hamza kennen, einen Syrer. Nach acht Jahren beschloss dieser, nach Deutschland zu gehen. Nun steckt er fest an der Grenze, dreimal wurde er von einem ins andere Land hin- und hergedrängt, erzählte er seinem polnischen Bekannten.

Der Sender strahlte dieses Telefongespräch aus: "Kein Wasser, kein Essen, ich glaube, ich habe seit 24 Stunden keinen Schluck getrunken. Ich will hier nicht sterben, Jacek, ich will hier nicht sterben."

Es ist eine Art Spiel zwischen der belarusischen und polnischen Seite. Zehn Kilometer von der Grenze steht der Rettungswagen der Organisation "Ärzte an der Grenze", voll ausgestattet mit Geräten und lebensrettenden Medikamenten. Doch der polnische Grenzschutz lässt die Freiwilligen nicht vor.

Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 21. Oktober 2021 um 00:15 Uhr.