Papst Franziskus | dpa

Papst Franziskus trifft Orban Ein vielleicht unliebsamer Besuch

Stand: 12.09.2021 05:32 Uhr

Der Papst besucht Ungarn und die Slowakei - so weit nicht ungewöhnlich. Dass Franziskus für Budapest aber nur wenige Stunden einplant, könnte auf eine bewusste Distanzierung zu Premier Orban hindeuten.

Von Rüdiger Kronthaler, ARD-Studio Rom

Wäre da nicht sein Schmunzeln gewesen, man hätte es dem Pressesprecher des Papstes fast abgekauft: Der Besuch in Budapest sei rein geistlicher Natur, Ziel sei allein der heute endende eucharistische Kongress, betonte Matteo Bruni auf die Frage, warum Franziskus nach nur wenigen Stunden in Budapest in die Slowakei weiterreise, wo er immerhin drei Mal übernachte. Doch dann musste Bruni selbst ein bisschen lachen. Denn Papstreisen stecken immer voller Symbolik, und neben der fast fluchtartigen Weiterreise lädt auch eine Äußerung von Franziskus zum Interpretieren ein.

Rüdiger Kronthaler ARD-Studio Rom

Bei einem Interview mit dem spanischen Radio Cope in der vergangenen Woche hatte der Papst auf die Frage, ob er Viktor Orban treffen werde, geantwortet, dass er das nicht sicher wüsste. Dabei stand das Protokoll der Reise längst fest, und es ist üblich, dass der Papst von obersten Repräsentanten eines besuchten Staates empfangen wird. Die scheinbare Ahnungslosigkeit in dem voraufgezeichneten Interview darf als bewusste Distanzierung verstanden werden.

Gegensätzliche politische Positionen

Politisch liegen die Positionen von Papst Franziskus und dem rechtsnationalen Orban weit auseinander: sei es bei der Aufnahme von Geflüchteten oder beim Thema "internationale Solidarität". Der Papst dürfte wissen, dass Orban den Handschlag mit dem obersten Hirten aus Rom für sich zu nutzen versucht. Im Vorfeld berichteten italienische Medien von Stimmen aus dem Vatikan, dass der Papst deswegen dem ungarischen Premierminister am liebsten ganz aus dem Weg gegangen wäre.

In Budapest wird Franziskus nach dem kurzen Treffen mit Orban im Museum der Schönen Künste die Messe zum Abschluss des eucharistischen Kongresses auf dem Heldenplatz in Budapest feiern. Nach dem Angelus-Gebet reist er in die Slowakei weiter. Am Montag wird der Argentinier in Bratislava unter anderem Holocaust-Überlebende und Vertreter der Jüdischen Gemeinde treffen und das Holocaust-Mahnmal besuchen.

Erinnerung an ermordete Jüdinnen und Juden

Er wird dort an die schätzungsweise 105.000 slowakischen Jüdinnen und Juden erinnern, die von Nationalsozialisten ermordet wurden. Bei der Verfolgung spielte die katholische Kirche eine ambivalente Rolle, besonders während der faschistischen Epoche der damals tief katholischen Slowakei. Der antisemitische Präsident Jozef Tiso blieb während seiner Regentschaft praktizierender Priester, und hetzte zeitweise von der Kanzel aus gegen Juden. Andererseits setzte sich der Vatikan für die Rettung von Juden ein. Möglicherweise wird sich der Papst dazu äußern.

Am Dienstag fährt Franziskus nach Kosice in die östliche Slowakei, wo er die Trabentenstadt Lunik 9 besucht. In dem Stadtteil wohnen fast ausschließlich Roma in sehr prekären Verhältnissen. Der Besuch soll den Blick auf die Roma als größte ethnische Minderheit Europas lenken und ihre Perspektivlosigkeit in vielen Teilen Europas ins Blickfeld rücken. Am frühen Abend ist dann ein Treffen mit Jugendlichen im Stadion von Kosice geplant.

Auch Überraschungen sind möglich

Die Papstreise ist wie üblich eng durchgetaktet, Überraschungen sind am Rand von Terminen oder im Flugzeug bei der Rückkehr möglich, wenn der Papst zu den Journalistinnen und Journalisten kommt und Fragen beantwortet. Möglicherweise wird er dann auch klarstellen, wie er es mit Orban nun hält. Oder er zieht es vor, wie sein Sprecher auf diese Frage nur freundlich zu lächeln.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. September 2021 um 10:00 Uhr.