Vor einem Supermarkt werden selbstgemachte Lebensmittel angeboten. | Andrea Beer/ BR
Reportage

Pokrowsk Wenn die Front näher rückt

Stand: 28.05.2022 05:37 Uhr

Bisher ist die Stadt Pokrowsk wenig von den Kämpfen betroffen gewesen. Durch die heftigen Kämpfe im Donbass rückt jedoch auch die Front näher heran, und der Ort ist ein Nadelöhr für Evakuierungen in Richtung Westen geworden.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Pokrowsk

Nudeln, ein paar Hygieneartikel und Milch, Kartoffeln, gelbe Rüben, Katzenfutter - aber weder Zucker noch Brot. Der kleine Supermarkt im Zentrum von Pokrowsk ist der einzige von insgesamt fünf dieser Kette im Ort, die noch offen haben, und viele Regale sind gähnend leer. Teilweise bilden sich Schlangen bis auf die Straße hinaus. Auch diese blonde Frau um die 50 wartet diesem Morgen. "Ich möchte Brot, Müsli, Milchprodukte, eigentlich alles", sagt sie "Es wird wenig geliefert und es gibt wenig Vorräte."

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

"Auch Medikamente sind ein Problem", ergänzt die braunhaarige Dame hinter ihr in der Schlange. "Ich habe mir gleich zu Beginn des Kriegs einen Vorrat angelegt." Mangel herrscht an Medikamenten, die früher aus Russland oder Belarus kamen und nicht durch andere ersetzt wurden. Was machen also Menschen mit chronischen und komplizierten Krankheiten - zumal auch 70 Prozent der Ärztinnen und Ärzte die Stadt verlassen hatten, heißt es im Rathaus. Allerdings sei inzwischen wieder ein Teil zurückgekehrt.

Supermarkt mit leeren Regalen in Pokrowsk | Andrea Beer/ BR

Im Supermarkt gibt es nur wenige Angebote. Viele haben bereits ganz geschlossen. Bild: Andrea Beer/ BR

Leiden unter der Transportblockade

Rund 100.000 Menschen leben in Pokrowsk und Umgebung. Hinzu kommen rund 2000 Menschen aus den umkämpfen Gebieten. Gleichzeitig sind Zehntausende Richtung Westen geflohen. Die Versorgungslage ist besser als vor rund zwei Monaten, so Vizebürgermeisterin Marharita Idrissowa. Sie sorgt sich dennoch: um Trinkwasser, Medikamente Energie- oder Lebensmittelversorgung.

Vizebürgermeisterin Marharita Idrissowa | Andrea Beer/ BR

Vizebürgermeisterin Idrissowa sorgt sich um die Versorgungslage. Bild: Andrea Beer/ BR

"Es gibt eine Transportblockade, weil niemand mehr in die Region Donezk fahren möchte. Wir sind die erste beziehungsweise letzte Stadt auf dem Weg in oder aus der Region und werden gerade nicht so besonders stark bombardiert", sagt Idrissowa. "Wenn es darum geht, Post Lebensmittel, Trinkwasser oder Benzin und Motoröl zu bringen und sie hören, das soll nach Pokrowsk in der Region Donezk,  dann sagen sie nein."

Vorbereitungen auf eine Einkesselung

Durch die heftigen Kämpfe im Donbass rückt auch die Front näher an Pokrowsk heran, und der Ort ist ein Nadelöhr für Evakuierungen in Richtung Westen geworden. Busse mit dem Schild "Kinder-Evakuierungen" fahren regelmäßig durch die Stadt. Der Ort will gewappnet sein: Sollten russische Truppen die Stadt zum Beispiel einkesseln - Schleichwege hinein und hinaus würden geprüft, alternative Trinkwassersysteme und Generatoren vorbereitet, so die energische Kommunalpolitikerin Idrissowa.

Evkauierungsbus für Kinder in Pokrowsk | Andrea Beer/ BR

Mit solchen Bussen werden Kinder evakuiert, auch aus den umkämpften Gebieten. Bild: Andrea Beer/ BR

Vor wenigen Tagen schlugen in Bahnhofsnähe erneut Raketen ein. Wie durch ein Wunder kam niemand ums Leben. Rund um die Einschlagsstelle nahe des Bahnhofs liegen noch Trümmer und Glasscherben."Wir räumen auf", sagt einer vom Putztrupp in knallorangefarbener Weste. Viele Einwohner sitzen zwar auf gepackten Koffern, doch trotz der Gefahr sind rund ein Drittel der 60.000 geflüchteten Einwohner wieder zurückgekehrt nach Pokrowsk.

"Wohin soll ich gehen?"

Auch Sergej steht wieder an seinem Fleischstand in der kleinen Markthalle. Zweieinhalb Monate lang sei er quer durch die Ukraine geflohen, doch das Geld sei nun alle. Das Metzgerehepaar Alexander und Irina hat nie ans Weggehen gedacht: "Nein. Wohin denn? Wir haben kein Geld und wer braucht uns? Unsere Verwandten kommen gerade wieder zurück aus Deutschland, Frankreich Polen auch aus anderen Teilen der Ukraine. Aber hier sind wenig Menschen die Preise sind niedrig und das Verkaufen ist schwer geworden."

Fleischhändler Alexander bei der Arbeit | Andrea Beer/ BR

Fleischhändler Alexander will nicht aus der Stadt weg. Bild: Andrea Beer/ BR

Alexander salzt ein Stück des berühmten Sala-Specks. Er lächelt und seine Frau seufzt: "Unser Salz aus Bachmut im Donbass. Die Fabrik ist zerstört und hat geschlossen. Es gibt kein solches Salz mehr in der Stadt."

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/27.05.2022

Pokrowsk ist Nadelöhr für Evakuierungen in Richtung Westen geworden. Bild: ISW/27.05.2022

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Mai 2022 um 08:39 Uhr.