Kardinal Marx - Archivbild Dezember 2020 | dpa

Nach Rücktrittsangebot Marx rechnete nicht mit Nein des Papstes

Stand: 10.06.2021 17:49 Uhr

Kardinal Marx hat sich überrascht gezeigt, dass der Papst sein Angebot zum Amtsverzicht ablehnt. Der Münchner Erzbischof will aber nicht zur Tagesordnung übergehen. Missbrauchsopfer glauben, vom angekündigten Neuanfang bleibe wenig übrig.

Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, ist von der schnellen Antwort des Papstes auf sein Rücktrittsgesuch überrascht worden. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass er so schnell reagieren würde. Auch seine Entscheidung, dass ich meinen Dienst als Erzbischof von München und Freising weiter fortführen soll, habe ich so nicht erwartet", hieß es in einer Stellungnahme des Erzbistums.

Marx steht zu seiner Verantwortung

Er werde "gehorsam" die Entscheidung des Papsts akzeptieren, kündigte Marx an. Es dürfe aber kein Weiter so geben: Er wolle im Erzbistum München überlegen, welche neuen Wege gegangen werden können und wie die Kirche erneuert werden könne. Marx erklärte, er empfinde die Entscheidung des Papsts "als große Herausforderung". "Danach einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen, kann nicht der Weg für mich und auch nicht für das Erzbistum sein."

Marx sagte, er bleibe dabei, dass er eine  persönliche Verantwortung tragen müsse und auch eine "institutionelle Verantwortung" habe. Angesichts der vielen Betroffenen des Missbrauchsskandals müsse deren Perspektive noch stärker einbezogen werden.

Beirat hofft auf Kurswandel

Der Brief aus Rom stieß bei Opfern des Skandals auf ein geteiltes Echo. Der Papst habe dem Rücktrittsangebot des Münchner Erzbischofs die Wucht genommen, kritisierte der Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch.

Besonders erschreckend sei, wie der Papst in seiner Erklärung versuche, die Verantwortung für Machtmissbrauch und Missbrauchsvertuschung durch Bischöfe weltweit zu relativieren, indem er darauf verweise, "dass früher eben 'andere Zeiten' gewesen seien", so Katsch. Von dem radikalen Neuanfang, den das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx andeutete, sei jetzt wenig geblieben.

Der Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln teilte mit, eine saubere Aufarbeitung könne nur geschehen, wenn sich die verantwortlichen Kardinäle und Bischöfe ihrer Verantwortung nicht entzögen. "Insofern hoffen wir, dass die Entscheidung wegweisend ist für möglicherweise weitere geplante Rücktritte in den deutschen Bistümern", sagte Beiratsmitglieder Peter Bringmann-Henselder.

Der Beirat hofft nun auf einen Kurswandel bei der Missbrauchsaufarbeitung in München. Die Herangehensweise müsse "sich radikal ändern. Nicht der Ruf der Kirche sollte bei der Aufarbeitung an erster Stelle stehen, sondern die Betroffenen", hieß es.

Erleichterung bei den Kirchen

Bei Vertretern der Kirchen stieß die Bitte des Papstes, Marx möge im Amt bleiben, auf Zustimmung. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, reagierte mit Erleichterung auf die Nachricht zu seinem Amtsvorgänger.

Der Limburger Bischof freue sich auf die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit dem Erzbischof von München und Freising, sagte ein Sprecher der Bischofskonferenz. Auch in Marx' Erzbistum München und Freising wurde die Ablehnung des Rücktrittsgesuchs unter anderen von Domdekan Lorenz Wolf gewürdigt.

Der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, sagte, er könne seine Erleichterung "nicht verhehlen". "Wir brauchen die Stimme von Kardinal Marx - für die Ökumene, für die Reformprozesse der Kirche und auch als Stimme öffentlicher Theologie", schrieb der EKD-Chef.

"Bleibt als starke Stimme erhalten"

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, sprach von einem "starken Brief" und "einer klaren Haltung". Deutlicher könne ein Papst nicht sagen, "dass er seine reformfähigen und reformwilligen Mitbrüder dringend braucht", sagte Sternberg. Marx bleib den Katholiken als starke Stimme erhalten.

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) betonte, dass das Verzichtangebot von Marx auch nach der Ablehnung ein wertvolles Zeichen bleibe.

Papst verwarf Angebot zum Rücktritt

Der Vatikan teilte heute in Rom mit, dass Papst Franziskus den Rücktritt von Kardinal Marx als Erzbischof von München und Freising ablehnt. In einem persönlichen Brief an Marx bat Franziskus ihn, im Amt zu bleiben. Marx, der seit 2008 an der Spitze des Erzbistums München und Freising steht, hatte vergangenen Freitag sein Rücktrittsangebot an den Papst öffentlich gemacht.

Diesem hatte er seinen Wunsch am 21. Mai in einem Brief mitgeteilt. Mit diesem Schritt wollte der 67-jährige nach eigenem Bekunden Mitverantwortung übernehmen "für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Juni 2021 um 14:00 Uhr.